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08.07.2006

 

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    VIA CLAUDIA - INNRADWEG - MANGFALLRADWEG - ISAR-INN-RADWEG 2005


    BERICHT
    Die Tour dauerte insgesamt sechs Tage, von Dienstag, den 9.8.2005 bis Sonntag, den 14.8.2005. Ausgangspunkt war Emsdetten bei Muenster. Fuer den ersten Teil nach Kempten nahm ich den Zug. Von dort fuhr ich noch am gleichen Tag mit dem Rad nach Fuessen. Nach einer Uebernachtung ging es auf der Via Claudia ueber Reutte und den Fernpass nach Imst. Dort wechselte ich auf den Innradweg und radelte flussabwaerts ueber Innsbruck nach Rosenheim. In Rosenheim fuhr ich den Mangfall- und schliesslich den Isar-Inn-Radweg, um Samstag am fruehen Abend Muenchen zu erreichen. Sonntag frueh ging es mit der Bahn zurueck.
     



    Fernpass, 1200 Meter, 10. August 2005, frueher Nachmittag

    "Hatte doch irgendwie Recht, der Reisefuehrer!", denke ich, waehrend ich mich schwer atmend und ausgepumpt an meinem vollgepackten Rad festhalte. Hiess es dort nicht unmissverstaendlich "weil die Ueberquerung des Fernpasses sehr schwierig" und "selbst fuer geuebte Mountainbiker teilweise zu schieben" ist, solle man ein Taxi nehmen. Selbst die Telefonnummer gab's dazu. [Via Claudia Augusta. Von der Donau ueber die Alpen an die Adria. Radtourenbuch und Karte 1:75.000. Ein original bikeline-Radtourenbuch, Verlag Esterbauer 2003, S.48] Der Satz will einfach nicht aus dem Kopf. Wie auch? Eine haemische Stimme macht sich das Vergnuegen, ihn immer wieder vorzulesen. Statt im Sattel zu sitzen und das beeindruckende Bergpanorama zu geniessen, suche ich nach einer anderen Griffposition, um das Rad auf dem steilen Geroellpfad weiter hochzuziehen.

    Ich versuche es mit der Kette des Fahrradschlosses, das um die Sattelstuetze gewickelt ist. Aber fuenfzig Kilogramm bleiben nun einmal fuenfzig Kilogramm, ganz gleich, wo man sie anfasst. Auf den wegrutschenden Steinen reicht es nicht einmal zu einem halben Meter. Ich blockiere die Bremse, um wenigstens die halbe Radumdrehung festzuhalten, mache einen Schritt nach vorn und nutze die Atempause vor dem naechsten Anlauf fuer einen lauten Fluch. Geroellstrecke

    "Wie ein roemischer Sklave", zwitschert die Stimme. Sehr witzig, aber der Hinweis liegt zugegebenermassen nahe. Schliesslich befinde ich mich auf der Via Claudia, der alten Roemerstrasse ueber die Alpen, die seit einigen Jahren als Radwanderweg neu entdeckt worden ist. Ich bin nicht der einzige, der sich auf diesem Weg vorwaerts bewegt - aber der einzige mit solchem Gepaeck. Waehrend die anderen klug genug sind, das Teilstueck ueber den Fernpass mit einem Rucksack anzugehen, haengen an meinem Fahrrad-LKW nicht weniger als fuenf Taschen.

    Sie moechten wissen, wie ich in diese Lage nahm. Nun ja, dann lesen Sie weiter.

    Wie so haeufig bei langfristigen Planungen kommt am Ende alles anders, als man denkt. Bislang unternahm ich meine Radtouren mit einem leichten Rennvelo und ebensolchem Gepaeck. Diesmal wollte ich den Langstrecken-Tourenfahrern ("Bikefreaks") nacheifern. Also verwandelte ich in den Wintermonaten ein MTB in ein ultrastabiles Tourenrad und beschaffte mir alles Noetige, um mich fuer mindestens zwei Wochen weitgehend autark durch Deutschland, Oesterreich und Italien zu bewegen. Anhand genauer Listen wanderte alles in die garantiert wasserdichten Satteltaschen. Als es im August Ernst werden soll, stellen sich private Hindernisse in den Weg. Einen Moment lang sieht es so aus, als wuerde die Tour ganz ins Wasser fallen. Als doch eine Luecke von sechs Tagen entsteht, geht alles ganz schnell und improvisiert.

    Bereits das kurzfristige Buchen bei der Bahn erweist sich als Problem. Um festzustellen, ob ein Fahrradplatz frei ist, verlangt das Buchungssystem der Bahn, dass die vollstaendige Fahrt eingegeben und ausgedruckt wird. Klappt es nicht auf Anhieb, beginnt ein zeitintensives Probieren. Ich plane, von Fuessen aus auf der Via Claudia ueber den Fern- und Reschenpass nach Italien zu fahren und dann mit der Bahn zurueckkehren. Die Bahnfahrt mit Rad nach Fuessen scheitert im August klaeglich an den fehlenden Stellplaetzen. Fuer die naechsten sieben Tage sei angeblich nichts mehr zu machen. Erst nach der Eingabe von Alternativzielen klappt es. Am naechsten Tag fruehmorgens ist auf der Strecke Koeln-Kempten noch ein Platz zu bekommen. Mit der frisch ausgedruckten Fahrkarte in der Hand geht's im Eilschritt nach Haus. Die fertig gepackten Taschen muessen neu geordnet werden. Die Haelfte des Inhalts kommt heraus, die freigewordene Haelfte fuellt Regenkleidung. Schliesslich laesst der Wetterbericht fuer den Rest der Woche nichts Gutes ahnen.

    Viertel nach sechs klingelt der Wecker. Das Rad hat die Nacht beladen im Flur zugebracht. Eine halbe Stunde nach dem Aufstehen rollt es fuegsam ueber die Stufen der Eingangstreppe auf die Strasse. Ich schwinge mich auf den Sattel, trete und ... es bewegt sich... wie ein LKW.

    Vor der Bruecke zum Bahnhof, da, wo sich die Strasse senkt, ist der Platz, um morgens auf dem Weg noch einmal Zeit gut zu machen. Das Alltagsrad laeuft hier von selbst. Was ich jetzt unter mir habe, bliebe ohne meine taetige Mithilfe einfach stehen. Alpen wir kommen!?

    Kurz vor sieben ist das Bahnhofsgebaeude erreicht. Emsdetten Bahnhof

    Der Morgen verspricht schoen zu werden, eine Ausnahme in diesem nasskalten Sommer. Die Pendler auf den hartgepolsterten Stuehlen im Gepaeckabteil schauen nach innen. Ein Mann ohne Zeitung traut sich als erster und nimmt das Rad langsam und gruendlich ab. Sein interessierter Blick wandert herauf und herunter entlang der Ausstattungsteile, die ihm merkwuerdig vorkommen. In Muenster leert sich der Zug. Bis hierher war es der Weg zur Arbeit. Einfach Sitzenbleiben und Weiterfahren hat fast etwas von Schwaenzen.

    Regen und Sonne im bestaendigen Wechsel lassen die Natur in diesem Sommer ueppig wuchern. Ein paar Jahre hintereinander derartiges Wetter und das Bergische Land kann in seinen Fremdenverkehrsprospekten mit subtropischer Vegetation werben. Mit Koeln ist die erste Etappe geschafft. Ich lerne Aufzuege auf Bahnsteigen schaetzen. Sind mir vorher nie aufgefallen.

    Koeln

    Zweiter Akt.

    Der IC nach Kempten laeuft ein. Der Wagenstandanzeiger verraet den wartenden Tourenradlern, dass die Stellplaetze ganz vorne hinter der Lok zu finden sind. Kaum ist das Rad vertaeut, gibt's den ersten Rueffel. Merke: Auch Raeder haben in der Bahn nummerierte Stellplaetze! Radabteil Es geht den Rhein entlang. Nicht jedem Mitreisenden war der Wettergott in den letzen Wochen hold. Der sportliche Schweizer neben mir mit seinem Sohn klagt, er habe nach vier Tagen Radwandern und Zelten bei stroemendem Regen aufgegeben. Die paedagogisch wertvolle Thementour, der Rhein von der Muendung zur Quelle, will er ein anderes Mal fortsetzen. Rhein

    Ich vertreibe mir die Zeit, indem ich die Kilometerangaben aus dem Radfuehrer in ein kleines, handliches Notizbuch zu uebertrage.

    Fuessen - Reutte 13
    Reutte - Lermoos 21,5
    Lermoos - Nassereith 19,5
    Nassereith - Imst 13,5
    Imst - Landeck 23,5
    Landeck - Pfunds 31,5
    Pfunds - Reschen 25
    Reschen - Glurns 21
    Glurns - Laas 14
    Latsch - Naturns 13
    Naturns - Meran 15,5
    Meran - Nalles 19,0
    Nalles - Bozen 14,5
    Bozen - Auer 17,0
    Auer - Salerno 15,0
    Salerno - Trento 29


    Beim Blick auf die Liste frage ich mich, was die Zahlen bedeuten? Sind in den Bergen 120 Kilometer oder eher die Haelfte realistisch?

    Je weiter der IC nach Sueden rollt und je groesser seine Verspaetung wird, desto mehr bessert sich das Wetter - eine sonderbare, aber eindeutige Relation. Buchstaeblich auf den letzten Kilometern vor Kempten hebt sich der Vorhang und gibt den Blick auf das grandiose Alpenpanorama frei. Als der Zug um Viertel vor sechs in Kempten einfaehrt, begruesst uns perfektes Fahrradwetter.

    "Sie muessen einen Augenblick warten", mahnt der Taxifahrer vor dem Bahnhof in Kempten zur Geduld, als ich ihn nach dem Weg nach Fuessen fragte. "Der Kollege mit dem Grossraum-Van kommt erst noch." Dass jemand radelnd dorthin will, draengt sich ihm nicht auf.

    Die Fahrt am fruehen Abend durch das Voralpenland verscheucht die letzten Zweifel, ob es richtig war, hierher zu kommen. Kempten Bei gutem Wetter und auf ausgebauten Radwegen vor der imponierenden Kulisse der Alpen zu radeln, ist vollkommener Genuss - pur, sozusagen. Anstiege und Abfahrten halten sich die Waage und lassen das Gepaeck vergessen. OK, sagen wir, es geht.

    An einigen Stellen zwischen Kempten und Fuessen muss sich der Radwanderer die Strasse mit den PS-Rittern teilen. Der groesste Teil der Strecke verlaeuft jedoch auf ausgebauten Radwegen. Auf den Gefaellstrecken ueberwindet das Rad muehelos seinen Abrollwiderstand. Als der Lenker bei der ersten laengeren Abfahrt heftig zu flattern beginnt, zeigt der Tacho 73 Kilometer an. Da haben wir doch gleich etwas zu erzaehlen fuer die langen Abende am Lagerfeuer.

    Nach etwa anderthalb Stunden ist das von Touristen ueberlaufene Fuessen erreicht. Die Suche nach einer Bleibe beginnt. Im Kampf ums Nachtquartier erweist es sich erneut als nicht zu unterschaetzender Vorteil, mit dem Rad unterwegs zu sein. Ein verzweifelt suchender Autofahrer zieht den kuerzeren. Ich fahre buchstaeblich in die Rezeption. Von hier aus noch einmal eine Entschuldigung dafuer, aber zu vorgerueckter Stunde ohne Zimmer in einem prall gefuellten Fremdenverkehrsort ist sich jeder selbst der Naechste. Eine Stunde spaeter bietet sich die Gelegenheit zu taetiger Busse. Ich trage Sorge, dass eine noch spaeter eingetroffene japanische Studentin das allerletzte Zimmer in Fuessen bekommt, indem ich ihr das Taxi finanziere. Wir kommen ueberein, dass sie sich in Tokio revanchiert.





    Nach einem ausgiebigen Fruehstueck beginnt am naechsten Morgen die eigentliche Tour auf der Via Claudia Richtung Reutte. Bei strahlendem Sonnenschein verlasse ich Fuessen ueber die Bundesstrasse. Die Fahrt geht vorbei an einem Wasserfall und fuehrt wenige Kilometer spaeter ueber die Grenze nach Oesterreich. Auf diesem Stueck erwarten den Tourenradler nur wenige kurze Anstiege. Der Radweg verlaeuft gelegentlich neben der Strasse, haeufig aber abseits durch schmucke kleine Ansiedlungen.

    Fuessen Den Radfuehrer lasse ich die meiste Zeit in der Lenkertasche und orientiere mich entweder an den Schildern oder fahre den anderen Radlern hinterher. Mir verschafft das Fahren "nach Gefuehl" noch vor dem Fernpass einen ersten Umweg ueber einen anspruchsvollen "Hoehenweg". Da die Ortsangabe auf dem Schild stimmt und der Anfang landschaftlich viel verspricht, strampele ich die ersten Serpentinen im Wald hinauf, um irgendwann nach einer von vielen steilen Kurven zu kapitulieren und das Rad zu schieben. Als ich den hoechsten Punkt erreiche, ist fast eine Stunde vergangen.

    Hoehenweg


    Eine lange steile Abfahrt vorbei an Holzstadeln und Bauernhoefen entlohnt einigermassen fuer die Strapaze. Es ist 14 Uhr, als ich Lermoos erreiche und mich in einem Supermarkt mit Proviant fuer den Rest des Tages eindecke. Da ich mir fest vorgenommen hatte, heute noch den Fernpass hinter mir zu lassen, verzehre ich die frischen Nussecken beim Weiterradeln. Im wenige Kilometer entfernten Biberwier legt der Radfuehrer eine Entscheidung nahe. Der Weg auf der Via Claudia ueber den Fernpass, heisst es unmissverstaendlich, sei selbst fuer geuebte Mountainbiker beschwerlich und streckenweise nicht zu fahren. Empfohlen werde daher, einen Huckepass-Express zu nehmen, der zweimal taeglich von Biberwier aus dieses Stueck umfahre. Das Timing ist perfekt. Fuenfzehn Minuten sind es bis zur naechsten Huckepack-Fahrt. Allein, jeder Fernradfahrer, zumal wenn er maennlich ist, weiss um die typische Wirkung solcher Warnungen.

    Hoehenweg Sie spornen eher an, als dass sie abschrecken. Und wie soll man auch spaeter am Lagerfeuer begruenden, dass man den Pass mit einem Auto genommen hat?

    Waehrend die erste bereits steiler ansteigende Passage nach Biberwier noch neben der Strasse verlaeuft, wechselt der Weg bald in ein Waldstueck. Dort, wo der Pfad den Wald verlaesst, eroeffnet sich ein berueckend schoener Blick auf einen blaugruen schimmernden Bergsee.

    Fernpass1



    Unmittelbar danach beginnt die beschriebene Schiebestrecke.


    Geroell Da irgendwann die regulaere Passstrasse verfuehrerisch nahe an der Via Claudia vorbeifuehrt, lasse ich Roemer Roemer sein und betaetige mich auf der Bundesstrasse als Verkehrshindernis. Bald schnaufen eine Handbreit hinter mir mehrere Hundert Pferdestärken eines Sattelschleppers, im niedrigen Gang laut hochdrehend und muehsam gekuehlt von heulenden Ventilatoren. Nerven sind gefragt. Nach gut einer halben Stunde, das Zugspitzaussichtsrestaurant liegt inzwischen hinter mir, ist es endlich geschafft. Der Ort Fern ist erreicht.

    Fernpass2 Der Bikeline-Fuehrer empfiehlt, sich an dieser Stelle rechts zu halten, um wieder auf die Via Claudia zu gelangen. Nach einer kurzen Passage entlang des Flussbetts zweigt der Weg in einen Nadelwald ab. Auch dieses Teilstueck ist eine typische Mountainbike-Passage. Fast eine halbe Stunde lang bringe ich stehend auf den Pedalen zu und federe die Stoesse der Wurzeln, tiefen Auswaschungen und Steinbrocken ab. Das letzte Stueck vor dem Schloss Fernstein entschaedigt fuer die Ruettelpiste.

    Fernstein
    Der Weg an dieser Stelle ist schmal, besteht aber aus festem, gut zu fahrendem Erdreich. Er verlaeuft dicht am Fels entlang. Zwischen den Baeumen bieten sich dem Radwanderer wunderschoene Durchblicke ins Tal.

    Fernstein



    Am Ortseingang von Nassereith, der bald erreicht ist, locken links und rechts sirenengleich die schmucken Pensionen. Die Schwierigkeiten der Quartiersuche in Fuessen noch vor Augen waege ich ab. Heiß duschen, die Beine lang machen, eine verlockende Vorstellung nach neun Stunden auf dem Rad. Andererseits ist es erst sechs. Jetzt aufhoeren, hiesse kostbare Zeit verschenken. Die Strasse ist abschuessig. Das entscheidet. Es reicht, die Bremsen freizugeben und gehorsam setzt sich der Drahtesel wie von selbst in Gang.

    Nach ca. 1-2 Kilometern biege ich auf eine sogenannte "Forstautobahn".


    Der federnde Waldboden tut den strapazierten Gelenken gut. Ueber etliche Kilometer verlaeuft der Weg durch den Forst und windet sich schliesslich entlang eines Baches. Kurz vor Imst wartet ein kurzer steiler Anstieg zum Ortseingang auf den Radwanderer. Danach ist es geschafft. Imst ist erreicht. Die Belohnung wartet in Gestalt einer freundlichen und preiswerten Pension. 20 Euro, der Standard fuer Zimmer in Privatpensionen derzeit, kostet mich ein Zimmer unter dem Dach, inkl. eines dicken Federbetts und einer heissen Dusche. Die Empfehlung der ueberaus hilfsbereiten Wirtin, ein paar Strassen weiter ein Speiserestaurant aufzusuchen, bleibt indes unbeachtet. Ich bin froh, heute meine Knie nicht mehr beugen zu muessen, belasse es bei ein paar Glaesern klaren Wassers aus dem Hahn und ziehe mir zeitig das Federbett ueber die Nase.

    Sehr zu empfehlen: Landhaus Walch, Tel +43(0)5412/66659; Am Raun 1, 6460 Imst -


    Walch



    Andere preiswerte Pensionen in Imst: hier

    Am naechsten Tag steht die Entscheidung ueber die Weiterfahrt an: Ueber den Reschenpass oder Richtung Innsbruck? Das Gespraech mit der Wirtin und der strahlend blaue Himmel geben den Ausschlag fuer den Innradweg. Das Wetter der letzten Tage, versichern mir die uebrigen Feriengaeste, sei durchweg besser als die Vorhersage gewesen. Die Wirtin reicht mir die Zeitung, damit ich mich selbst ueberzeugen kann. Das reichhaltige Fruehstueck schmeckt. Es fehlt an nichts. Ansteigende Tendenz - darauf setzen wir. Von guten Wuenschen begleitet geht es in die Garage im Kellergeschoss zur Montage der Taschen. Eine mit frischem Wasser gefuellte Zwei-Liter-Flasche wandert in die Halterung. Was nun noch fehlt, ist der Bikeline-Fuehrer fuer den Innradweg. Das Touristenbuero bedauert, macht aber Mut.

    Imst Die beiden Buchlaeden auf der Hauptstrasse verkauften den Fuehrer. So ist es. Selbst Briefmarken haelt der Laden bereit. Unter der Bedingung, dass ich nicht zur Post hinauf muss, gibt es eine Postkarte fuer die Kids zu Hause. Der Briefkasten findet sich um die Ecke. Alles sieht nach einem Glueckstag aus.

    Imst liegt hoch ueber dem Inn. Also wird jede Wegbeschreibung doppelt geprueft. Eine gewisse Vorschaedigung durch den gestrigen Tag will ich nicht leugnen. Nachdem der richtige Weg gesichert scheint, darf Drahtesel galoppieren. Immer weiter bergab geht es durch den Ort, bis der Inn in Sicht kommt.

    Beim Imst gebe es neuerdings zwei Innradwege, hat mir die junge Frau im Touristenbuero erklaert, und zwar links und rechts des Flusses. Beide vereinten sich flussabwaerts bei Roppen. Zu entdecken ist nur einer der beiden und der fuehrt auch gleich wieder steil den Berg hinauf. Neben mir schiebt ein freundliches Ehepaar seine Bikes. Auch sie reisen nur mit Rucksack. Ein Radtrikot und Rei in der Tube, lautet ihre Empfehlung fuer das Gewichtsproblem. Ich schliesse mich ihnen ein Stueck weit an und tausche Erfahrungen aus. Sie kommen von Scuol aus der Schweiz, also von der Quelle her. Irgendwann packt mich der Ehrgeiz. Ich steige in die Pedalen und siehe da, die Uebung vom Vortag zahlt sich aus. Nach einer Viertelstunde ist der hoechste Punkt erreicht. Der Weg verlaeuft entlang des Berghangs mitten durch kleine Bergdoerfer. Unter dem Strich geht es nun ueberwiegend abwaerts.

    Roppen

    Die Berge liegen hinter mir, genauer, sie erstrecken sich nun links und rechts als imposante Kulisse fuer entspanntes Radwandern. Nach einer letzten langen Abfahrt durch ein Waldstueck erreicht der Radweg das Ufer des Inns, der hier oben noch ein ungezaehmter Bergfluss ist.

    Im weiteren wechselt der Innradweg gelegentlich das Ufer. An seiner Beschilderung gibt es nichts auszusetzen. Kein Vergleich mit dem Ratespiel auf der Via Claudia! Im seltenen Zweifelsfall bietet sich der Fluss selbst zur Orientierung an.

    Inn Oberlauf Mit wenigen Unterbrechungen verbringe ich den ganzen Tag im Sattel und versorge mich mit kurzen Zwischenmahlzeiten. In einem kleinen Supermarkt am Weg greife ich als einziger Kunde kurzentschlossen zum Glas mit einem Komplettmenue fuer Zweijaehrige- Nudeln mit Fleischbaellchen und Gemuese. Gar nicht so schlecht fuer den kleinen Hunger zwischendurch, solange ich inkognito bleiben kann.

    Im Laufe des Tages passiert der Radweg Apfelbaumplantagen, Maisfelder, malerische Wallfahrtsorte und immer wieder Allgaeuer Bauernhoefe, wie von der Postkarte abgezogen und an den Weg gestellt, waehrend sich das Inntal langsam weitet und der Hauptdarsteller dieser Landschaft nun deutlich behaebiger dahinfliesst.

    Allgaeuer Hof


    Das naechste Etappenziel heisst Innsbruck. Am fruehen Nachmittag ist die ehemalige Residenzstadt der Habsburger erreicht. Innsbruck
    Da der Bikeline-Fuehrer bei seinen Schilderungen, wie man die Stadt mit dem Rad durchquert, einen Knoten im Kopf flechtet - er beharrt darauf, unbedingt Radwege auszuweisen, auch wo ihre Benutzung auf einen grossen Umweg hinauslaeuft - frage ich einen jungen Mann nach seiner Empfehlung. Dieser entpuppt sich als Stadtplaner und wartet mit der erhofften Kurzbeschreibung auf. Rechts am Inn weiterfahren, alles ignorieren, inkl. der kurzen Einbahnstrasse, und dann einfach warten, bis einen die grosse Bruecke auf die linke Seite leitet. So klappt es.

    Mit der Beschreibung in der Tasche genehmige ich mir einen kurzen Abstecher in die beruehmte Innenstadt.

    Innsbruck
    Zur Hochsaison im August eher ein Erlebnis zum Abgewoehnen als zum Geniessen angesichts der Menschenmassen, die sich durch die Altstadt waelzen. Nach ein paar obligatorischen Schnappschuessen nehme ich reissaus.

    Innsbruck 2005
    Vor und hinter Innsbruck passiert der Radweg Fabriken, Klaerwerke, Bauhoefe und Wertstofflager - nicht immer ein Fest der Sinne. Erst in entsprechendem Abstand zur Innmetropole stellt sich der beschauliche Charakter des Landes wieder ein. Am Nachmittag versuche ich zur Abwechselung mit einem Paar Rennradler mitzuhalten. Irgendwann packt sie der Ehrgeiz und sie ziehen davon.

    In den kuehleren fruehen Abendstunden - am Tag zeigte das Radthermometer 38 Grad - laesst sich entspannt dahinradeln. Da es so gut laeuft, fahre ich laenger, als ich sollte. Merke: Im Allgaeu steht man frueh auf und geht zeitig zu Bett. Um sieben Uhr spaetestens sollte man sein Zimmer als Radtourist bezogen haben, danach werden in den Privatquartieren nur noch die wenigen Restplaetze gefuellt.

    Das Dorf vor mir sieht friedlich aus. Schwaz Ich halte vor einem Kruzifix.

    Der Heimatverein hat hier eine Bank spendiert und ich nutze die Gelegenheit um eine Kurzfassung des Tages per SMS an meinen Bruder zu senden, den es nach Frankreich verschlagen hat. Schwaz Er beneide mich, kommt prompt die Antwort. Die Lichtmaschine seines Autos sei ausgefallen. Meine steckt in den Beinen. Was soll da passieren? Ich naehere mich auf perfektem Asphalt der Ortschaft, erkundige mich bei zwei Maennern nach einer preiswerten Pension und werde auf zwei Bauernhaeuser verwiesen. Ich wende, fahre zurueck. Beide Haeuser sind voll besetzt. Ein Bauer auf seinem Traktor raet mir zu einem Hotel am Ortseingang. Ich fahre hin, entdecke nur Autos der Oberklasse und beschliesse, gar nicht erst zu fragen. Die naechste Empfehlung eines Einheimischen lautet, es beim "Scholler" in der Innenstadt auf der anderen Innseite zu versuchen. Der "Scholler" zuckt die Achseln, telefoniert mit einem Kollegen. Auch von dort kommt ein Nein. "Da hascht ein Problem", grinst er. "Hier ist nix zu mochn. Solltest halt frueher fragen" Seit meiner euphorischen Einfahrt in die Gemeinde ist eine Stunde vergangen. Es wird dunkel und ich langsam kleinlaut. "Du kannst nach Jenbach weiterradeln", schlaegt der Scholler vor. "Das sind 12-15 Kilometer. Die haben mehr Kapazitaet als wir." Wie komme ich nach Jenbach? Am besten zurueck und dann immer links halten, weil Jenbach oberhalb des Radweges liege, lautet seine Empfehlung.

    Das Stimmungsbarometer weist erst einmal nach unten. Zum Glueck faellt die Orientierung durch den Fluss auch in der Abenddaemmerung leicht. Um gesehen zu werden, schalte ich die Radbeleuchtung an. Fuer meine Orientierung reicht das Restlicht des Tages aus. Allmaehlich wird es stiller. Die meisten Wohnungen sind mittlerweile erleuchtet. Erstmals nehme ich das Surren der Reifen auf dem Asphalt wahr, waehrend ich Felder und Gebaeude passiere. Der Radweg verlaeuft hier fast nirgendwo durch die Ortszentren, sondern durch die freie Natur und die Gewerbegebiete. Auf eine Pension mit freien Zimmern zu stossen, ist nahezu ausgeschlossen. Mir bleibt reichlich Zeit zum Ueberlegen. Was tun, wenn es nicht klappt? Die Nacht durchradeln? Auf einer Bank oder im Gebuesch naechtigen? Nach einer dreiviertel Stunde kommen langsam die Lichter eines Ortes naeher. Vor mir liegt ein holzverarbeitender Betrieb. Die grossen Hobel- und Saegemaschinen sind von weitem zu hoeren. Zwischen den Fabrikgebaeuden hindurch erreiche die Eingangstrasse Jenbachs. Es ist Schichtwechsel. Auf ein Handzeichen hin haelt ein Wagen. Ich wiederhole meine Frage nach einer preiswerten Unterkunft. Der Fahrer stoppt einen zweiten und man beratschlagt. Der Jenbacher Hof sei fuer mich das Richtige. Links halten und dann "bergobi", lautet die Kurzbeschreibung. Ich schliesse messerscharf, dass es sich nicht um die Allgaeuer Filiale eines bekannten Baumarktes handelt, sondern um die Ankuendigung einer Steilpassage. Als ich die Hauptstrasse erreiche, schalte ich mehrere Gaenge zurueck, sehr zum Gaudium der Dorfjugend, die mich im Laufschritt einholt und ueberholt. Irgendwie sehe ich mit meinem Helm und dem Lastesel unter mir nicht wirklich cool aus. Nach zehn Minuten Kurbeln ueberquere ich eine Holzbruecke und siehe da, vor mir, hell erleuchtet, liegt ein grosses Hotel, der "Jenbacher Hof".

    Jenbach "Haben wir, 50 Euro!", der Portier, wie sich spaeter herausstellt, ein Philosophiestudent aus Innsbruck, beantwortet meine Frage nach einem Zimmer wie aus der Pistole geschossen. Mittlerweile ist es Viertel vor zehn. Mir ist nicht nach Sauna und Schwimmbad, allesamt Einrichtungen, die das Hotel bietet, sondern nach einer heissen Dusche und einem gepflegten Weizenbier. Beides bekomme ich innerhalb der naechsten halben Stunde und damit ist nicht nur der Abend, sondern auch der Tag gerettet. Der Student-Portier plant selber eine Reise nach Indien. Wir tauschen Reiseerfahrungen aus. Irgendwann ist es Mitternacht und wir brechen unser Gespraech ueber Gott, die Welt, ihre Unuebersichtlichkeit und Sir Karl Poppers Beitrag zur Aufklaerung ab.

    Das Fruehstueck laesst erwartungsgemaess keine Wuensche offen. Das Hotel ist voller Eisenbahnenthusiasten, die sich die "weltberuehmte dampfbetriebene Zahnradbahn" in

    Jenbach anschauen und von Kanada und Australien hierher kommen. Ich staune nicht das erste Mal, wohin es einen per Zufall verschlaegt - und schweige, um nicht den Lokalstolz zu kraenken. Was ich gestern noch hochgekurbelt bin, erleichtert den Einstieg in den neuen Tag. Binnen weniger Minuten bin ich wieder am Inn unterwegs.



    Vorbei an Woergl fuehrt der Weg nach Kufstein.

    kufstein
    Im Gefuehl, gut in der Zeit zu liegen, faellt der Entschluss, sich das erste regulaere Mittagessen auf dieser Tour zu leisten. Gegenueber einem malerischen alten Weinlokal laden Tisch und Stuhl zum Verweilen ein.

    Kufstein Der Besitzer des urtuemlichen Restaurants ist ... ein Serbokroate. Auch in Oesterreich ist die Gastronomie an vielen Stellen nicht mehr in der Hand von Einheimischen, was, wie ich an einer lautstarken Auseinandersetzung mitbekomme, nicht jedem gefaellt. Die Mischung aus professioneller Freundlichkeit im Fremdenverkehrsgewerbe und manifestem Fremdenhass irritiert.
    Unmittelbar hinter Kufstein ueberquert der Radweg das erste Mal die deutsche Grenze. Er verlaeuft hier in einer Schleife und scheint wieder flussaufwaerts zu fuehren. Kurz bevor ich anhalte und umkehre, taucht vor mir eine kleine Faehre ueber den Inn auf. Warum nicht den Fluss einmal so geniessen? Ich entdecke die Faszination der Langsamkeit, fuer einen Moment.

    Innfaehre
    Die Alpen treten langsam in den Hintergrund und liefern noch einmal ein Postkartenpanorama.



    alpen
    Der breit gewordene Fluss schlaegt an dieser Stelle einen Bogen nach Norden. Es gibt mehr Platz, auch fuer den Radweg. Auf Holzbruecken geht es hin und her ueber die "Staatsgrenzen". Staatsgrenze
    In Erinnerung an die Schwierigkeiten der letzten Tage beim rechtzeitigen Buchen einer Unterkunft beginne ich frueh mit der Suche - ohne greifbaren Erfolg. Als Einzelradler, erlaeutert ein Pensionswirt, habe man es einfach schwerer. Das wisse er noch aus eigener Erfahrung. Die Regel seien Doppelzimmer.
    Kurz vor Rosenheim faellt der Entschluss, den Radweg zu verlassen, da er keine Ortschaften mehr direkt beruehrt. In Engelskirchen feiern in einer Neubausiedlung die Anwohner ein Nachbarschaftsfest. "Fahren's zum Andretter. Das ist die Wirtschaft gleich neben der Kirche.", empfiehlt ein maennlicher Teilnehmer der froehlichen Runde. Als nach 45 Minuten und etlichen Nachfragen der "Andretter" in Engelskirchen noch nicht erreicht ist, daemmert mir, dass mein Ratgeber die Entfernung in BMW-Minuten kalkuliert haben muss. Der "Andretter" entpuppt sich als ein grosses Freiluftrestaurant, das am lauen Sommerabend voll ausgelastet ist. Im Eingangsflur zur Kueche, wo die Wirtin residiert, herrscht mehr Betrieb als am Sonntag auf einer bayerischen Landstrasse. Das Personal spurtet herein und heraus. Auf Zehenspitzen an die Wand gelehnt, trage ich die Quartierfrage vor. "Da", zeigt die Wirtin auf den Platz neben der Kasse, "liegt eine Liste und da ist ein Telefon. Damit koennen sie's versuchen. Wir haben keine Zimmer." Die Liste fuellen "Ober- und Unterratshausens", "-rieds", "-hams", "-bichls" und andere nie gehoerte Namen in beliebiger Kombination, wie es scheint. Das erste Auswahlkriterium ist der Preis. Ich versuche es mit dem ersten Ort. "Ist das in der Naehe?" Die Wirtin schuettelt zwischen zwei Bestellungen den Kopf. Ich probiere etwas anderes. "Und das?" "Joa." "Mer san leider schon voll", erfahre ich zwei Minuten spaeter. Das Spiel beginnt von Neuem. "Ist Altenham in der Naehe?" "Zwei Weisse bitte fuer Tisch sechs!" "Noa!" Das gilt mir. "Und wie ist es mit Fussen?" "Dreimal Wuerschtel". "Joa". "Mer vermieten jetzt nicht, erst im September wieder. Wir bauen naemlich um und alles ist so staubig." Es sehe meine Felle schwimmen und gehe in die Offensive. Das mache ueberhaupt nichts. Zu Hause bauten wir auch gerade um, flunkere ich. Ueberhaupt gehe es nur um ein Bett irgendwo in der Ecke. "Aber Fruehstueck konn i iana net mochn." Ich jubiliere. "Kein Problem mit dem Fruehstueck. Ich gehe gerne in eine Baeckerei." Es folgt eine laengere Beschreibung, die mit lauter unvertrauten Namen gespickt ist. Die Wirtin hat damit gerechnet und reicht mir wortlos Zettel und Bleistift.

    Fussen

    Um die Ecke ist es nicht, aber bis zum Sonnenuntergang scheint es erreichbar. Was ich schuldig sei, frage ich in Richtung Kueche. "Das geht auf die Gastlichkeit." Ich leiste meinem BMW-Fahrer stumm Abbitte. So schlecht war der Tipp nicht. Merke: Auch ein Quartier gibt's bei solchen Touren selten auf dem silbernen Tablett.

    Zurueckgerollt auf die Hauptstrasse halte ich noch einmal vor dem Ortsplan. Jetzt erst daemmert es mir, dass Engelskirchen der Sammelname fuer viele kleine Ansiedlungen ist. Kein Wunder, dass das Zentrum nicht zu finden war. Nun suche ich nach "Fussen" und werde mit Hilfe eines freundlichen aelteren Herrn fuendig. Er will mir unbedingt eine Abkuerzung durch den Wald nahe legen. Ich bin froh, dass wenigstens eine Beschreibung sitzt. Keine Experimente, ermahnt mich eine innere Stimme, und nicht mit dem Kopf wackeln, sonst faellt noch ein Detail heraus! Zehn Minuten spaeter erklimme ich den beschriebenen Huegel.

    Fussen


    Der Baukran weist weithin sichtbar den Weg zum Quartier, wo ein paar Katzen, noch mehr Kaelber und der Hofhund den spaeten Gast willkommen heissen.

    Baukran

    Aus einem gepflegten Weizenbier wird heute Abend nichts mehr. Da muesse ich zurueck zum "Andretter", bedauert die Wirtin. Das sei die einzige Gastwirtschaft in der Naehe. So mache ich's wie die Bauersleut und zieh mir einmal mehr fruehzeitig die Decke ueber den Kopf. Keine falsche Entscheidung, denn am naechsten Morgen melden sich lange vor sieben die Kuehe.

    Der erste Blick nach dem Aufstehen geht zu den Fensterscheiben auf der Hofseite. Es regnet. Ich lege den Regenumhang bereit und die uebrige Regenkleidung in den Taschen nach oben. Zum Glueck steht das Fahrrad trocken in der offenen Garage. Nachdem die Taschen angebracht sind, geht es den stufenlosen Hang hinauf. Zum Inn soll ich nach der Beschreibung linksherum fahren, dann ueber die Bundesstrasse und in der Ortschaft rechts den Berg herunter. Nach wenigen hundert Metern reisst die Wolkendecke auf und schon bald betoert strahlendes Blau den staunenden Radwanderer. Wie macht man solches Wetter? Das Regencape wandert in die Tasche und es geht sommerlich bekleidet weiter. In Engelskirchen strebt eine Frau mit provozierend grosser Broetchentuete eilenden Schrittes nach Hause zum Fruehstueckstisch. Sie gibt den letzten Anstoss fuer die Suche nach frischen Broetchen. Gleich um die Ecke werde ich fuendig. Als ich nach einer halben Stunde die dritte Runde fuer meinen Ecktisch bestelle, draengt es mich, wenigstens kurz zur Erlaeuterung auf den Radfahrerhunger hinzuweisen. Das Personal nickt verstaendnisvoll und ich setze genussvoll die Kalorienaufnahme fort.

    Der Zufall will, dass in der Zwischenzeit das Fahrradgeschaeft gegenueber seine Pforten oeffnet. Zwar erhalte ich dort nicht die erhoffte Radwanderkarte, dafuer aber den Rat, nach Muenchen dem Mangfallradweg zu folgen. Ich gestehe bereitwillig meine Ignoranz und erfahre, dass es sich um einen Nebenfluss des Inns handelt. Bislang habe ich mich auf meiner Tour ohne festes Ziel treiben lassen. Nun stehen ein paar Vorbereitungen an. Die erste besteht darin, in Muenchen ein Zimmer zu buchen. Es klappt auf Anhieb. Etwas laenger dauert es, im Rosenheimer Bahnhof einen Radfahrstellplatz von Muenchen nach Muenster am Sonntag zu bekommen. Irgendwann ist auch das geschafft. Zuguterletzt treibe ich in der Bahnhofsbuchhandlung einen Plan des ADFC-Bayern fuer den Rest der Strecke auf. Sicher ist sicher. Den Mangfall in Rosenheim zu finden, bereitet dagegen keine Probleme. Der Blick auf die Karte bestaetigt, dass man mit diesem Radwanderweg, was die Grobrichtung Muenchen angeht, gut aufgehoben ist.

    Der Mangfall - abgeleitet uebrigens von der "Mannigfaltige" - traegt einen ganz anderen Charakter als der Inn in seinem Oberlauf. Er ist ueber weite Strecken flach, wegen des Untergrunds braeunlich schimmernd, dabei aber klar und fliesst alle hundert Meter ueber kleine Treppenstufen ("Sohlrampen"), die man fuer den Fischaufstieg angelegt hat.

    Mangfall

    Auch hier herrscht wenig Verkehr. Vereinzelte Jogger, wenige Radfahrer und ein paar Fussgaenger bewegen sich auf dem Weg. Der erste Orientierungspunkt von Rosenheim aus heisst Bad Aibling. Auch danach geht es lange Zeit unmittelbar am Fluss entlang. Allein der Untergrund ist gemessen am komfortablen Innradweg grob und mitunter eine arge Ruettelstrecke.

    Als der Weg den Fluss verlaesst, verfahre ich mich prompt. Die Karte legt nahe, geradeaus zu fahren, das Radwegschild weist nach rechts. Rechts stellt sich als falsch heraus. Um nicht den gleichen Weg zweimal zu fahren, versuche ich, auf den urspruenglichen Kurs nach grober Himmelsrichtung zurueckzukehren und finde ich mich bald auf einer Berg- und Talfahrt durchs bayerische Hinterland wieder.

    Landkreis Muenchen

    Immerhin ist die Landschaft abwechselungsreicher als das letzte Stueck an der Bahnstrecke. Sporadisch bevoelkern Freizeitradler aus Muenchen die Wege. Sie nutzen die Moeglichkeit, mit der S-Bahn hinauszufahren, um im Umland einzukehren. Ab Aying leistet die Karte wieder gute Dienste. Die Fahrt geht weiter auf wenig befahrenen Landstrassen und endet auf dem Isar-Inn-Rundweg, der streckenweise durch dichte Forste fuehrt.

    Inn Isar Radweg

    Das Schild Landkreis Muenchen zeigt die Naehe der Landeshauptstadt an und schliesslich ist die Stadtgrenze erreicht. Im Prinzip heisst es jetzt nur noch geradeaus fahren, dann sollte irgendwann das Deutsche Museum an der Isar auftauchen. Langsam steigt die Ungeduld. Das erste Mal seit Beginn der Reise gibt es ein konkretes Ziel - ein bisschen ist es wie mit dem auslaufenden Wasser in der Badewanne. Erst sinkt der Pegel kaum merklich, um zum Schluss in einem Strudel zu enden. Aber Muenchen zieht sich. Ausgerechnet hier erweist sich der Kompass am Lenker als nuetzlich. Er zeigt an, dass die vermeintlich gerade Strasse die Himmelsrichtung langsam aendert und meinen Weg unversehens auf einen Suedkurs umpolt. Da wollen wir nicht mehr hin, jedenfalls diesmal nicht. Alles hat ein Ende. So auch der Muenchener Stadtrand und schliesslich gibt das Haeusermeer den Blick auf die Isarbruecke frei. Was fuer ein Gefuehl! Da passt es, dass mich die Muenchener Pensionswirtin grantig wie schon seit zwanzig Jahren empfaengt. Es haelt den leichten Anflug von Sentimentalitaet, die sich am Ende der Reise ungebeten einstellen will, in den angemessenen Grenzen.


    rathausplatz muenchen

     
     
     

     
       

     

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       © 2006/05/20 by Michael Prinz;  elektr. Mail:  eMail