| | VIA CLAUDIA - INNRADWEG - MANGFALLRADWEG - ISAR-INN-RADWEG 2005
Fernpass, 1200 Meter, 10. August 2005, frueher Nachmittag
"Hatte doch irgendwie Recht, der Reisefuehrer!", denke ich, waehrend ich mich
schwer atmend und ausgepumpt an meinem vollgepackten Rad festhalte. Hiess es
dort nicht unmissverstaendlich "weil die Ueberquerung des Fernpasses sehr
schwierig" und "selbst fuer geuebte Mountainbiker teilweise zu schieben" ist,
solle man ein Taxi nehmen. Selbst die Telefonnummer gab's dazu. [Via Claudia
Augusta. Von der Donau ueber die Alpen an die Adria. Radtourenbuch und Karte
1:75.000. Ein original bikeline-Radtourenbuch, Verlag Esterbauer 2003, S.48] Der
Satz will einfach nicht aus dem Kopf. Wie auch? Eine haemische Stimme macht sich
das Vergnuegen, ihn immer wieder vorzulesen. Statt im Sattel zu sitzen und das
beeindruckende Bergpanorama zu geniessen, suche ich nach einer anderen
Griffposition, um das Rad auf dem steilen Geroellpfad weiter hochzuziehen.
Ich versuche es mit der Kette des Fahrradschlosses, das um die Sattelstuetze
gewickelt ist. Aber fuenfzig Kilogramm bleiben nun einmal fuenfzig Kilogramm,
ganz gleich, wo man sie anfasst. Auf den wegrutschenden Steinen reicht es nicht
einmal zu einem halben Meter. Ich blockiere die Bremse, um wenigstens die halbe
Radumdrehung festzuhalten, mache einen Schritt nach vorn und nutze die Atempause
vor dem naechsten Anlauf fuer einen lauten Fluch.

"Wie ein roemischer Sklave", zwitschert die Stimme. Sehr witzig, aber der
Hinweis liegt zugegebenermassen nahe. Schliesslich befinde ich mich auf der Via
Claudia, der alten Roemerstrasse ueber die Alpen, die seit einigen Jahren als
Radwanderweg neu entdeckt worden ist. Ich bin nicht der einzige, der sich auf
diesem Weg vorwaerts bewegt - aber der einzige mit solchem Gepaeck. Waehrend die
anderen klug genug sind, das Teilstueck ueber den Fernpass mit einem Rucksack
anzugehen, haengen an meinem Fahrrad-LKW nicht weniger als fuenf Taschen.
Sie moechten wissen, wie ich in diese Lage nahm. Nun ja, dann lesen Sie weiter.
Wie so haeufig bei langfristigen Planungen kommt am Ende alles anders, als man
denkt. Bislang unternahm ich meine Radtouren mit einem leichten Rennvelo und
ebensolchem Gepaeck. Diesmal wollte ich den Langstrecken-Tourenfahrern
("Bikefreaks") nacheifern. Also verwandelte ich in den Wintermonaten ein MTB in
ein ultrastabiles Tourenrad und beschaffte mir alles Noetige, um mich fuer
mindestens zwei Wochen weitgehend autark durch Deutschland, Oesterreich und
Italien zu bewegen. Anhand genauer Listen wanderte alles in die garantiert
wasserdichten Satteltaschen. Als es im August Ernst werden soll, stellen sich
private Hindernisse in den Weg. Einen Moment lang sieht es so aus, als wuerde
die Tour ganz ins Wasser fallen. Als doch eine Luecke von sechs Tagen entsteht,
geht alles ganz schnell und improvisiert.
Bereits das kurzfristige Buchen bei der Bahn erweist sich als Problem. Um
festzustellen, ob ein Fahrradplatz frei ist, verlangt das Buchungssystem der
Bahn, dass die vollstaendige Fahrt eingegeben und ausgedruckt wird. Klappt es
nicht auf Anhieb, beginnt ein zeitintensives Probieren. Ich plane, von Fuessen
aus auf der Via Claudia ueber den Fern- und Reschenpass nach Italien zu fahren
und dann mit der Bahn zurueckkehren. Die Bahnfahrt mit Rad nach Fuessen
scheitert im August klaeglich an den fehlenden Stellplaetzen. Fuer die naechsten
sieben Tage sei angeblich nichts mehr zu machen. Erst nach der Eingabe von
Alternativzielen klappt es. Am naechsten Tag fruehmorgens ist auf der Strecke
Koeln-Kempten noch ein Platz zu bekommen. Mit der frisch ausgedruckten Fahrkarte
in der Hand geht's im Eilschritt nach Haus. Die fertig gepackten Taschen muessen
neu geordnet werden. Die Haelfte des Inhalts kommt heraus, die freigewordene
Haelfte fuellt Regenkleidung. Schliesslich laesst der Wetterbericht fuer den
Rest der Woche nichts Gutes ahnen.
Viertel nach sechs klingelt der Wecker. Das Rad hat die Nacht beladen im Flur zugebracht. Eine halbe Stunde
nach dem Aufstehen rollt es fuegsam ueber die Stufen der Eingangstreppe auf die
Strasse. Ich schwinge mich auf den Sattel, trete und ... es bewegt sich... wie ein LKW.
Vor der Bruecke zum Bahnhof, da, wo sich die Strasse senkt, ist der Platz, um
morgens auf dem Weg noch einmal Zeit gut zu machen. Das Alltagsrad laeuft hier
von selbst. Was ich jetzt unter mir habe, bliebe ohne meine taetige Mithilfe
einfach stehen. Alpen wir kommen!?
Kurz vor sieben ist das Bahnhofsgebaeude erreicht.
Der Morgen verspricht schoen zu werden, eine Ausnahme in diesem nasskalten
Sommer. Die Pendler auf den hartgepolsterten Stuehlen im Gepaeckabteil schauen
nach innen. Ein Mann ohne Zeitung traut sich als erster und nimmt das Rad
langsam und gruendlich ab. Sein interessierter Blick wandert herauf und herunter
entlang der Ausstattungsteile, die ihm merkwuerdig vorkommen. In Muenster leert
sich der Zug. Bis hierher war es der Weg zur Arbeit. Einfach Sitzenbleiben und
Weiterfahren hat fast etwas von Schwaenzen.
Regen und Sonne im bestaendigen Wechsel lassen die Natur in diesem Sommer ueppig
wuchern. Ein paar Jahre hintereinander derartiges Wetter und das Bergische Land
kann in seinen Fremdenverkehrsprospekten mit subtropischer Vegetation werben.
Mit Koeln ist die erste Etappe geschafft. Ich lerne Aufzuege auf Bahnsteigen schaetzen. Sind mir vorher nie aufgefallen.
Zweiter Akt.
Der IC nach Kempten laeuft ein. Der Wagenstandanzeiger verraet den wartenden
Tourenradlern, dass die Stellplaetze ganz vorne hinter der Lok zu finden sind.
Kaum ist das Rad vertaeut, gibt's den ersten Rueffel. Merke: Auch Raeder haben in der Bahn nummerierte Stellplaetze!
Es geht den Rhein entlang. Nicht jedem Mitreisenden war der Wettergott in den letzen Wochen hold. Der sportliche
Schweizer neben mir mit seinem Sohn klagt, er habe nach vier Tagen Radwandern
und Zelten bei stroemendem Regen aufgegeben. Die paedagogisch wertvolle
Thementour, der Rhein von der Muendung zur Quelle, will er ein anderes Mal
fortsetzen.
Ich vertreibe mir die Zeit, indem ich die Kilometerangaben aus dem Radfuehrer in
ein kleines, handliches Notizbuch zu uebertrage.
Fuessen - Reutte 13
Reutte - Lermoos 21,5
Lermoos - Nassereith 19,5
Nassereith - Imst 13,5
Imst - Landeck 23,5
Landeck - Pfunds 31,5
Pfunds - Reschen 25
Reschen - Glurns 21
Glurns - Laas 14
Latsch - Naturns 13
Naturns - Meran 15,5
Meran - Nalles 19,0
Nalles - Bozen 14,5
Bozen - Auer 17,0
Auer - Salerno 15,0
Salerno - Trento 29
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Beim Blick auf die Liste frage ich mich, was die Zahlen bedeuten? Sind in den
Bergen 120 Kilometer oder eher die Haelfte realistisch?
Je weiter der IC nach Sueden rollt und je groesser seine Verspaetung wird, desto
mehr bessert sich das Wetter - eine sonderbare, aber eindeutige Relation.
Buchstaeblich auf den letzten Kilometern vor Kempten hebt sich der Vorhang und
gibt den Blick auf das grandiose Alpenpanorama frei. Als der Zug um Viertel vor
sechs in Kempten einfaehrt, begruesst uns perfektes Fahrradwetter.
"Sie muessen einen Augenblick warten", mahnt der Taxifahrer vor dem Bahnhof in
Kempten zur Geduld, als ich ihn nach dem Weg nach Fuessen fragte. "Der Kollege
mit dem Grossraum-Van kommt erst noch." Dass jemand radelnd dorthin will,
draengt sich ihm nicht auf.
Die Fahrt am fruehen Abend durch das Voralpenland verscheucht die letzten
Zweifel, ob es richtig war, hierher zu kommen.
Bei gutem Wetter und auf ausgebauten Radwegen vor der imponierenden Kulisse der
Alpen zu radeln, ist vollkommener Genuss - pur, sozusagen. Anstiege und
Abfahrten halten sich die Waage und lassen das Gepaeck vergessen. OK, sagen wir,
es geht.
An einigen Stellen zwischen Kempten und Fuessen muss sich der Radwanderer die
Strasse mit den PS-Rittern teilen. Der groesste Teil der Strecke verlaeuft
jedoch auf ausgebauten Radwegen. Auf den Gefaellstrecken ueberwindet das Rad
muehelos seinen Abrollwiderstand. Als der Lenker bei der ersten laengeren
Abfahrt heftig zu flattern beginnt, zeigt der Tacho 73 Kilometer an. Da haben
wir doch gleich etwas zu erzaehlen fuer die langen Abende am Lagerfeuer.
Nach etwa anderthalb Stunden ist das von Touristen ueberlaufene Fuessen
erreicht. Die Suche nach einer Bleibe beginnt. Im Kampf ums Nachtquartier
erweist es sich erneut als nicht zu unterschaetzender Vorteil, mit dem Rad
unterwegs zu sein. Ein verzweifelt suchender Autofahrer zieht den kuerzeren. Ich
fahre buchstaeblich in die Rezeption. Von hier aus noch einmal eine
Entschuldigung dafuer, aber zu vorgerueckter Stunde ohne Zimmer in einem prall
gefuellten Fremdenverkehrsort ist sich jeder selbst der Naechste. Eine Stunde
spaeter bietet sich die Gelegenheit zu taetiger Busse. Ich trage Sorge, dass
eine noch spaeter eingetroffene japanische Studentin das allerletzte Zimmer in
Fuessen bekommt, indem ich ihr das Taxi finanziere. Wir kommen ueberein, dass
sie sich in Tokio revanchiert.

Nach einem ausgiebigen Fruehstueck beginnt am naechsten Morgen die eigentliche
Tour auf der Via Claudia Richtung Reutte. Bei strahlendem Sonnenschein verlasse
ich Fuessen ueber die Bundesstrasse. Die Fahrt geht vorbei an einem Wasserfall
und fuehrt wenige Kilometer spaeter ueber die Grenze nach Oesterreich. Auf
diesem Stueck erwarten den Tourenradler nur wenige kurze Anstiege. Der Radweg
verlaeuft gelegentlich neben der Strasse, haeufig aber abseits durch schmucke
kleine Ansiedlungen.
Den Radfuehrer lasse ich die meiste Zeit in der Lenkertasche und orientiere
mich entweder an den Schildern oder fahre den anderen Radlern hinterher. Mir verschafft das Fahren "nach Gefuehl" noch vor dem Fernpass einen ersten
Umweg ueber einen anspruchsvollen "Hoehenweg". Da die Ortsangabe auf dem Schild
stimmt und der Anfang landschaftlich viel verspricht, strampele ich die ersten
Serpentinen im Wald hinauf, um irgendwann nach einer von vielen steilen Kurven
zu kapitulieren und das Rad zu schieben. Als ich den hoechsten Punkt erreiche,
ist fast eine Stunde vergangen.

Eine lange steile Abfahrt vorbei an Holzstadeln und Bauernhoefen entlohnt
einigermassen fuer die Strapaze. Es ist 14 Uhr, als ich Lermoos erreiche und
mich in einem Supermarkt mit Proviant fuer den Rest des Tages eindecke. Da ich
mir fest vorgenommen hatte, heute noch den Fernpass hinter mir zu lassen,
verzehre ich die frischen Nussecken beim Weiterradeln. Im wenige Kilometer
entfernten Biberwier legt der Radfuehrer eine Entscheidung nahe. Der Weg auf der
Via Claudia ueber den Fernpass, heisst es unmissverstaendlich, sei selbst fuer
geuebte Mountainbiker beschwerlich und streckenweise nicht zu fahren. Empfohlen
werde daher, einen Huckepass-Express zu nehmen, der zweimal taeglich von
Biberwier aus dieses Stueck umfahre. Das Timing ist perfekt. Fuenfzehn Minuten
sind es bis zur naechsten Huckepack-Fahrt. Allein, jeder Fernradfahrer, zumal
wenn er maennlich ist, weiss um die typische Wirkung solcher Warnungen.
Sie spornen eher an, als dass sie abschrecken. Und wie soll man auch spaeter
am Lagerfeuer begruenden, dass man den Pass mit einem Auto genommen hat?
Waehrend die erste bereits steiler ansteigende Passage nach Biberwier noch neben
der Strasse verlaeuft, wechselt der Weg bald in ein Waldstueck. Dort, wo der
Pfad den Wald verlaesst, eroeffnet sich ein berueckend schoener Blick auf einen
blaugruen schimmernden Bergsee.

Unmittelbar danach beginnt die beschriebene Schiebestrecke.
Da irgendwann die regulaere Passstrasse verfuehrerisch nahe
an der Via Claudia vorbeifuehrt, lasse ich Roemer Roemer sein und betaetige mich
auf der Bundesstrasse als Verkehrshindernis. Bald schnaufen eine Handbreit hinter mir mehrere Hundert Pferdestärken eines Sattelschleppers, im niedrigen Gang laut
hochdrehend und muehsam gekuehlt von heulenden Ventilatoren. Nerven sind gefragt. Nach gut einer
halben Stunde, das Zugspitzaussichtsrestaurant liegt inzwischen hinter mir, ist
es endlich geschafft. Der Ort Fern ist erreicht.
Der Bikeline-Fuehrer empfiehlt, sich an dieser Stelle rechts zu halten, um
wieder auf die Via Claudia zu gelangen. Nach einer kurzen Passage entlang des Flussbetts zweigt der Weg in einen
Nadelwald ab. Auch dieses Teilstueck ist eine typische Mountainbike-Passage.
Fast eine halbe Stunde lang bringe ich stehend auf den Pedalen zu und federe die
Stoesse der Wurzeln, tiefen Auswaschungen und Steinbrocken ab. Das letzte Stueck vor dem Schloss Fernstein entschaedigt fuer die
Ruettelpiste.

Der Weg an dieser Stelle ist schmal, besteht aber aus festem, gut zu fahrendem
Erdreich. Er verlaeuft dicht am Fels entlang. Zwischen den Baeumen bieten sich
dem Radwanderer wunderschoene Durchblicke ins Tal.

Am Ortseingang von Nassereith, der bald erreicht ist, locken links und rechts
sirenengleich die schmucken Pensionen. Die Schwierigkeiten der Quartiersuche in
Fuessen noch vor Augen waege ich ab. Heiß duschen, die Beine lang machen, eine
verlockende Vorstellung nach neun Stunden auf dem Rad. Andererseits ist es erst
sechs. Jetzt aufhoeren, hiesse kostbare Zeit verschenken. Die Strasse ist
abschuessig. Das entscheidet. Es reicht, die Bremsen freizugeben und gehorsam
setzt sich der Drahtesel wie von selbst in Gang.
Nach ca. 1-2 Kilometern biege ich auf eine sogenannte "Forstautobahn".

Der federnde Waldboden tut den strapazierten Gelenken gut. Ueber etliche
Kilometer verlaeuft der Weg durch den Forst und windet sich schliesslich entlang
eines Baches. Kurz vor Imst wartet ein kurzer steiler Anstieg zum Ortseingang
auf den Radwanderer. Danach ist es geschafft. Imst ist erreicht. Die Belohnung
wartet in Gestalt einer freundlichen und preiswerten Pension. 20 Euro, der
Standard fuer Zimmer in Privatpensionen derzeit, kostet mich ein Zimmer unter
dem Dach, inkl. eines dicken Federbetts und einer heissen Dusche. Die Empfehlung
der ueberaus hilfsbereiten Wirtin, ein paar Strassen weiter ein Speiserestaurant
aufzusuchen, bleibt indes unbeachtet. Ich bin froh, heute meine Knie nicht mehr
beugen zu muessen, belasse es bei ein paar Glaesern klaren Wassers aus dem Hahn
und ziehe mir zeitig das Federbett ueber die Nase.
Sehr zu empfehlen: Landhaus Walch, Tel +43(0)5412/66659; Am Raun 1, 6460 Imst -
Andere preiswerte Pensionen in Imst:
hier
Am naechsten Tag steht die Entscheidung ueber die Weiterfahrt an: Ueber den
Reschenpass oder Richtung Innsbruck? Das Gespraech mit der Wirtin und der
strahlend blaue Himmel geben den Ausschlag fuer den Innradweg. Das Wetter der
letzten Tage, versichern mir die uebrigen Feriengaeste, sei durchweg besser als
die Vorhersage gewesen. Die Wirtin reicht mir die Zeitung, damit ich mich selbst
ueberzeugen kann. Das reichhaltige Fruehstueck schmeckt. Es fehlt an nichts.
Ansteigende Tendenz - darauf setzen wir. Von guten Wuenschen begleitet geht es
in die Garage im Kellergeschoss zur Montage der Taschen. Eine mit frischem
Wasser gefuellte Zwei-Liter-Flasche wandert in die Halterung. Was nun noch
fehlt, ist der Bikeline-Fuehrer fuer den Innradweg. Das Touristenbuero bedauert,
macht aber Mut.
Die beiden Buchlaeden auf der Hauptstrasse verkauften den Fuehrer. So ist es.
Selbst Briefmarken haelt der Laden bereit. Unter der Bedingung, dass ich nicht
zur Post hinauf muss, gibt es eine Postkarte fuer die Kids zu Hause. Der
Briefkasten findet sich um die Ecke. Alles sieht nach einem Glueckstag aus.
Imst liegt hoch ueber dem Inn. Also wird jede Wegbeschreibung doppelt geprueft.
Eine gewisse Vorschaedigung durch den gestrigen Tag will ich nicht leugnen. Nachdem der
richtige Weg gesichert scheint, darf Drahtesel galoppieren. Immer weiter bergab
geht es durch den Ort, bis der Inn in Sicht kommt.
Beim Imst gebe es neuerdings zwei Innradwege, hat mir die junge Frau im
Touristenbuero erklaert, und zwar links und rechts des Flusses. Beide vereinten
sich flussabwaerts bei Roppen. Zu entdecken ist nur einer der beiden und der
fuehrt auch gleich wieder steil den Berg hinauf. Neben mir schiebt ein
freundliches Ehepaar seine Bikes. Auch sie reisen nur mit Rucksack. Ein
Radtrikot und Rei in der Tube, lautet ihre Empfehlung fuer das Gewichtsproblem.
Ich schliesse mich ihnen ein Stueck weit an und tausche Erfahrungen aus. Sie
kommen von Scuol aus der Schweiz, also von der Quelle her. Irgendwann packt mich
der Ehrgeiz. Ich steige in die Pedalen und siehe da, die Uebung vom Vortag zahlt
sich aus. Nach einer Viertelstunde ist der hoechste Punkt erreicht. Der Weg
verlaeuft entlang des Berghangs mitten durch kleine Bergdoerfer. Unter dem
Strich geht es nun ueberwiegend abwaerts.

Die Berge liegen hinter mir, genauer, sie erstrecken sich nun links und rechts
als imposante Kulisse fuer entspanntes Radwandern. Nach einer letzten langen
Abfahrt durch ein Waldstueck erreicht der Radweg das Ufer des Inns, der hier
oben noch ein ungezaehmter Bergfluss ist.
Im weiteren wechselt der Innradweg gelegentlich das Ufer. An seiner
Beschilderung gibt es nichts auszusetzen. Kein Vergleich mit dem Ratespiel auf
der Via Claudia! Im seltenen Zweifelsfall bietet sich der Fluss selbst zur
Orientierung an.
Mit wenigen Unterbrechungen verbringe ich den ganzen Tag im Sattel
und versorge mich mit kurzen Zwischenmahlzeiten. In einem kleinen
Supermarkt am Weg greife ich als einziger Kunde kurzentschlossen zum
Glas mit einem Komplettmenue fuer Zweijaehrige- Nudeln mit
Fleischbaellchen und Gemuese. Gar nicht so schlecht fuer den kleinen
Hunger zwischendurch, solange ich inkognito bleiben kann.
Im Laufe des Tages passiert der Radweg Apfelbaumplantagen, Maisfelder,
malerische Wallfahrtsorte und immer wieder Allgaeuer Bauernhoefe, wie von der
Postkarte abgezogen und an den Weg gestellt, waehrend sich das Inntal langsam
weitet und der Hauptdarsteller dieser Landschaft nun deutlich behaebiger
dahinfliesst.

Das naechste Etappenziel heisst Innsbruck. Am fruehen Nachmittag ist die
ehemalige Residenzstadt der Habsburger erreicht.

Da der Bikeline-Fuehrer bei seinen Schilderungen, wie man die Stadt mit dem Rad
durchquert, einen Knoten im Kopf flechtet - er beharrt darauf, unbedingt Radwege
auszuweisen, auch wo ihre Benutzung auf einen grossen Umweg hinauslaeuft - frage
ich einen jungen Mann nach seiner Empfehlung. Dieser entpuppt sich als
Stadtplaner und wartet mit der erhofften Kurzbeschreibung auf. Rechts am Inn
weiterfahren, alles ignorieren, inkl. der kurzen Einbahnstrasse, und dann
einfach warten, bis einen die grosse Bruecke auf die linke Seite leitet. So
klappt es.
Mit der Beschreibung in der Tasche genehmige ich mir einen kurzen Abstecher in
die beruehmte Innenstadt.

Zur Hochsaison im August eher ein Erlebnis zum Abgewoehnen als zum Geniessen
angesichts der Menschenmassen, die sich durch die Altstadt waelzen. Nach ein
paar obligatorischen Schnappschuessen nehme ich reissaus.

Vor und hinter Innsbruck passiert der Radweg Fabriken, Klaerwerke, Bauhoefe und
Wertstofflager - nicht immer ein Fest der Sinne. Erst in entsprechendem Abstand
zur Innmetropole stellt sich der beschauliche Charakter des Landes wieder ein.
Am Nachmittag versuche ich zur Abwechselung mit einem Paar Rennradler
mitzuhalten. Irgendwann packt sie der Ehrgeiz und sie ziehen davon.
In den kuehleren fruehen Abendstunden - am Tag zeigte das Radthermometer 38 Grad
- laesst sich entspannt dahinradeln. Da es so gut laeuft, fahre ich laenger, als
ich sollte. Merke: Im Allgaeu steht man frueh auf und geht zeitig zu Bett. Um
sieben Uhr spaetestens sollte man sein Zimmer als Radtourist bezogen haben,
danach werden in den Privatquartieren nur noch die wenigen Restplaetze
gefuellt.
Das Dorf vor mir sieht friedlich aus.
Ich halte vor einem Kruzifix.
Der Heimatverein hat hier eine Bank spendiert und ich nutze die Gelegenheit um
eine Kurzfassung des Tages per SMS an meinen Bruder zu senden, den es nach
Frankreich verschlagen hat.
Er beneide mich, kommt prompt die Antwort. Die Lichtmaschine seines Autos
sei ausgefallen. Meine steckt in den Beinen. Was soll da passieren? Ich
naehere mich auf perfektem Asphalt der Ortschaft, erkundige mich bei zwei
Maennern nach einer preiswerten Pension und werde auf zwei Bauernhaeuser
verwiesen. Ich wende, fahre zurueck. Beide Haeuser sind voll besetzt. Ein
Bauer auf seinem Traktor raet mir zu einem Hotel am Ortseingang. Ich fahre
hin, entdecke nur Autos der Oberklasse und beschliesse, gar nicht erst zu
fragen. Die naechste Empfehlung eines Einheimischen lautet, es beim
"Scholler" in der Innenstadt auf der anderen Innseite zu versuchen. Der
"Scholler" zuckt die Achseln, telefoniert mit einem Kollegen. Auch von dort
kommt ein Nein. "Da hascht ein Problem", grinst er. "Hier ist nix zu mochn.
Solltest halt frueher fragen" Seit meiner euphorischen Einfahrt in die
Gemeinde ist eine Stunde vergangen. Es wird dunkel und ich langsam
kleinlaut. "Du kannst nach Jenbach weiterradeln", schlaegt der Scholler vor.
"Das sind 12-15 Kilometer. Die haben mehr Kapazitaet als wir." Wie komme ich
nach Jenbach? Am besten zurueck und dann immer links halten, weil Jenbach
oberhalb des Radweges liege, lautet seine Empfehlung.
Das Stimmungsbarometer weist erst einmal nach unten. Zum Glueck faellt die
Orientierung durch den Fluss auch in der Abenddaemmerung leicht. Um gesehen zu
werden, schalte ich die Radbeleuchtung an. Fuer meine Orientierung reicht das
Restlicht des Tages aus. Allmaehlich wird es stiller. Die meisten Wohnungen sind
mittlerweile erleuchtet. Erstmals nehme ich das Surren der Reifen auf dem
Asphalt wahr, waehrend ich Felder und Gebaeude passiere. Der Radweg verlaeuft
hier fast nirgendwo durch die Ortszentren, sondern durch die freie Natur und die
Gewerbegebiete. Auf eine Pension mit freien Zimmern zu stossen, ist nahezu
ausgeschlossen. Mir bleibt reichlich Zeit zum Ueberlegen. Was tun, wenn es nicht
klappt? Die Nacht durchradeln? Auf einer Bank oder im Gebuesch naechtigen? Nach
einer dreiviertel Stunde kommen langsam die Lichter eines Ortes naeher. Vor mir
liegt ein holzverarbeitender Betrieb. Die grossen Hobel- und Saegemaschinen sind
von weitem zu hoeren. Zwischen den Fabrikgebaeuden hindurch erreiche die
Eingangstrasse Jenbachs. Es ist Schichtwechsel. Auf ein Handzeichen hin haelt
ein Wagen. Ich wiederhole meine Frage nach einer preiswerten Unterkunft. Der
Fahrer stoppt einen zweiten und man beratschlagt. Der Jenbacher Hof sei fuer
mich das Richtige. Links halten und dann "bergobi", lautet die Kurzbeschreibung.
Ich schliesse messerscharf, dass es sich nicht um die Allgaeuer Filiale eines
bekannten Baumarktes handelt, sondern um die Ankuendigung einer Steilpassage.
Als ich die Hauptstrasse erreiche, schalte ich mehrere Gaenge zurueck, sehr zum
Gaudium der Dorfjugend, die mich im Laufschritt einholt und ueberholt. Irgendwie
sehe ich mit meinem Helm und dem Lastesel unter mir nicht wirklich cool aus.
Nach zehn Minuten Kurbeln ueberquere ich eine Holzbruecke und siehe da, vor mir,
hell erleuchtet, liegt ein grosses Hotel, der "Jenbacher Hof".
"Haben wir, 50 Euro!", der Portier, wie sich spaeter herausstellt, ein
Philosophiestudent aus Innsbruck, beantwortet meine Frage nach einem Zimmer
wie aus der Pistole geschossen. Mittlerweile ist es Viertel vor zehn. Mir
ist nicht nach Sauna und Schwimmbad, allesamt Einrichtungen, die das Hotel
bietet, sondern nach einer heissen Dusche und einem gepflegten Weizenbier.
Beides bekomme ich innerhalb der naechsten halben Stunde und damit ist nicht
nur der Abend, sondern auch der Tag gerettet. Der Student-Portier plant
selber eine Reise nach Indien. Wir tauschen Reiseerfahrungen aus. Irgendwann
ist es Mitternacht und wir brechen unser Gespraech ueber Gott, die Welt,
ihre Unuebersichtlichkeit und Sir Karl Poppers Beitrag zur Aufklaerung ab.
Das Fruehstueck laesst erwartungsgemaess keine Wuensche offen. Das Hotel ist
voller Eisenbahnenthusiasten, die sich die "weltberuehmte dampfbetriebene
Zahnradbahn" in
Jenbach
anschauen und von Kanada und Australien hierher kommen. Ich staune nicht das
erste Mal, wohin es einen per Zufall verschlaegt - und schweige, um nicht den
Lokalstolz zu kraenken. Was ich gestern noch hochgekurbelt bin, erleichtert den
Einstieg in den neuen Tag. Binnen weniger Minuten bin ich wieder am Inn
unterwegs.

Vorbei an Woergl fuehrt der Weg nach Kufstein.

Im Gefuehl, gut in der Zeit zu liegen, faellt der Entschluss, sich das erste
regulaere Mittagessen auf dieser Tour zu leisten. Gegenueber einem malerischen
alten Weinlokal laden Tisch und Stuhl zum Verweilen ein.
Der Besitzer des urtuemlichen Restaurants ist ... ein Serbokroate. Auch in
Oesterreich ist die Gastronomie an vielen Stellen nicht mehr in der Hand von
Einheimischen, was, wie ich an einer lautstarken Auseinandersetzung
mitbekomme, nicht jedem gefaellt. Die Mischung aus professioneller
Freundlichkeit im Fremdenverkehrsgewerbe und manifestem Fremdenhass
irritiert.
Unmittelbar hinter Kufstein ueberquert der Radweg das erste Mal die deutsche
Grenze. Er verlaeuft hier in einer Schleife und scheint wieder flussaufwaerts zu
fuehren. Kurz bevor ich anhalte und umkehre, taucht vor mir eine kleine Faehre
ueber den Inn auf. Warum nicht den Fluss einmal so geniessen? Ich entdecke die
Faszination der Langsamkeit, fuer einen Moment.

Die Alpen treten langsam in den Hintergrund und liefern noch einmal ein
Postkartenpanorama.


Der breit gewordene Fluss schlaegt an dieser Stelle einen Bogen nach Norden. Es
gibt mehr Platz, auch fuer den Radweg. Auf Holzbruecken geht es hin und her
ueber die "Staatsgrenzen".

In Erinnerung an die Schwierigkeiten der letzten Tage beim rechtzeitigen Buchen
einer Unterkunft beginne ich frueh mit der Suche - ohne greifbaren Erfolg. Als
Einzelradler, erlaeutert ein Pensionswirt, habe man es einfach schwerer. Das
wisse er noch aus eigener Erfahrung. Die Regel seien Doppelzimmer.
Kurz vor Rosenheim faellt der Entschluss, den Radweg zu verlassen, da er keine
Ortschaften mehr direkt beruehrt. In Engelskirchen feiern in einer
Neubausiedlung die Anwohner ein Nachbarschaftsfest. "Fahren's zum Andretter. Das
ist die Wirtschaft gleich neben der Kirche.", empfiehlt ein maennlicher
Teilnehmer der froehlichen Runde. Als nach 45 Minuten und etlichen Nachfragen
der "Andretter" in Engelskirchen noch nicht erreicht ist, daemmert mir, dass
mein Ratgeber die Entfernung in BMW-Minuten kalkuliert haben muss. Der
"Andretter" entpuppt sich als ein grosses Freiluftrestaurant, das am lauen
Sommerabend voll ausgelastet ist. Im Eingangsflur zur Kueche, wo die Wirtin
residiert, herrscht mehr Betrieb als am Sonntag auf einer bayerischen
Landstrasse. Das Personal spurtet herein und heraus. Auf Zehenspitzen an die
Wand gelehnt, trage ich die Quartierfrage vor. "Da", zeigt die Wirtin auf den
Platz neben der Kasse, "liegt eine Liste und da ist ein Telefon. Damit koennen
sie's versuchen. Wir haben keine Zimmer." Die Liste fuellen "Ober- und
Unterratshausens", "-rieds", "-hams", "-bichls" und andere nie gehoerte Namen in
beliebiger Kombination, wie es scheint. Das erste Auswahlkriterium ist der
Preis. Ich versuche es mit dem ersten Ort. "Ist das in der Naehe?" Die Wirtin
schuettelt zwischen zwei Bestellungen den Kopf. Ich probiere etwas anderes. "Und
das?" "Joa." "Mer san leider schon voll", erfahre ich zwei Minuten spaeter. Das
Spiel beginnt von Neuem. "Ist Altenham in der Naehe?" "Zwei Weisse bitte fuer
Tisch sechs!" "Noa!" Das gilt mir. "Und wie ist es mit Fussen?" "Dreimal
Wuerschtel". "Joa". "Mer vermieten jetzt nicht, erst im September wieder. Wir
bauen naemlich um und alles ist so staubig." Es sehe meine Felle schwimmen und
gehe in die Offensive. Das mache ueberhaupt nichts. Zu Hause bauten wir auch
gerade um, flunkere ich. Ueberhaupt gehe es nur um ein Bett irgendwo in der
Ecke. "Aber Fruehstueck konn i iana net mochn." Ich jubiliere. "Kein Problem mit
dem Fruehstueck. Ich gehe gerne in eine Baeckerei." Es folgt eine laengere
Beschreibung, die mit lauter unvertrauten Namen gespickt ist. Die Wirtin hat
damit gerechnet und reicht mir wortlos Zettel und Bleistift.
Um die Ecke ist es nicht, aber bis zum Sonnenuntergang scheint es erreichbar.
Was ich schuldig sei, frage ich in Richtung Kueche. "Das geht auf die
Gastlichkeit." Ich leiste meinem BMW-Fahrer stumm Abbitte. So schlecht war der
Tipp nicht. Merke: Auch ein Quartier gibt's bei solchen Touren selten auf dem
silbernen Tablett.
Zurueckgerollt auf die Hauptstrasse halte ich noch einmal vor dem Ortsplan.
Jetzt erst daemmert es mir, dass Engelskirchen der Sammelname fuer viele kleine
Ansiedlungen ist. Kein Wunder, dass das Zentrum nicht zu finden war. Nun suche
ich nach "Fussen" und werde mit Hilfe eines freundlichen aelteren Herrn fuendig.
Er will mir unbedingt eine Abkuerzung durch den Wald nahe legen. Ich bin froh,
dass wenigstens eine Beschreibung sitzt. Keine Experimente, ermahnt mich eine
innere Stimme, und nicht mit dem Kopf wackeln, sonst faellt noch ein Detail
heraus! Zehn Minuten spaeter erklimme ich den beschriebenen Huegel.

Der Baukran weist weithin sichtbar den Weg zum Quartier, wo ein paar Katzen,
noch mehr Kaelber und der Hofhund den spaeten Gast willkommen heissen.
Aus einem gepflegten Weizenbier wird heute Abend nichts mehr. Da muesse ich
zurueck zum "Andretter", bedauert die Wirtin. Das sei die einzige
Gastwirtschaft in der Naehe. So mache ich's wie die Bauersleut und zieh mir
einmal mehr fruehzeitig die Decke ueber den Kopf. Keine falsche
Entscheidung, denn am naechsten Morgen melden sich lange vor sieben die
Kuehe.
Der erste Blick nach dem Aufstehen geht zu den Fensterscheiben auf der Hofseite.
Es regnet. Ich lege den Regenumhang bereit und die uebrige Regenkleidung in den
Taschen nach oben. Zum Glueck steht das Fahrrad trocken in der offenen Garage.
Nachdem die Taschen angebracht sind, geht es den stufenlosen Hang hinauf. Zum
Inn soll ich nach der Beschreibung linksherum fahren, dann ueber die
Bundesstrasse und in der Ortschaft rechts den Berg herunter. Nach wenigen
hundert Metern reisst die Wolkendecke auf und schon bald betoert strahlendes
Blau den staunenden Radwanderer. Wie macht man solches Wetter? Das Regencape
wandert in die Tasche und es geht sommerlich bekleidet weiter. In Engelskirchen
strebt eine Frau mit provozierend grosser Broetchentuete eilenden Schrittes nach
Hause zum Fruehstueckstisch. Sie gibt den letzten Anstoss fuer die Suche nach
frischen Broetchen. Gleich um die Ecke werde ich fuendig. Als ich nach einer
halben Stunde die dritte Runde fuer meinen Ecktisch bestelle, draengt es mich,
wenigstens kurz zur Erlaeuterung auf den Radfahrerhunger hinzuweisen. Das
Personal nickt verstaendnisvoll und ich setze genussvoll die Kalorienaufnahme
fort.
Der Zufall will, dass in der Zwischenzeit das Fahrradgeschaeft gegenueber seine
Pforten oeffnet. Zwar erhalte ich dort nicht die erhoffte Radwanderkarte, dafuer
aber den Rat, nach Muenchen dem Mangfallradweg zu folgen. Ich gestehe
bereitwillig meine Ignoranz und erfahre, dass es sich um einen Nebenfluss des
Inns handelt. Bislang habe ich mich auf meiner Tour ohne festes Ziel treiben
lassen. Nun stehen ein paar Vorbereitungen an. Die erste besteht darin, in
Muenchen ein Zimmer zu buchen. Es klappt auf Anhieb. Etwas laenger dauert es, im
Rosenheimer Bahnhof einen Radfahrstellplatz von Muenchen nach Muenster am
Sonntag zu bekommen. Irgendwann ist auch das geschafft. Zuguterletzt treibe ich
in der Bahnhofsbuchhandlung einen Plan des ADFC-Bayern fuer den Rest der Strecke
auf. Sicher ist sicher. Den Mangfall in Rosenheim zu finden, bereitet dagegen
keine Probleme. Der Blick auf die Karte bestaetigt, dass man mit diesem
Radwanderweg, was die Grobrichtung Muenchen angeht, gut aufgehoben ist.
Der Mangfall - abgeleitet uebrigens von der "Mannigfaltige" - traegt einen ganz
anderen Charakter als der Inn in seinem Oberlauf. Er ist ueber weite Strecken
flach, wegen des Untergrunds braeunlich schimmernd, dabei aber klar und fliesst
alle hundert Meter ueber kleine Treppenstufen ("Sohlrampen"), die man fuer den
Fischaufstieg angelegt hat.
Auch hier herrscht wenig Verkehr. Vereinzelte Jogger, wenige Radfahrer und ein
paar Fussgaenger bewegen sich auf dem Weg. Der erste Orientierungspunkt von
Rosenheim aus heisst Bad Aibling. Auch danach geht es lange Zeit unmittelbar
am Fluss entlang. Allein der Untergrund ist gemessen am komfortablen Innradweg
grob und mitunter eine arge Ruettelstrecke.
Als der Weg den Fluss verlaesst, verfahre ich mich prompt. Die Karte legt nahe,
geradeaus zu fahren, das Radwegschild weist nach rechts. Rechts stellt sich als
falsch heraus. Um nicht den gleichen Weg zweimal zu fahren, versuche ich, auf
den urspruenglichen Kurs nach grober Himmelsrichtung zurueckzukehren und finde
ich mich bald auf einer Berg- und Talfahrt durchs bayerische Hinterland wieder.
Immerhin ist die Landschaft abwechselungsreicher als das letzte Stueck an der
Bahnstrecke. Sporadisch bevoelkern Freizeitradler aus Muenchen die Wege. Sie
nutzen die Moeglichkeit, mit der S-Bahn hinauszufahren, um im Umland
einzukehren. Ab Aying leistet die Karte wieder gute Dienste. Die Fahrt geht
weiter auf wenig befahrenen Landstrassen und endet auf dem Isar-Inn-Rundweg,
der streckenweise durch dichte Forste fuehrt.
Das Schild Landkreis Muenchen zeigt die Naehe der Landeshauptstadt an und
schliesslich ist die Stadtgrenze erreicht. Im Prinzip heisst es jetzt nur
noch geradeaus fahren, dann sollte irgendwann das Deutsche Museum an der
Isar auftauchen. Langsam steigt die Ungeduld. Das erste Mal seit Beginn der
Reise gibt es ein konkretes Ziel - ein bisschen ist es wie mit dem
auslaufenden Wasser in der Badewanne. Erst sinkt der Pegel kaum merklich, um
zum Schluss in einem Strudel zu enden. Aber Muenchen zieht sich.
Ausgerechnet hier erweist sich der Kompass am Lenker als nuetzlich. Er zeigt
an, dass die vermeintlich gerade Strasse die Himmelsrichtung langsam aendert
und meinen Weg unversehens auf einen Suedkurs umpolt. Da wollen wir nicht
mehr hin, jedenfalls diesmal nicht. Alles hat ein Ende. So auch der
Muenchener Stadtrand und schliesslich gibt das Haeusermeer den Blick auf die
Isarbruecke frei. Was fuer ein Gefuehl! Da passt es, dass mich die
Muenchener Pensionswirtin grantig wie schon seit zwanzig Jahren empfaengt.
Es haelt den leichten Anflug von Sentimentalitaet, die sich am Ende der
Reise ungebeten einstellen will, in den angemessenen Grenzen.

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