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1986 - Roundtrip Mexico [zurück zur Webseite]
Ich gebe zu, ich wollte gar nicht dorthin fahren. Nach langen
Aufenthalten in fast allen Ländern Lateinamerikas, reisend und arbeitend, war
Mexiko übrig geblieben als weißer Fleck auf meiner privaten Landkarte. Es waren die Postkartenbilder im Kopf: So dicht an
den USA, auf den Tourismus zugeschnitten, jede Menge Kakteen, Sombreros,
Cancun, Acapulco, nichts, was mich gereizt hätte. Meine damalige Freundin
drängte, einer ihrer Ex-Freunde habe, hätte, ... und so weiter. Auch nicht
gerade eine Empfehlung. Dennoch ließ ich mich breit schlagen. Es wurde in
jeder Beziehung anders, als ich erwartete und es war gut so, dass ich nicht
alles vorher wusste.
*
"
"The
aircraft crashed after colliding with a privately owned Piper PA-28 Cherokee.
The 57-year-old private pilot, along with his wife and daughter, were flying
a VFR flight below the lower limit of the Los Angeles terminal control area
when the PIC suffered a heart attack. During the effort to revive the pilot,
the airplane entered LAX airspace and was involved in the collision with the
DC-9. ATC was unaware of the aircraft because regulations at the time did not
require aircraft operating over or under TCA airspace to be transponder
equipped."
"Soeben
wird gemeldet, dass heute morgen eine DC 9 McDonnell Douglas der
Fluggesellschaft Aereo Mexiko beim Landeanflug auf Los Angeles abgestürzt
ist. Nach Auskunft der Behörden überlebte keiner Passagiere den
Absturz."
Die nüchterne Stimme aus dem Radiowecker reißt mich aus dem Schlaf. Eine
Weile dauert es, bis ich Nachricht und Ort zuordnen kann. Es ist..., es war
das Flugzeug, das ich gerade noch benutzt habe. Gestern, vorgestern? Wo bin
ich eigentlich? Während ich mich langsam aufrichte, dämmert mir, ich bin
wieder zu Hause, und doch noch ganz gefangen von Mexico.
MEXICO-CITY
Ankunft mit dem Jumbo der KLM in Mexiko-City, kurz nach 23.00 Uhr. Noch um
diese Uhrzeit wirkt die Stadt von oben wie ein endloses Lichtermeer. Der
Unterschied zu den jetzt schon längst abgedunkelten Metropolen des
puritanischen Nordamerikas ist offenkundig. Die ersten Momente beim
Hinausgehen sind voller Anspannung. Alle Stacheln ausgefahren, suche ich nach
Zeichen für die Orientierung, während sich Taxifahrer, Kofferträger,
Schlepper, Geldtauscher herandrängen. Schielt der Typ dort nicht nach der
Fototasche? Dass niemand sich von hinten herandrängelt und am Rucksack zu
schaffen macht. Dabei war der Zoll angenehm unproblematisch "Aleman,
gut", grinste der rundliche Zollbeamte. Neben mir frische Bekannte aus
dem Flugzeug, ein italienisches Paar, Claudia und Claudio. Er,
Bankangestellter aus Mailand, trotz Bubengesicht und Nickelbrille, ist
durchaus reiseerfahren, wie sich herausstellt. Für sie, Lehrerin, ist es
dagegen die erste größere Reise überhaupt - und dann Mexiko als
Jungfernfahrt. Da ich fließend Spanisch spreche, entwickle ich mich
unversehens für die Kleingruppe zum Kontakt mit der Außenwelt.
Ohne einheimisches Geld geht nichts. Unvermittelt ergeben sich Schwierigkeiten.
Der ersten Kasse am Flughafen geht tatsächlich das mexikanische Geld aus.
Immerhin, es gibt eine zweite, und die ist zahlungsfähig. Inzwischen kommen
beide Frauen unverrichteter Dinge von der Hotelreservierung im
Flughafengebäude zurück. Sie fürchten, übers Ohr gehauen zu werden - eine
Sorge, die bei näherem Hinsehen nicht unbegründet erscheint. Hinter einem
Schalter hocken in der Tat ein paar grüne, verwegen aussehende Jungs in
schwarzen Lederjacken. Wir werden aufgefordert, das Hotel sofort, d.h. also
schon bei der Reservierung im Flughafen, zu bezahlen, ein mehr als seltsamer
Modus. Ich schreibe den Betrag ab, vorschnell, wie sich später herausstellt.
Selbst das Wechselgeld stimmt.
Wie kommen wir zum reservierten Hotel Premier? Ein jüngerer Taxifahrer bietet
die Fahrt für 4.500 Pesos an, was uns als ein wahrer Wucherpreis erscheint.
Während wir warten, taucht ein älteres Taxi auf. Dessen Fahrer will uns für
3.000 befördern und erhält den Zuschlag. Das hindert ihn nicht, hinterher
4.000 Pesos zu nehmen. Vor jeder Kreuzung bekreuzigt er sich. Welch ein
Aufwand angesichts der unzähligen Straßen, vor allem aber keine Ermunterung,
wie vorgesehen, bald selbst das Steuer in die Hand zu nehmen.
Die nächtliche Fahrt vermittelt noch kein Gefühl für die Stadt. Ein paar hohe
Hotels, im Zentrum breite, mehrspurige Straßen in beiden Richtungen, riesige
verlassene Wolkenkratzer. Das Erdbeben vor zwei Monaten hat ihre Struktur
geknackt, so dass sie trotz äußerlicher Unversehrtheit nicht betreten werden
dürfen. Im Hotel Premier ist der Empfang freundlich, fast zuvorkommend. Die
erste Flasche Agua mineral - viele andere werden folgen - gibt es gratis an
der Bar. Noch ein Hemd in der Nacht gewaschen, scheint angesichts der knappen
Ausstattung notwendig. Dann geschlafen und den Jet-Lag leidlich weggesteckt.
Anderntags beschweren sich das italienische Paar über den Krach, der sie
nicht habe schlafen lassen. Alles eine Frage der Müdigkeit.
Der erste Einstieg in das unbekannte Land vollzieht sich überraschend leicht
und spannungslos. Der Raum im Erdgeschoss, wo wir das Frühstück einnehmen
sollen, ist klimatisiert und halbleer, die Bedienung prompt und freundlich.
Auch die Konversation mit dem italienischen Paar bereitet keine Probleme.
Claudia und Claudio stehen trotz des Zwillingsnamens für den Typ des
Kontrastpaares. Er, eher verschmitzt-ironisch, zuvorkommend, um
Ausgleich bemüht, eben wie man sich einen bebrillten italienischen
Bankangestellten vorstellt - Deutsch kann er nicht, wie er sofort erklärt.
Kein Wort! Übrigens spreche auch sonst niemand deutsch in seiner Bank.
Gelegentlich komme aus Deutschland mal ein Telegramm von einer anderen Bank.
Das ließen die Angestellten dann bis zur dritten Mahnung liegen. Die sei dann
rot umrandet und auf englisch abgefasst. Das spreche jemand. Noch Fragen zum
europäischen Zahlungsverkehr? Ja, da vorne bitte! - Sie ist
ausgesprochen temperamentvoll. Dafür geht es mit der Stimmung kräftig herauf
und herunter. Er bekommt das ab - vor dem Frühstück oder abends im Zimmer.
Uns gegenüber bleibt sie durchweg um Facon bemüht. Ihr Metier sind die ganz
Kleinen. Sie arbeitet als Volksschullehrerin. Für alles, was "süß"
ist, begeistert sie sich - ganz gleich, ob es aus Zucker ist oder Fellohren
hat. Von ihr kommen die meisten Extrawünsche, vor allem ist
"Fruchtsalat" gefragt mit ..., und dann kommen die Einzelheiten.
Meine Bekannte nutzt solche Pausen meist, um ihre Bestellung noch einmal
umzuwerfen, frei nach dem Motto: Was, das gibt es? Das möchte ich auch haben.
Oder vielleicht doch nicht. Ich perfektioniere meinen Wortschatz bezüglich
Obst vorwärts und rückwärts.
Pardon, ich komme schon wieder ins Schwärmen. Kurz und gut. Von Anfang an
fällt auf mich das Bestellen. Der Ober im Premier nimmt sich die Zeit und
vermittelt mir eine Lektion für Fortgeschrittene. Mexikaner unterscheiden
zwischen huevos fritos, huevos revueltos, huevos à la ranchera, huevos
mexicanos (tomate, cebollas, sin picante por favor).
Nach dem Zusammenpacken der Sachen beginnt die Suche nach dem Mietwagen. Die
Italiener haben ihn vorbestellt. Inzwischen steht der Beschluss, zusammen zu
fahren. G. hat ihn eingefädelt. Es ist mein erster derartiger Versuch mit
einem Privat-PKW in Lateinamerika. Bislang habe ich auf öffentliche
Verkehrsmittel vertraut, was sicher umständlicher ist, aber seine Vorteile
hat, wenn man Land und Leute besser kennenlernen will.
AVIS hat das Büro am Flughafen. Mit einem weißen Schlachtschiff geht's also
erst einmal dorthin zurück. Auch dieser Taxifahrer versucht, uns beim
Abrechnen zu übervorteilen. Den Extra-Preis begründet er mit dem großen
Koffer. Wir einigen uns auf die Hälfte des Zuschlags. Nach stundenlangem
Erkundigen finden wir das Büro des Auto-Verleihers. Die Bedingungen auf der
Versicherungs-Police bleiben unklar. Wir wissen nicht genau, wogegen der
Wagen versichert ist. Wenn ich recht verstehe, müssen wir bei einem
Totalschaden nicht bezahlen, Teilschäden kommen uns dagegen teuer. Man wird
sehen. Ein VW-Bus holt uns ab, um uns zum Auto-Hort zu bringen. Die Italiener
haben einen VW-"Sedan" vorbestellt. Hinter dem klangvollen Begriff
verbirgt sich ein grauweißer Käfer. Sicherheitshalber checken wir ihn auf
alte Schrammen. Es handelt es sich um ein Spitzenprodukt aus Puebla,
jedenfalls im Vergleich mit dem meinigen aus der Wolfsburger Produktion Anno
1972. Überhaupt das Fahrgefühl - ein wichtiger Teil der bevorstehenden
5000-Kilometer-Reise. Vorzügliche Stoßdämpfer, obwohl noch keine Federbeine,
gutes dickes Sportlenkrad, zu kurzes Kupplungsspiel, daher fast immer hartes
Einkuppeln, das Getriebe anfänglich passabel, später reißt offenbar etwas an
der Aufhängung ab. Der Motor ist ein Phänomen, wenn er wirklich nur 1200 ccm
haben sollte, wie es in den Papieren steht. Er zieht mit vier Personen und
Gepäck im vierten Gang problemlos steile Berge hoch. Seine
Höchstgeschwindigkeit bergab beträgt 150 km/h. Die Bremsen funktionieren
normal. Dass VW auch solche Autos baut. Man könnte wieder schwach werden,
wenn nur die Scheibenwischer besser wären.
Noch einmal im AVIS-Büro reingeschaut. Ein Angestellter legt letzte Hand an
eine Straßenkarte, um uns die Route zu zeigen - ein Flickenteppich aus
Tesaband und Papierresten. Der gute Wille ist erkennbar, die Route leider
nicht. Gepäck eingeladen, Generalrichtung Süden. Dann endlich geht es los.
Vor jeder Kreuzung - sie nehmen kein Ende - 1x bekreuzigt, was bei
Taxifahrern hilft, kann auch uns nicht schaden.
Die ersten Meter - die ersten "Topes". Darunter versteht man die
Erfindung eines sagenhaften Verkehrsministers namens "Topes"
Portillo: Halbierte Betonpfeiler 20/30 cm hoch, quer über die Straße, mal
angekündigt, mal nicht, was bei 100 km/h ganz schön scheppern kann. Die
Variante sind "vibradores". Das Gleiche in kleiner, dafür ein
Dutzend davon kurz hintereinander. Akustische Kennung der beiden: Bum-Bum oder
Brrrrrrrrrr. Wir finden wider Erwarten aus dem Moloch Mexico-City heraus.
Nicht selbstverständlich bei einer Ausdehnung in Längsrichtung von ca. 110
Kilometern. Südeuropa-, vor allem Romerfahrungen sind beim Fahren
ausgesprochen hilfreich. Was immer auch der Altbundespräsident meinte,
Mexico-City heißt hier Mexiko, nicht ciudad de Mexico o.ä.
RICHTUNG PAZIFIK - TAXCO
Der erste Teil der Fahrt geht bergauf. Die Landschaft erinnert an Europa.
Viel Grün, keine bizarren, sondern rundliche Gesteinsformationen. Wir
dechiffrieren die ersten Schilder. "No deje piedras en la
carretera" - bezieht sich offenbar auf Steine, die die Mexikaner beim
Reifenwechsel einzusetzen scheinen. Und "Bitte keine Löcher in die
Straßenschilder schießen" - was eher den Charakter einer Aufforderung zu
haben scheint, denn wir finden in ganz Mexiko nicht ein Schild, das keine
Einschusslöcher aufweist. Dann geht es bergab, und ein weites Panorama öffnet
sich. Nach zwei Stunden das erste Mal angehalten, um die Landschaft zu
fotografieren. Wer weiß, was noch kommt. Das heißt zunächst einmal, Linse
nach oben, damit der Müll den Eindruck nicht stört. Überhaupt, der erste
Parkplatz, der erste Müllplatz. Am Boden der Schlucht hinter dem Parkplatz
jede Menge toter Hähne, offenbar vom Duft angelockt, schwindelig geworden und
abgestürzt. Müll gehört zu den eindringlichsten Erfahrungen in Mexiko, wovon
noch zu reden sein wird. Wir klagen über Umweltverschmutzung - dass ich nicht
lache -, hier wird sie gemacht, in einem Maß, welches unsere provinziellen
Vorstellungen sprengt.
Nach einem längeren flachen Abschnitt geht es wieder ins Gebirge, echtes
Käferland. Ich lasse unsere südlichen EG-Partner einen Einblick in solide
Rallyetechnik nehmen. Gegen 18.00 Uhr erreichen wir Taxco, eine hoch gelegene
ehemalige Minenstadt. Ein außerordentlich freundliches Touristenbüro
empfiehlt uns das Hotel La Loma Linda und beschreibt auf einer Karte die Lage
der Sehenswürdigkeiten. Das Hotel erweist sich als guter Tipp. "La Loma
Linda" liegt malerisch an einer Kurve am Rande einer tiefen Schlucht.
Die Zimmer sind ebenerdig, um einen Innenhof gruppiert. Im Zentrum liegt ein
Schwimmbad für den, der mag. Oberhalb, zum Innenhof hin offen, befindet sich
ein schönes Restaurant im Kolonialstil. Das zugewiesene Zimmer liegt, von der
Straße aus gesehen, links unten, um die Ecke herum, mit direktem Ausblick auf
die Schlucht. Sie ist noch tiefer, als es den Anschein hat, was ich daran
bemerke, dass sich das, was ich für Hunde hielt, nach einer halben Stunde
Beobachtung als Pferde entpuppt. Abends genehmigen wir uns ein gutes Essen,
sogar mit Rotwein, was teuer kommt, aber sein musste zur Feier des Tages.
Obwohl unbekanntes mexikanisches Produkt bleiben Sehstörungen aus. Die neuen
italienischen Bekannten haben sich nach einigem Zögern entschlossen,
mitzuhalten. Ein wenig bin ich für sie der wilde Mann. Nun ja, mit dem Image
kann ich leben. Weniger dagegen mit den Launen meiner deutschen Mitreisenden.
G. gibt sich muffelig, müde, zieht beleidigt ab ins Zimmer. Ich dagegen bin
außerordentlich zufrieden, auch deshalb, weil die Kredit-Karte, die ich das
erste Mal ausprobiere, funktioniert. Damit ist die Reise technisch gerettet.
Am nächsten Tag machen wir uns auf zum Marsch durch die Innenstadt. Taxco ist
eine der ältesten Silberstädte Mexikos und damit Lateinamerikas überhaupt.
Die Spanier haben indianische Sklaven über Jahrzehnte das kostbare Metall aus
dem Berg schlagen lassen. Die Altstadt, sie steht unter Denkmalschutz, liegt
am Berghang. Verwinkelte Wege durchziehen sie. Auf dem Kopfsteinpflaster
drängen sich Mengen von Touristen. Auf dem "zócalo", dem
Zentralplatz, erstehe ich von einer indianischen Künstlerin ein Bild in
naivem Realismus. Es ist beschämend billig, so dass ich gar nicht erst den
Versuch unternehme zu handeln. Nur ein paar Schritte sind es hinunter bis in
die Kathedrale. Im Seitenschiff entdecke ich einen blutigen Jesus mit
genialisch auf die Wunden gezielter Spotbeleuchtung. Das Licht kommt,
Ergebnis der Inspektion, durchs Oberlicht. Es wirkt surrealistisch, Bunuel
hätte seine Freude gehabt. Hut ab, die Kirche, die katholische zumal,
verfügte schon immer schon über einen ausgeprägten Sinn für Effekte. Auch
hier drängt sich natürlich der obligatorische Führer ungefragt auf,
erläutert, was man viel besser nachlesen kann, hat unendlich viel Zeit, um am
Ende unauffällig am Eingang der Kirche die Hand aufzuhalten. Man ist ebenso
Objekt, wie man selbst dazu neigt, das Land und die Menschen zu behandeln.
Hochgradige Versachlichung charakterisiert die Beziehungen von beiden Seiten.
Vor der Kirche hält ein riesiger Flaschentransporter - auch dies nicht der
letzte. Die Wasserindustrie wird an mir eine Extra-Dividende verdienen. Kurz
vor der Rückkehr zum Hotel taucht mit lautem Getöse die Müllabfuhr auf. Das
muss man gesehen haben. Die Mexikaner verfolgen staunend die Technik, die die
Müllkutscher mit ihrem neuen Wagen zur Darstellung bringen - mit Gasmaske
(wg. des infernalischen Gestanks) und Grazie (wg. der Zuschauer).
Zu den ersten positiven Erfahrungen gehört, dass es selbst hier in Mexiko
trotz hochgradig verhärteter Stereotypen gegenüber den "Gringos"
möglich ist, mit guten Spanischkenntnissen und etwas Muße aus den
zugewiesenen Rollen herauszuschlüpfen. Nicht überall und jederzeit, aber doch
bei Bedarf. Ich vermag nach der kurzen Zeit, anders als man vielleicht
vermuten würde, bei den Mexikanern im Vergleich mit der Bevölkerung anderer
Länder Lateinamerikas kein spezifisches Profil zu erkennen. Es gibt einen
relativ hohen Indioeinschlag wie in anderen Andenländern, Richtung Süden sind
die Menschen sehr klein, im Norden werden sie heller und größer. Aber die
Variation ist riesig. Die Mädchen sind selten hübsch, aber fast immer
ausgesprochen nett und höflich, beinahe ohne Ausnahme. Von den Männern lässt
sich das nicht ohne weiteres sagen. Einige scheinen auf ihr Triebleben
reduziert. Ihre Einstellung zu Frauen ist eine Art primitives
Radfahrersyndrom. Die Frauen stehen für sie pauschal unten. Alles andere
halten sie für eine Degenerationserscheinung der weiterentwickelten
westlichen Gesellschaften. Zur Bekräftigung fassen sie sich bei solchen
Sprüchen demonstrativ an die Hoden.
Gleichwohl, tritt man mexikanischen Männern selbstbewusst und freundlich
gegenüber, bleibt auch bei ihnen fast nie Aggression gegenüber dem Gringo
zurück. Im ganzen gesehen - im Vergleich zu Kolumbien etwa - erscheinen viele
Mexikaner außerhalb Mexiko-Citys geistig erstaunlich unbeweglich. Das
Auffassungsvermögen wirkt oft schon bei der geringsten Komplikation
überfordert. Gestern bat ich dreimal um eine Rechnung, mit drei verschiedenen
Ergebnissen. Es war keine böse Absicht dahinter. Der Junge, der bediente,
hatte einfach das Chaos.
ACAPULCO
Wir verlassen Taxco Richtung Südwesten auf Acapulco zu. Das begleitende
italienische Paar entpuppt sich entgegen allen Vorurteilen als Meister der
Organisation und der Pünktlichkeit, zumindest was ihre Angelegenheiten angeht
- angenehm. Abends Acapulco erreicht. Davor eine sehr schöne Strecke. Kurz
vor der Küste steil bergauf im Kordon mit hochdrehenden schweren Lastwagen,
die riesige pechschwarze Dieselwolken ausstoßen. Man fährt auf eine dichte
schwarze Wand zu, verliert jede Sicht, lokalisiert den unsichtbaren
Verursacher am dröhnenden Motorgeräusch, versucht, das Geräusch links zu
umfahren, und atmet tief durch, wenn einen der helle Tag wieder umfängt:
Überholen auf mexikanisch. Auf den steilen Anstieg folgt eine entsprechende
Abfahrt. Der Blick auf Acapulco öffnet sich, wobei die Bucht allerdings
zunächst durch die Rückfront hoher Hotelbauten vollkommen abgeschirmt ist.
Längs der Straße, in Strandnähe, erkennbar an der langen Rückfront warten
schon die Hotelvermittler. Ich winke ab, will meine eigenen Informationen.
Tatsächlich finden sich in einer Querstraße kleine Glashäuschen, besetzt mit
Mexikanerinnen, die die Aufgabe haben, offiziell und neutral Touristen zu beraten.
Eine schreibt mir brav 20 (!) Hotels auf. Sie hätte noch mehr aufgeschrieben,
wenn ich sie nicht nach einer halben Stunde höflich aber bestimmt gestoppt
hätte. Am Ende verlasse ich mich doch wieder auf die bewährte Bibel aller
Lateinamerikapioniere, das legendäre, in Großbritannien verlegte
"South-American Handbook" in seiner mittlerweile mehr als
fünfzigsten Ausgabe. Das empfohlene, preiswerte Hotel entpuppt sich als ein
großer Bau, direkt an der Uferstraße. Dort ergibt sich die erste Gelegenheit,
um das zu genießen, weshalb alle, die es sich leisten können, hierher kommen.
Das Riesenfenster im Zimmer zur See hin ist mit einem schweren Vorhang
verdeckt. Der Kellner begibt sich zur Seite und zieht mit einer Bewegung
alles auf: atemberaubender Blick, von links nach rechts über die Bucht, ganz
außen die geöffnete Hand des Kellners. Der Blick ist mit großem Abstand das
Beste am ganzen Hotel. Die Fenster isolieren natürlich nicht. Mofafahrer
rauben den Schlaf. Atmosphäre? Ein wenig schon noch. Morgens tauchen am
Strand ein paar Fischer auf, die ihre Boote anlanden und den Fisch direkt
verkaufen. Eine kleine Katze profitiert davon.
Es gibt nichts zu deuteln. Die Bucht ist immer noch atemberaubend schön, von
hohen Felsen eingerahmt. Gleich nebenan weitere Buchten, die deutlich
exklusiver. Die Reichen weichen inzwischen aus. Die Hotels ziehen nach. Im
nachhinein betrachtet erscheint der Strand von Acapulco bemerkenswert sauber,
ein Indiz für eine relativ intakte, professionelle Stadtverwaltung - eine
Seltenheit.
ENTLANG DER PAZIFIKKÜSTE
Es folgt eine lange Strecke an der Küste entlang. Marternde Gluthitze,
Palmen, Mangroven, dampfender Asphalt, abends ein Guss, fast ein Sturm, über
Stunden kaum noch Sicht durch die Windschutzscheibe. Jede Katastrophe scheint
möglich, doch wir kommen wider Erwarten heile an. Es ist spät, als wir Puerto
Escondido an der Pazifikküste erreichen, einige hundert Kilometer unterhalb
von Acapulco. Beinahe eine Pleite, der Ort ist randvoll - Weiterfahren? -
undenkbar angesichts der Straße mit ihren waschtroggroßen Schlaglöchern.
Abgesehen davon, dass es eine gefährliche Gegend sein soll, so das gewöhnlich
nicht zur Übertreibung neigende Reisehandbuch. Wir, mit Verlaub, ich finde am
Ende ein Zimmer in einem etwas außerhalb gelegenen Hotel für 4 Personen mit
Ventilator unter der Decke, im übrigen weit und breit das einzige noch
verfügbare Zimmer, im Ringkampf und mit allen Tricks langer Reiseerfahrung
vor anderen übermüdeten Reisenden beim Portier erkämpft. Unter den Wartenden
ein Amerikaner, hat Tränen in den Augen, sucht ein Opfer, um sich
mitzuteilen, spricht in den Raum hinein und steuert zielstrebig auf mich zu,
weil ich nicht schnell genug weggeschaut habe. Er ist mit einem Motorrad die
gleiche Strecke gekommen und in den Sturzregen geraten, hat x-mal fast im Graben
gelegen. "Man, can you imagine, Man!" Der Schock steht ihm noch
ins Gesicht geschrieben, aber ich habe keine Lust auf seine Geblubber, es
geht schließlich um das einzige noch freie Zimmer. "Sorry!"
Wir wollen wenigstens gut essengehen. Sieht auch gut aus - ein offenes
Restaurant. Ich probiere zum Fisch leichtsinnigerweise den Saft auf dem Tisch
- nicht, daß er einem das Zahnfleisch wegätzt, das sowieso, es ist offenbar
auch noch purer Koblauchsaft. Die Nacht wird kurz, der Lärm von der Straße,
die Gäste unmittelbar vor dem halboffenen Fenster, die Helligkeit. Der
nächste Tag wird hart. Mir ist speiübel, vor Schwäche bekomme ich die Füße
nicht voreinander. Ob der Knoblauch oder der Fisch, ich möchte pausieren und
suche ein vernünftiges Hotel. Tatsächlich finde ich in der brüllenden Hitze
eine schöne saubere Pension, aber meine Mitreisenden bestehen auf der
Weiterfahrt nach Tehuantepec. Wir gehen in ein tiefgekühltes Restaurant zum
Frühstück, wo es zwar alles auf Kreditkarte gibt, was mir aber wenig nützt.
Mausetot und mausemüde würge ich zum Gotterbarmen, aber die Toilette, die ich
aufsuche, ist derart säuisch, daß ich mich ekele, dort den Mund weit
aufzumachen, also bleibt's drin. Ich entschließe mich, selbst zu fahren, um
an etwas anderes zu denken.
WEITERFAHRT AN DER PAZIFIKKÜSTE
Die Fahrt geht kurzzeitig durch steile Berge, wobei sich die Straße
buchstäblich durch 1000 und eine enge Serpentine windet. Ein kleines,
abgelegenes Dorf taucht auf. Links und rechts Hütten, eine Kantine, ein paar
Läden, in denen sich die Bauern aus den umliegenden Bergen und durchreisende
LKW-Fahrer verproviantieren. Nach kurzer Rast geht es weiter über 2000 und
zwei Serpentinen. Nach einem kurzen Halt, eine Autostunde vom Dorf entfernt,
rechnen wir unseren Spritverbrauch durch und die vermutliche Entfernung zur
nächsten Ansiedlung. Es wird knapp. Noch zögern wir umzukehren, da treffen
wir auf eine Gruppe Mexikaner, deren Wagen im Graben liegt. Sie bitten uns,
Hilfe zu holen. Nach ihrer Schätzung dauert die Fahrt bis zur nächsten Stadt
noch drei bis vier weitere Stunden. Also kehren wir um. Als wir zwischendurch
an einer verlassenen Bambushütte anhalten, befallen Flöhe den Wagen. Sie
veranstalten eine Blutorgie an Armen und Beinen. Es erwischt vor allem die
beiden Frauen auf den hinteren Sitzen. Beide schlagen um sich und kreischen.
Es hilft nicht viel. Die Plagegeister sind nicht aus dem Wagen zu bekommen.
Angekommen im Dorf, kaufen wir ein Insektenvertilgungsmittel. Ich spritze es
von oben durch den Fensterschlitz ins Innere des Wagens, kurbele die Scheibe
dann hoch. Es hilft. Nach einer Stunde läßt sich der Wagen tanken, die Flöhe
melden sich nicht mehr. Ich gehe zwischendurch auf dem Zahnfleisch. Endlich,
als ich fast schon nicht mehr dran glauben mag, enden die Serpentinen. Salina
Cruz liegt vor uns. Es ist inzwischen später Nachmittag. Ich frage mich durch
zu einem Hotel, besichtige es. Es ist sauber, guter Preis, will mich fallen
lassen - doch irgendetwas paßt einer der mitreisenden Damen nicht. Ich bin
Millimeter davor, diese Herrschaften ihrem Schicksal zu überlassen. Also
weiter: am Ende der Hauptstraße, über einen Hügel hinweg, am Meer, findet
sich schließlich noch eine andere Unterkunft. (Posadas
de Rustrian). Sie
liegt schön, mit Blick aufs Meer. Trotz Wind tummeln sich jede Menge Mücken.
Ich verschlafe den Rest des Tages und nehme gleich die Nacht hinzu. Am
nächsten Morgen bin ich das erste Mal wieder in der Lage, etwas zu mir zu
nehmen.
Rückblickend gesehen, wird die Reise über fünf Wochen unter physischem Aspekt
ein einziger Schlauch. Die meiste Zeit Darminfektionen, immer nur wenige
Stunden Schlaf, die meisten Strecken in extremer Hitze, gelegentlich so heiß,
daß wir trotz voller Bestrahlung durch den Hauptstern die Fenster des Käfers
dicht geschlossen halten. Schwer vorstellbar, aber selbst bei hoher
Geschwindigkeit erreicht der Fahrtwind mitunter die Temperatur eines heißen
Föns. Im übrigen fahre ich den größten Teil der 5.000 Kilometer.
DIE BERGE
Wir verlassen die Pazifikküste und fahren ostwärts in Richtung auf die
Zentralkordilleren. Das Ziel heißt San Cristóbal de las Casas: ein berühmter
Indianerort hoch in den Bergen. Während der Fahrt dorthin herrscht zeitweise
extremer Wind - ein Dauernaturphänomen, das schon in den Reiseführern notiert
ist. Der italienische Co-Pilot Claudio tränkt mich mit einem Strohhalm, da ich
beide Hände fürs Steuer brauchte. Wie bei der Rallye, meint er trocken.
Diesmal löst er mich konsequent alle zwei Stunden am Steuer ab. Mittags
in...(schon vergessen) besuchen wir in einem Nationalpark den Canyon
sumidero. Es ist zu neblig, um die Superlative in den Beschreibungen
nachvollziehen zu können. In der Ebene, kurz vor dem Aufstieg, entdecken wir
an einer Kreuzung die erste winzige Pyramide.
Schroff und unvermittelt erheben sich vor uns die Kordilleren. Der Aufstieg
beginnt. Uns erwartet eine eindrucksvolle Landschaft. Die Gipfel berühren
tiefhängende Wolken, durchschneiden sie mitunter. Wir fahren an Indios
vorbei, die die steile Straße neben dröhnenden, hochtourig laufenden Autos
bergauf wandern. Von oben geht der Blick kilometerweit über die Ebene und die
Paßstraße hinter uns. Tief unten quälen sich LKWs die steile Straße hoch. Die
Zeit für Fotos ist knapp. Wir beeilen uns mit dem Wiedereinsteigen. Jedes
Überholmanöver eines der qualmenden, stinkenden Lastwagen ist ein aufwendiges
und risikoreiches Unterfangen. Man fährt dicht heran an den beißenden Qualm
des schwefelhaltigen Diesels, späht, so gut es geht, nach vorne, zieht den
Wagen heraus und muss frustrierend oft wieder einschwenken, weil sich
Kolonnen von Fahrzeugen bergab bewegen. Also läßt man sich zurückfallen,
schöpft etwas frische Luft und unternimmt einen neuen Versuch.
Ich bin gespannt auf San Cristóbal. Das Handbuch warnt vor feindseligen
Indios. Gerade mit der Kamera sei ganz besondere Vorsicht geboten. Claudios
italienischer Reiseführer schreibt von "unvorsichtigen oder einfach
unglücklichen Franzosen", eine unnachahmliche Formulierung, die das
"Pech" hatten, vor zwei Jahren nach dem Fotografieren einer Kirche
in einem der umliegenden Dörfer gesteinigt zu werden. Soll in Mallorca nicht
vorkommen!
Gegen 18.00 Uhr erreichen wir das Hochtal, in dem San Cristóbal liegt. Der
Ort besteht mehrheitlich aus niedrigen, weißgetünchten Häusern im
Kolonialstil, ebenerdig oder einstöckig. Das Hotel, Párador Mexicano, nach
dem wir fragen, ist eine Oase der Stille und des Stils. Von außen wirkt es
eher unscheinbar, eine Einfahrt nur. In der Mitte stehen die Wagen der Gäste,
dahinter am Ende ein kleiner Tennisplatz. Rechts, zu ebener Erde befinden
sich nebeneinander die meisten Zimmer. Zur ersten Etage führt ein Aufgang von
außen. Der Boden ist mit dunkelroten Teppichen bedeckt. Die Möbel sind aus
schwarzgebeiztem Holz, das Bett ist groß und sauber, selbst der Spiegel ist
klar. Den Raum durchzieht der schwere, intensive Geruch von dunklem Holz, kühlen
Steinplatten, Naturdecken aus grober Wolle. Mir ist, als ob sich das Tempo
des Kreislaufs nach den extremen Temperaturen an der Küste spürbar
verlangsamt. Wie von außen betrachtet nehme ich mich selbst wahr, während ich
in Zeitlupe auf das Bett sinke. Ich ziehe mit dem Gesicht nach unten den
fremden Geruch ein und merke wie der Kopf langsam aufklart. Ewig könnte ich
so liegen. Weit zurückliegende Erinnerungen an diese Landschaft sind im Nu
gegenwärtig: Das bolivianische Cochabamba, La Paz, el Altiplano, das
peruanische Macchu Pichu, Riobamba in Ecudador, Santa Fé de Antioquia in
Kolumbien. Es ist die eigentümliche Atmosphäre der Anden, eine Landschaft der
Ruhe, gemessener Bewegungen von Mensch und Tier, der Weite, auch eine
Landschaft, in der die Luft klarer scheint, alle Konturen schärfer wirken, in
der die einfachen Farben intensiv leuchten unter einem tiefblauen Firmament.
Viele Jahre liegt die erste Begegnung zurück, und doch kommt die Erinnerung
sofort zurück.
Morgens gegenüber in ein sauberes Restaurant, eine nette Bedienung, starker
indianischer Einschlag. Am Morgen der Abfahrt wird sie tottraurig sein - sie
wollte uns als erste bedienen, doch ein Haufen Franzosen drängt sich vor und
bestellt direkt am Küchenfenster. Die Indios sind gegen solche Regelverstöße
hilflos. Als ich sie darauf anspreche, ist sie traurig-resigniert, daß jemand
ihr diese Geste verdarb.
Die Stadt ist eine Reise wert. Sie liegt in einem weiten Tal, umgeben von
grünen, landwirtschaftlich genutzten Hügeln. Die Häuser sind alle einstöckig.
Auch hier sind die Menschen arm. Wie überall gibt es Bettler. Trotzdem ist
die Stadt sauber, kein Slum im Werden wie so viele andere Agglomerationen an
der Küste und im Flachland. San Cristobal hat im ganzen seinen Charakter
bewahrt. Im Zentrum der zócalo, im übrigen die allgemeine Bezeichnung des
Zentralplatzes in Mexico - in Peru ist es der Plaza das armas - mit
Kathedrale und dem Gebäude der Verwaltung. Räume nebeneinander unter Arkaden.
Abends in einer Kneipe am Rande des zócalo gegessen, aus einem Lautsprecher
Harfenmusik. Die anderen finden sie passend. Es klingt aber nur nach Anden,
tatsächlich ist es der deutsche Barde Vollenweider.
Neben der Kathedrale ein gekreuzigter Jesus aus Autoplacas, also
Nummernschildern, eine bizarre Komposition. Autofahren und Tod gehören in
Mexico eng zusammen. Zahllose kleine Gräber und Kreuze an gefährlichen
Stellen, Kurven, Schluchten, sind ständiger Begleiter während der Reise.
Am nächsten Tag ist Markt, einer der schönsten Tage der Reise. Auf dem Hügel,
im Schatten der Kirche breiten Indiofrauen Decken aus und bieten ihre
Arbeiten feil. Reisenden gegenüber geben sie sich scheu wie Erstkläßlerinnen,
dann wieder neugierig, tuscheln, lachen, trauen sich scheinbar nicht,
reagieren aber sofort auf Gesten. Wird man beim Fotografieren ertappt und
gibt sich demonstrativ unschuldig, biegen sie sich vor Lachen. Irgendwann
händigt mir eine ihre Adresse aus - es ist ihr Vorname und der Name des
Dorfes -, damit ich das Bild dorthin schicke. Ich hocke mich neben eine Frau,
frage, wann sie aufgestanden sei, wo sie wohne. Aber etwas über ihr Leben zu
erfahren, ist nicht ganz einfach, sie will unbedingt verkaufen und ist nicht
davon abzubringen, mir Dinge umzuhängen, in die Hand zu drücken. Einige
wenige Indianerinnen sind offenkundig abgebrüht, besonders einige der kleinen
Mädchen kontrastieren in ihrem Verhalten deutlich zu dem der Mütter. Eines
der Kinder will sich verkaufen. Sie sieht aus wie zehn. Niemand geht auf ihr
Angebot ein, wenigstens hier nicht.
Immerhin, auch unter den Alten befinden sich Schlitzohren. Wenn sie wechseln
sollen, haben sie plötzlich kein Wechselgeld mehr. Tatsächlich ist
Wechselgeld ein Problem, nach oben und nach unten hin. Die Einstellung zur
herrschenden galoppierenden Inflation ist sehr unterschiedlich. Manchmal wird
abgerundet, manchmal bis auf den allerletzten wertlosen Peso (= 1/3 Pfg)
abgerechnet. Viele Rechnungen, mehr als die Hälfte würde ich schätzen,
stimmen nicht, trotz Taschenrechner. Die großen Summen, mit denen zu rechnen sie
die Inflation zwingt, machen ihnen riesige Schwierigkeiten. Ein Student
meint, der Dollar steige und steige im Verhältnis zur mexikanischen Währung -
er sei schon bei 300 Pesos. Ich korrigiere: 700 Pesos.
Überhaupt, Organisation ist nicht ihre Sache. Es gibt fast nirgendwo eine
vernünftige Arbeitsteilung, und wo es sie gibt, ist das Chaos komplett. Am
schlimmsten ist es in den Banken. Tauschen dauert zwischen drei Minuten und
einer Stunde. Es werden willkürlich viele Angaben vor dem Tausch verlangt. Ein
Angestellter fertigt von dem Blatt bis zu 10 Durchschläge an, tippt ohne
Unterlaß, verschwindet, kommt wieder, telefoniert, verschwindet, wird dann
von einem anderen Angestellten angesprochen, kehrt nach zwanzig Minuten von
irgendwo her zurück. Am Ende muß dann immer noch ein höherer Angestellter
gegenzeichnen, was die Sache noch mehr verzögert, weil dieser meist einen
eigenen Angestellten hinter sich hat, der alles noch einmal kontrolliert.
Selbst Mexikaner verzweifeln darüber. In Villahermosa baute sich ein Mann
demonstrativ vor dem Schalter auf, schiebt seine Quittung langsam in den Mund
und beginnt damit, sie zu zerkauen. Geholfen hat ihm sein Kunststück nicht.
Nicht einmal einen mitleidigen Blick erntet er. Die Angestellten arbeiten
gleichmütig weiter. Sie sind andere Vorstellungen gewöhnt.
Auf dem Markt nimmt ein junger Mann neben mir Platz. Ich halte ihn für einen
Gringo, eher rötliche als braune Haare, hellbrauner Schnurrbart, Panamahut,
sehr helle Haut. Er hat ein paar Bänder nach Indio-Art geflochten und
verkauft sie. Wie gesagt, ich hätte 100% auf einen Late-Hippie getippt, aber
damit liege ich daneben. Offenbar ist er Anthropologe. Er kommt ins Erzählen
von den über 30 Sprachen, die man unter den Indianern in Mexico spricht. Der
Gringo-Mexikaner sieht die Funktion des Marktes und der Touristen
zwiespältig. Der Verkauf helfe auch, das Kunsthandwerk und die alten
Techniken zu konservieren, außerdem leben nur wenige wirklich von den
Touristen. Es sei eher ein zusätzlicher Verdienst. Auf eine Frage hin
erläutert er, daß die Indios die Wolle, das Pergament für die naive Malerei
selbst kaufen müssen. Es ist eben falsche Romantik zu glauben, daß das alles
hier aus der Urproduktion stammt. Was sie verkaufen können, ist buchstäblich
nur ihre eigene Arbeit.
Nicht wenige der Rucksacktouristen, mit denen sie es zu tun haben, sind
eiskalte Profis. Als Spezialisten im Nahkampf tun sich besonders europäische
Frauen hervor. Je lilaer das Tuch, desto dicker die Haut.
"Kwannnto?" Ein Wort, im Original gerade einmal sechs Buchstaben,
und trotzdem noch ein dicker deutscher Akzent. Kurzer Blick, 200 Pesos
weniger geboten als gefordert. Mit vorgestrecktem Finger vor der Indiofrau
gewedelt, damit sie's auch kapiert: 'No, No.' Dann nochmal die Finger, jetzt
zum Anzeigen der gebotenen Summe. "Soviel" und - wieder Hin- und
Herwedeln - "nicht mehr als das. Basta." Daß da ein Negativimage
entsteht, wen wundert's. Es liegt nicht nur an fehlenden Sprachkenntnissen.
Es ist der Stil der neuen Generation: "Ich in der ersten Person",
das reisende postmoderne Kleinbürgertum. Niemand von diesen Figuren käme im
Traum auf Fragen wie: Wie macht man so einen Gegenstand? Kauft man die Wolle?
Wie lange dauert es, bis etwas fertig ist? Bleibt Zeit für die Feldarbeit?
Haben die Farben eine Bedeutung? Wer hat es gelehrt? Das ginge schon mit
geringen Kenntnissen.
Ein Indiomann taucht auf, klein, dunkelbraune Haut. Über seiner Kleidung
trägt er einen erdfarbenen Poncho. Wie viele andere spricht er Spanisch nur
als zweite Sprache. Ich rätsle zunächst, was er anbietet. Es sind lange,
schmale, geschnitzte Holzstäbe, oben und unten spitz zulaufend. Auffällig
gerade sind sie, und, wie er demonstriert, gut ausbalanciert. Ihr unteres
Ende wird durch einen Ball, etwas größer als ein Tischtennisball mit einem
Loch, gesteckt. Dieser Klumpen, möglicherweise aus Wachs, dient als
Gegengewicht. Man spinnt mit diesem Instrument, wie mir der Anthropologe
erläutert. Der Stock wird dabei oben angefaßt, mit einem Finger gehalten und
mit zwei anderen angetrieben. Die Qualität muß stimmen, denn die Indiofrauen
interessieren sich sofort dafür.
Der Markt findet am Fuße der alten Kirche statt. "Santo Domingo",
benannt nach dem Apostel der Indianer, Bartolomé de las Casas, beeindruckt
vor allem durch seine Schlichtheit. Gerade einmal zwanzig Jahre nach der
Entdeckung Amerikas errichtete man die Kirche hier oben im Gebirge, weit ab
von der Küste, wo die Schiffe gelandet waren. Sie ist damit eine der ältesten
erhaltenenen Kirchen auf lateinamerikanischem Boden überhaupt. Zweifellos war
es ein abgelegener Vorposten in einer fremden, ja feindlichen Umgebung.
Welche Wege haben spanische Offiziere und Missionare auf ihren Märschen durch
die Neue Welt in erstaunlich kurzer Zeit zurückgelegt. Welche mitreißenden
Motive müssen sie angetrieben haben. War es nur das Goldfieber, der Glaube an
eine Mission, die Lust auf Abenteuer oder im letzten vielleicht ein Vortasten
an letzte Grenzen? Die schlichte Kirche hier symbolisiert in eindrucksvoller
Weise einen Willen und eine Epoche, die wie keine andere dazu beitrugen, daß
die Welt kleiner wurde und Jahrtausende lang gehütete Geheimnisse verlor.
Dabei zeigt genaueres Hinsehen, daß Südamerika trotz aller inneren und
äußeren Kolonialisierung widerständig geblieben ist. Viele indianische Stämme
haben sich ihren eigenen Reim auf die importierte christliche-katholische
Religion gemacht. Der Protestantismus als moderne, abstrakte Religion hätte
sich hier schwer getan. Ihm fehlen anders als dem alten, selbst noch im
europäischen Heidentum steckenden katholischen Glauben Instanzen wie die
Heiligen und damit die Möglichkeit, die fremden Religionen der unterworfenen
Völker zu integrieren und behutsam umzudeuten. Sicher, die christlichen
Conquistadoren hatten gesiegt. Und es war nur logisch, ihren Gott in der
Hierarchie an die Spitze zu stellen. Die bisherigen Götter rangierten von nun
an eine Etage tiefer, schließlich waren sie unterlegen, hatten ihre Macht
eingebüßt. Aber sie wurden nicht wirklich ausgelöscht, sondern fungierten als
Heilige weiter. Manche Rituale aus uralter Zeit haben sich bis auf den
heutigen Tag bei den zahlreichen Indianerstämmen Mexikos erhalten. Noch heute
etwa bitten manche Mayas in traditioneller Weise um Regen. Eine Szene im
anthropologischen Museum beschreibt den Vorgang. Eine Gruppe baut einen
Holztisch auf, auf den man nach und nach wertvolle Dinge legt, hauptsächlich
Nahrungsmittel. Kleine Kinder sitzen auf dem Boden an den Ecken des großen
Tisches. Sie symbolisieren Frösche, während der Gabentisch unter Gesängen
umtanzt wird. Heute gibt es dabei kein Gemetzel mehr wie früher. Überhaupt -
die Mexikaner und der Tod, eine Sache, die sich immer wieder aufdrängt, in
Gestalt von Plastikskeletten und Totenköpfen an jeder Ecke, wie auch von
Sargschreinern die ihre Produkte marktschreierisch anbieten. Wer Engländer
für makaber hält, sollte hierher kommen.
Auf dem Rückweg vom Markt habe ich mich mit einigen Postkarten versorgt. Zwei
freundliche alte Indiofrauen sahen die Gelegenheit und schwatzen mir ein
selbstgefertigtes Spielzeugpferd auf. Ich wollte es nicht, nicht wegen des
Preises, er war lächerlich, 400 Pesos, aber wohin damit? Ich war nicht
entschieden genug in der Ablehnung, das spürten sie. So nahm ich ihnen diese
Andeutung eines Vierbeiners schließlich ab. Wenn man an die Arbeit denkt,
ihre Phantasie, die Sorgfalt, mit der sie die Dinge irgendwo in einer Lücke
ihres Arbeitstages hergestellt haben, man könnte ihnen alles abnehmen. Ihr
erster Erfolg animiert sie, mir weitere Dinge anzudienen. Nachdem die eine
Erfolg hatte, möchte die andere nicht nachstehen. Es rührt einen an, aber es
hilft nichts, hier den Weihnachtsmann zu spielen.
Am Abend haben wir uns nach einigem Zögern in ein Dorf in der Nähe getraut -
Besagtes, in dem die Franzosen gesteinigt wurden. Die Indios glauben
angeblich, man nähme ihre Seele, wenn man sie fotografiere, und die Seele
Gottes, wenn man die Kirche fotografiere. Ob das stimmt? Wer weiß, was sich
damals wirklich zugetragen hat. Der Platz vor der Kirche ist fast leer. Mit
dem Wissen, das wir haben, ist es ein unheimliches Gefühl und natürlich auch
ein gewaltiger Reiz. Meine Kamera bleibt trotzdem unter der Jacke zur
Beruhigung meiner Mitreisenden - ein Foto in letzter Minute aus dem fahrenden
Wagen ist alles, was ich ihnen zumute.
RICHTUNG WESTEN - MAYALAND
9.8.86 Für mich war dies der sympathischte Teil Mexicos - ein Stück
psychischer und physischer Erholung. Binnen eines Tages verlassen wir das
grüne, dicht bewaldete Gebirge. Noch über Stunden kommen uns bei der Fahrt
durch die Täler Indios entgegen, die dem Markt nach San Cristóbal zustreben.1
Unser nächste Ziel lautete Palenque, die berühmte Mayastadt im Dschungel.
Das angesteuerte Hotel im Bungaloostil liegt mitten im Park, der zum sítio
arqueológico gehört. Eigentümliche Atmosphäre, wie in Afrika ist die erste
Assoziation. Moskitogitter an den Fenstern, Ventilatoren unter der Decke,
Grillen, die laut, ja grell zirpen, kreischende Papageien, einige davon
angekettet in der Nähe des Gartens. Da der Tag schon fortgeschritten ist,
machen wir uns nach dem Auspacken sofort auf den Fußmarsch zu den Pyramiden.
Nüchtern betrachtet sind es Treppen, die man bei glühender Hitze besteigen
muß. Schon auf der Fahrt hierher haben wir uns fast aufgelöst. Also, tief
Luft geholt und die Treppen der Hauptpyramide rechts im Sturmschritt genommen,
60, 70, 80, irgendwann vergeht mir die Lust zu zählen. Hinterher beschert uns
der Aufstieg einen fürchterlichen Muskelkater. Übrigens: Fast das Gleiche
erwartet einen noch einmal im Innern auf dem Weg nach unten. Wer das Pensum
abschätzen will, muß das sichtbare Treppenquantum also mal vier nehmen. Innen
stößt der Besucher, abgeschirmt durch ein Gitter, auf den Sarkophag eines
Priesterkönigs.
Palenque soll, das schreibt die Literatur, die einzige Pyramide sein, die in
ihrer Funktion als Mausoleum ägyptischen Pyramiden ähnelt. Ansonsten
bildeten die meisten Pyramiden urspünglich Sockel für kleine, hüttenähnliche
Tempel. Übrigens: Vorsicht mit dem Ausdruck "Maya"-Pyramiden. Man
muß genau unterscheiden zwischen Perioden, wissen, ob und wann der Platz von
den Mayas verlassen wurde, ob es Olmeken, Tolteken bzw. - zuletzt - Azteken
waren. Anders als die Inkas, die in den Anderegionen Südamerikas ein straff
geführtes, zentralistisches Reich errichteten, bildeten sich in
Zentralamerika zumeist Stadtstaaten, die gelegentlich, aber immer nur für nur
kurze Zeit, zu einem politischen Verbund zusammengefaßt wurden. Dadurch
blieben die Strukturen viel pluraler, und verschiedene Kulturen konnten
nebeneinader bestehen.
Die Tempel auf der Spitze der Pyramiden sollen, wie gesagt, den Mayahütten
mit ihren spitzen Strohdächern ähnlich gesehen haben, so jedenfalls eine
Vermutung, denn im Gegensatz zu den Treppenstufen hat sich keine dieser
Hüttentempel erhalten. Die Hütten dagegen kann man sehr wohl heute noch
besichtigen, wie es übrigens auch heute noch reinrassige Mayas gibt. Sie
tragen helle, fast weiße Ponchos. Sie wirken fast wie Mitglieder einer Sekte,
wenn man sie das erste Mal sieht. Im Laufe der Zeit wurden die ursprünglich
kleinen Pyramidenanlagen immer wieder überbaut und erhöht. Die berühmte
Jaguarstatue von Chichen-Itzà etwa wurde in einer dieser überbauten
Substrukturen im Innern der Pyramide gefunden.
Die
Pyramide von Palenque gilt in ihrer Form als die schönste und ausgewogenste.
Das richtige Verständnis für die Bedeutung dieser Bauten ist bei mir, um
ehrlich zu sein, erst im nachhinein durch die Lektüre eines Standardwerks aus
der Feder des amerikanischen Maya-Spezialisten Coe entstanden, das ich in
einer Buchhandlung erstanden habe. Der zweite Teil der Reise ist von diesem
Wissen stärker mitbeeinflußt worden.
Natürlich macht man sich beim Anblick der Bauten auch nicht frei von dem, was
man über die weithin bekannten massenhaften und unendlich grausamen
Opferrituale wie auch die Praxis der Verstümmelungen und
Selbstverstümmelungen, die diese Kulte zur Zeit der spanischen Entdeckungen
prägten, liest und weiß. Es mag weit hergeholt sein. Aber mitunter schleicht
sich während der Reise der Gedanke ein, daß manches von diesen Ritualen und
der Todessehnsucht der ursprünglichen Einwohner in den perversen
Essgewohnheiten heutiger Mexikaner nachlebt: Tabasco und Zitrone in den Café,
ätzendscharfe Saucen, Tequila und Mezcal, Bonbons mit Pfeffer usf.
Der Versuch, sich einen Eindruck von der Welt hinter den Pyramiden zu machen,
leidet neben individuellen Wissenslücken und - in praktischer Hinsicht - den
vielen Touristen auch an fehlenden Inschriften und der Seltenheit bildlicher
Darstellungen. So erscheinen die Bauten primär als blanke Machtarchitektur.
Sie sollen sich strikt nach den Einsichten der Astronomie und den
Regelmäßigkeiten des Kosmos gerichtet haben. Die Aufschlüsselung dieser
Zusammenhänge ist eine Wissenschaft für sich, hoch-abstrakt. Ein gefundenes
Fressen für den auch in Mexico existierenden Typus pensionierter
Mathematik-Lehrer, von denen sich einige immer wieder daran versucht haben.
Viel, was die Sache gewissermaßen spannend machen würde, fehlt bislang an
Wissen. Man durchschaut zwar einigermaßen die Konstruktionsprinzipien und
ihre Funktion, aber kaum ihre Bedeutung, weiß wenig über die Entwicklung der
Priesterkaste, über ihr Verhältnis zu den anderen Klassen der Gesellschaft.
So wirkt das Wissen eigentümlich statisch, dynamisiert allein durch gewisse
Einsichten über Abfolgen von Kunststilen in der Keramik. Eine präzisere
Datierung, die der Geschichte Fleisch verleihen würde, in der sich Epochen in
Jahre auflösen, Strukturen in Personen, fehlt noch weitgehend. Ein Durchbruch
in der Entzifferung ist gerade erst erfolgt.
Die Rolle der Spanier in diesem Zusammenhang ist ausgesprochen ambivalent.
Die wichtigste Quelle bilden nach wie vor die Schriften eines gewissen
Bischofs Lauda. Seine Darstellungen sind bis heute ein Muß für jeden
Maya-Forscher. Die katholische Kirche besaß die Eigenart, den Erfolg ihrer
Missionstätigkeit durch eine möglichst umfassende Beschreibung des Statusquo
ante zu demonstrieren. Von Lauda weiß man jene entscheidenden Eckdaten, die
die Synchronisierung des Maya-Kalenders mit dem Julianischen erlaubten. Von
ihm stammen die Namen der Gottheiten und Erläuterungen zur Eigenart des alten
Kalenders. Das Jahr hatte 13 Monate à 20 Tage bzw. 18 Monate à 21 Tage, und
fünf einzelne Tage, die durch Feiern zu überbrücken waren. Lauda hat auch
Chichen-Itzà gesehen und überhaupt viel von den Abläufen der Feiern und
Rituale notiert, die damals noch im Vollzug waren. Der religiöse Aspekt des
Maya-Lebens war es, der ihn interessierte. Lauda verwandte seine Schriften
später auch als persönliche Verteidigungsschriften vor den Richtern des
Königs von Spanien. Andererseits ließ er unschätzbares Quellenmaterial, die
heiligen Bücher der Mayas etwa, systematisch als Teufelszeug verbrennen.
Überhaupt nur drei bzw. vier Schriften sind eher zufällig überliefert. Die
Echtheit des vierten in New York aufgetauchten Maya Codexes ist umstritten.
Die berühmteste Schrift ist übrigens der sogenannte Codex Dresden. Erst in
jüngster Zeit hat sich die Einsicht durchgesetzt, daß die Mayas überhaupt so
etwas wie eine profane Geschichtsschreibung kannten. Einzelne Stellen in dem
Codex bezeichnen Geburts- und Todesdaten individueller Herrscher, die damit
überhaupt zum ersten Mal Konturen gewinnen. Im Prinzip würde sich die
angebliche Besessenheit der Mayas mit ihrem Kalender vorzüglich zur
chronologischen Rekonstruktion ihrer Geschichte eignen. Allerdings scheint
es, daß ihnen selbst ein solches historisches Bewußtsein abging. Sie
begriffen sich, so die Deutung bis jetzt, nicht als Produkte einer langen
Entwicklung wie etwa Römer oder Griechen und übrigens auch die Inkas. Ihren Referenzrahmen
bildete vielmehr ein wiederkehrender Zyklus von 52 Jahren. Eine faszinierende
Vorstellung, wenn sie denn stimmt.
TULUM
Auf gut ausgebauten Straßen gelangen wir nun mitten ins Zentrum des
Mayalandes, die Halbinsel Yucatan. Dabei steuern wir geradewegs auf ein
Hauptobjekt mexikanischer Fremdenverkehrswerbung zu: die Tempelruinen von
Tulum nicht weit von Cancún und den Islas de las Mujeres direkt am Golf von
Mexico gelegen. Die Hochglanzfotos von schneeweißen Tempeln vor dem
Hintergrund eines klaren, smaragdgrün schimmernden Ozeans, die ich in einer
deutschen Zeitung zuvor gesehen habe, waren eindrucksvoll. In diesem Fall
läßt die Wirklichkeit die Bilder hinter sich. Zwar ist die Anlage nicht
besonders groß und bedeutend und durch die Erosion von Wind und Wetter
stärker verwittert als anderswo. Aber das Ensemble von Architektur und Natur
ist schlichtweg atemberaubend.

Die Historiker haben, wie angedeutet, ein Bild der Mayas entworfen, das sie
als Sklaven des kalendarischen Zeitrhythmus erscheinen läßt. Termiten gleich,
unterstellt man ihnen, bearbeiteten sie ihr Land und exerzierten religiösen
Rituale wie die gesichtslosen Massen in Fritz Langs 'Metropolis'. Schaut man
auf dieses Gesamtkunstwerk, drängt sich einem unwillkürlich die Frage auf, ob
es nicht einfältiger Hochmut ist, anzunehmen, den Erbauern dieses Zentrums
sei die Schönheit dieses Ortes, den sie für ihren Kult wählten, nicht
aufgegangen? Romantisches Naturempfinden war ihnen zweifellos fremd, und
dennoch. Es existieren zu viele Bauten an vergleichbaren Orten in dieser und
anderen Kulturen, als daß der Zufall für solche Auswahl eine plausible
Erklärung abgäbe. Ist es falsch anzunehmen, daß es ein ästhetisches
Grundempfinden bei sensiblen Menschen gegenüber der Natur und der Landschaft
zu allen Zeiten gegeben hat?
ISLAS DE LAS MUJERES
Wir haben eine Pause verdient, ist der vorherrschende Eindruck. Der dafür
ausgesuchte Ort hat sich allerdings in meiner Erinnerung vorzugsweise deshalb
gespeichert, weil er eines der Probleme des modernen Mexico in verdichteter
Form verkörpert: das einer halbbmodernen Wegwerfgesellschaft.
An Cancún vorbei, dessen mit Betonklötzen verschandelten Stränden inmitten
eines völlig flachen, ausgedörrten Hinterlandes ich nicht viel abgewinnen
kann, steuern wir auf die Fähre zu, die uns auf Islas des las Mujeres bringen
soll. Eine Bekannte, die vor vier Jahren hier war, selbst Lateinamerikanerin
und mit vielen außergewöhnlichen schönen Stränden in der Karibik vertraut,
hat sie mir empfohlen. Die Fähre braucht kaum zwei Stunden für die Überfahrt.
Um es kurz zu machen: der Hauptstrand ist
nicht mehr zu benutzen. Er steckt so voller Müll und vor allem voller
Glasscherben, das kein unbedachter Tritt mehr möglich ist. Doch nicht nur der
Strand ist zu einer Müllhalde verkommen. Flaschenstümpfe ragen auch im
flachen kristallklaren Wasser überall aus dem Sand. Man schwimmt zwischen
Plastiktüten und Üblerem. Im Dorf mache ich mir die Mühe und gehe zur
staatlichen Tourismusverwaltung. Es dauert zehn Minuten, bis die jungen
Männer sich die Zeit nehmen. 'Das Problem ist uns bekannt', heißt es dann,
weniger aggressiv als resigniert. "Aber die Stadtverwaltung tut einfach
nichts."
An verblichenen Schildern, gestrichenen Attraktionen, merkt man, daß das
Publikum sich gewandelt hat. Aus dem Fünf-Sterne, ist der Vier-Sterne, der
Drei-Sterne schließlich der Rucksacktouristenort geworden. Hier wie an vielen
anderen Stellen entpuppt sich Mexiko als Land einer rücksichtslosen, völlig
unreflektierten Ex-und-Hopp-Mentalität gegenüber der Natur. Nach dem Muster
eines primitiven Beutekapitalismus investiert man einmalig, schöpft rasch ab
und verschwindet, aber man reinvestiert und erhält nicht - von Ausnahmen
abgesehen. Traumhafte Plätze sind scheinbar noch im Übermaß vorhanden. Hat
man sie abgeweidet und zugemüllt, zieht die Karawane weiter. Vieles hängt an
der lokalen Verwaltung, und die ist seit einem halben Jahrhundert in der Hand
der PRI, der "Partei der institutionalisierten Revolution", wie sie
sich bezeichnenderweise selbst apostrophiert: durch und durch korrupt und
unfähig.
Einige Kilometer vom Hauptstrand entfernt finden wir schließlich noch ein
halbwegs intaktes Korallenriff, das förmlich zum Schnorcheln einlädt. Ich bin
nicht darauf vorbereitet. Aber da Claudio skeptisch ist, was ihn erwartet,
leiht mir seine Brille. Es ist meine erste derartige Erfahrung. Seltsam, so
lange man von oben auf das Wasser blickt, nimmt man nur wenige Fische wahr,
doch sobald man den Kopf auch nur kurz unter Wasser hält, realisiert man
dichte Schwärme, die einen kaum handbreiten Sicherheitsabstand zum Schwimmer
halten. Anfangs bewege ich mich vorsichtig, zögernd, im fremden Element, bis
ich bemerke, daß die Fische, so dicht sie auch kommen, nie zu fassen sind.
Das gibt das nötige Vertrauen, nicht angeknabbert zu werden, und ich
verbringe die nächsten drei halben Tage in der Hauptsache unter Wasser.
Der letzte Abend, die letzte Nacht, machen das Problem noch einmal klar.
Nebenan dröhnt eine Disco gnadenlos bis vier Uhr in der Früh. Um sechs Uhr
ist die Nacht zu Ende, wir müssen im Eiltempo auf die Fähre. Die Schlange ist
schon lang. Trotz Dusche bleiben die Augenlider bleischwer. Ich gestehe
meinem italienischen Mitreisenden Claudio, daß ich zeitweise an Mord gedacht
und darüber gegrübelt habe, mit welchen technischen Maßnahmen sich die
Elektrizität im Dorf ausschalten läßt. Alte Sabotagetricks seien mir in den
Sinn gekommen. Warum ich ihn nicht angesprochen hätte? Er habe über Ähnliches
sinniert.
CHICHEN ITZÀ, UXMAL
Abgesehen von Palenque ist Chichen Itzà wohl die bekannteste Tempelanlage.
Man erreicht sie nach gut vier Stunden Autofahrt von Cancún aus. Sie liegt
nahe der Westspitze Yucatans. Als wir ankommen, steht die Sonne bereits im
Zenith. Was um Himmels willen hat die Menschen angetrieben, derartige Anlagen
unter solchen klimatischen Bedingungen zu errichten? Immerhin hatten sie die
Hängematte schon erfunden.
Es ist uns zur Gewohnheit geworden, Getränke wie Coca Cola und andere nicht
kalt, sondern "al tiempo", also so warm wie die Umgebungstemperatur
zu ordern. Viele Mexikaner machen das ähnlich. Das reduziert die Gefahr einer
Darminfektion, wobei bei mir allerdings nicht viel zu reduzieren ist. An
diesem Tag verbrenne ich mir die Kopfhaut, so daß ich seitdem mit einer
Brandwunde auf dem Kopf einherspaziere. Während ich auf halber Höhe auf einer
der Pyramiden in dieser weit ausgedehnten Anlage sitze, entdecke ich zu
meiner Überraschung neben mir einen kleinen Wasserstrahl. Die Suche nach dem
Ursprung führt zu meiner Achselhöhle, aus der das Wasser in einem geschlossenen
Rinnsal heraus läuft.
Chichen Itzà gehört zu jenen Orten in der Welt, bei denenman sich als
Europäer beim Umherwandern einem "Aha-"Erlebnis nach dem anderen
hingeben kann, denn man stößt unweigerlich auf vieles, was einem bereits
irgendwann einmal im Laufe des Lebens aus unzähligen Büchern und Artikeln
über den Weg gekommen ist. Da wäre der Opferstein in Leopardenform, der
Ballspielplatz, auf dem zwei Mannschaften um den Tod spielten -, die hier
vorhandenen Reliefs verdeutlichen, was demjenigen blühte, auf dessen Feld der
Ball zuerst den Boden berührte, - das sogenannte Observatorium, ein
Kuppelbau, der Jaguargott im Innern der zentralen Pyramide und der berühmte
Brunnen, in den man die Opfer mit gebundenen Händen stieß u.v.a.m.
Weniger bekannt als Chichen Itzà, unter architektonischem Aspekt aber noch
reizvoller, erscheinen mir die Pyramiden von Uxmal. Sie liegen nicht weit von
Chichen Itzà entfernt, sind steiler, scheinbar noch höher und vor allem
außergewöhnlich rund. Sie
wirken wie künstliche Hügel und erlauben einen phantastischen Blick über das
weit und breit flache Land Wahrscheinlich war das im letzten auch ihr Zweck.
Dorthin, wo Touristen heutzutage schwitzend steigen, gelangten einstmals nur
der Priester und sein Gefolge. Er wird den Blick von oben genossen haben. Es
ist nicht schwer nachvollziehbar, wie sehr diese Aussicht, das
Zusammenschrumpfen der Welt unter ihm, das Gefühl einer höheren Berufung
gestärkt haben muß.
RICHTUNG MEXICO CITY
CAMPECHE
Der Weg zurück nach Mexico-City, 3000 Kilometer liegen inzwischen hinter uns,
verläuft entlang des Golfs von Mexiko in Sichtweite der Bohrtürme. Auf der
asphaltierten Landstraße, die neben dem Strand verläuft, erwartet uns eine
jener Überraschungen, die die Autofahrt zu einem handfesten Abenteuer werden
lassen. An den ausgerissenen oder umgeknickten Bäumen und Mangroven ist über
Stunden vom Wagen aus zu erkennen, daß hier vor nicht allzu langer Zeit ein
Wirbelsturm gewütet hat. Dennoch trifft uns das Folgende völlig unvermittelt.
Die Straße ist weg. Weg! Vor uns biegt sich das ausgezackte Ende der
Teerdecke unvermittelt nach unten, dahinter ist nichts mehr zu sehen. Nach
der Vollbremsung rutschen wir beunruhigend lang auf dem Flugsand in Richtung
auf das große Loch. Zwei, drei Meter fehlen noch zum kinogerechten Showdown.
Das Loch ist zwar "nur" anderthalb Meter tief und durch Sand
gepolstert, dafür aber zehn Meter lang. Es hätte für ein Kurzprogramm mit
einfachem Überschlag und anschließender Schraube allemal gereicht. Ein
Schild, eine Absperrung? Fehlanzeige. Rechts liegen einige Bretter auf der
Böschung zum Strand hin. Wir nehmen es als Hinweis, herunter auf den breiten
Strand zu fahren. Aber wie weiter? Kein Hinweis findet sich, auch nicht bei
näherer Untersuchung. Die Straße ist schlichtweg nicht mehr da. So ungefähr
stellt man sich das Ende der Welt vor, wo sie mit Brettern vernagelt ist. Um
nicht stecken zu bleiben, entschließen wir uns, hart am Wasser entlang zu
fahren, dort, wo die Wellen auslaufen und der Sand flach und hart ist. Nach
vier, fünf Kilometern kommt die Landstraße wieder in Sicht. Mithilfe einiger
Bretter kehren wir auf den Asphalt zurück.
Kurz vor Tuxtla Gutierrez, einer Ölarbeiterstadt, die wir am Abend erreichen
wollen, erwartet uns noch eine Szene, die aus einem Horrorfilm stammen
könnte. Vor uns ist die Straße übersät mit schwarzen Flecken, die sich
Richtung Strand bewegen. Ein, zwei Kilometer dauert das Schauspiel schon an,
bis ich realisiere, daß es sich um Millionen von großen Krabben handelt, die
aus dem Wald auf den Strand wechseln. Wenn nun der Motor ausgeht, und wir
dazwischen aussteigen müssen - der Gedanke läßt einen schauern.
DER UNFALL
Nach meiner Erinnerung muß es zwischen sieben und acht Uhr abend gewesen
sein. Wir sitzen beisammen in einem Lokal und diskutieren am runden Tisch
unsere weiteren Pläne und Wünsche. Der Zweck unserer Verabredung vor Beginn
der Autofahrt ist nun fast errreicht: die gemeinsame Rundreise durch den
Süden Mexicos nähert sich dem Ende. In zwei Tagen werden wir zurück in Mexico
City sein, dann bleibt uns noch knapp eine Woche bis zum Rückflug. Das
italienische Paar hat sich an den Wagen gewöhnt und will den Komfort auch in
der letzten Woche nicht mehr missen. Ob wir nicht mitkommen wollen? Meine Mitreisende
schwankt. Sie denkt an die atmosphärischen Störungen, die sich auf engstem
Raum und bei den äußeren Belastungen beinahe zwangsläufig ergeben haben. Mir
geht anderes durch den Kopf. Ich kann nicht sagen, was es im einzelnen war:
der riesige Pferdkadaver, auf den wir unmittelbar hinter einer Kurve fast
aufgefahren sind, weil sich niemand darum gekümmert hatte, ihn von der
Landstraße zu bringen, der verlassene, lichterloh brennende Bus, der von den
Dorfbewohnern ausgeplündert wurde, während wir kopfschüttelnd daran vorbei
fuhren, die unzähligen Kreuze an den unbefestigten Kurven der Bergstraßen,
die abgerissene Straße am Meer oder jener ältere Mexikaner mit indianischem
Einschlag, den ich gerade noch am Vortag vom Bürgersteig aus durch das offene
Wagenfenster beobachtet hatte. Ohne Zweifel sah er den Wagen vor sich. Er
hatte alle Zeit der Welt, um anzuhalten, aber er hielt stoisch darauf zu und
bohrte sich wie ein unabwendbares Naturereignis dem Hindernis langsam mit
seinem altersschwachen Kombi in die Seite. Ich erinnere mich an sein Gesicht,
seine Gottergebenheit, die offensichtliche Unfähigkeit, schnell zu reagieren
wie mir überhaupt auf dieser Reise bewußt geworden ist, daß schnelles Denken
und Handeln, die Fähigkeit "Umzuschalten", typischerweise ein
Begriff aus dem Arsenal moderner Technik, eine zivilisatorische Übung sind
und kein natürliches Phänomen. Ich gebe zu, wir sind oft schnell gefahren, zu
schnell für die Straßen und diese Menschen, die so träge reagierten. Es war
eben ein Riesenprogramm, das wir uns gestellt haben, und da waren natürlich
auch die europäischen Maßstäbe und Sichtweisen, die uns im Umgang mit Land
und Leuten letztlich nie verlassen hatten. "Wir haben Glück gehabt,
unverschämtes Glück. Wir sollten einen Punkt setzen, ich, jedenfalls, will
nicht mehr weiter mit dem Auto fahren." Wir kommen überein, uns bei der
Ankunft in Mexico-City bis zum Abflug zu trennen, so daß jeder noch ein paar
Tage frei für seine Interessen hat. Bis dahin bleiben noch anderthalb Tage.
CHOLULA
Am nächsten morgens fahre ich als erster, dann Claudio. Am Nachmittag bin ich
wieder dran. Nach dem Mittagessen in einer kleinen Stadt, die mir durch das
bunte Dach der Kirche in Erinnerung geblieben ist, kommen wir durch
trockenes, kakteenbestandenes Hügelland, Postkarten-Mexiko, das erste Mal.
Gegen abend, kurz vor Cholula tauchen linkerhand Vulkane auf. Anfangs ist
nicht auszumachen, ob es sich um Wolken oder Berge handelt. Dann ein Schild
links ab Richtung Puebla. Es ist eine breite, gut asphaltierte Straße.
Minuten später passiert es dann. Alles geht ganz schnell.
Meine eigene Erinnerung an diese Momente ist nicht sehr genau, ich bin
vielleicht auch schon zu abgespannt, oder der Schock hat die Erinnerung
verwischt. Ein Fahrradfahrer taucht auf an der rechten Straßenseite, wie
Dutzende zuvor. Es ist ein Junge, kleingewachsen, von vierzehn, fünfzehn
Jahren. Er fährt nicht sehr schnell. Dann zieht er links auf die Straße.
Einfach so, ohne Anzeichen, als liefe alles zwangsläufig ab. Tausend
Gedanken. Ich habe es gewußt, daß das passieren würde, es mußte so kommen.
Nein, nicht, das Schlimmste ist eingetreten. Du hast jemanden getötet. Ich
wundere mich. Sekunden später schon. Warum stehe ich ganz auf der linken
Seite der Fahrbahn, vor mir drei, vier entgegenkommende Autos, die anhalten?
Ich habe beim Ausweichen und Bremsen die ganze Fahrbahn überquert, sagt mir
Claudio später. Warum bin ich so ruhig? Er ist tot. Tot. Claudia, die
Italienerin, hinten im Wagen schrie schrill, jetzt heult sie nur noch. Ich
steige aus, zögernd, will mich der Sache stellen, gehe zurück, dort, wo der
Junge, nachdem ihn der Wagen hochgewirbelt und quer über die ganz
Straßenbreite geschleudert hat, auf dem linken lehmigen Randstreifen
aufgeschlagen ist. Ich bin zehn Meter von ihm entfernt, da bewegt sich etwas.
Ich glaube es nicht. Er muß schwer verletzt sein. Der Wagen hat ihn frontal
getroffen. Dann setzt er sich, quält sich hoch, Schürfwunden sind zu
erkennen, aber er steht. Ein Wunder, wirklich ein Wunder. Ich glaube es noch
nicht, aber er bleibt wirklich stehen. "Que se vayan,
mejor que se vayan." Gehen sie bitte, gehen sie! Er fühlt sich schuldig. Es hilft
mir in dem Moment, weil es mich entlastet. Er ist gebückt. Ich streiche
spontan über seine Haar, er merkt es nicht, niemand versteht das. Drei
Arbeiter kommen als Zeugen hinzu. Für sie ist der Gringo schuld. Dann löst
sich die Situation. Ein Mann gesellt sich zu uns aus einem der Wagen hinter
mir. Er sei Doktor, sagt er. Er ordnet an. Der Junge solle Arme, Beine
bewegen, Kopf zurück, das Knie tut ihm noch weh, aber er hat wirklich nichts
gebrochen. Ich rechtfertige mich. Der Arzt erzählt, ihm sei dergleichen schon
dreimal passiert. Ich nehme alles auf, atme durch. Die Zeugen sind gegen
mich. Was sie sagen, ist nicht klar, aber die Sympathie ist bei dem Jungen,
nicht bei dem vermeintlich reichen Ausländer. Der Arzt rettet die Situation.
'Ihr seid vielleicht welche! Typisch für Euch, abzubiegen, ohne zu gucken'.
Ganz die Autorität des Landarztes - der Patriarch mit seinen Kindern. Die
Zeugen ändern ihre Meinung. Ja, der Junge habe überhaupt nicht geschaut. Der
Arzt spricht mit mir auf englisch. "Where do you
life?" Er
meint "live". Deutschland macht keinen guten Eindruck. Man vermutet
Geld. Ob ich ihm Geld geben solle? frage ich ihn. Er meint 40 Dollar seien
genug. Ich zögere. Habe ich so viel Geld überhaupt dabei? Wie viel sind 40
Dollar? Kopfrechnen funktioniert einfach nicht mehr. Ich frage den Jungen, er
murmelt 6 für 6.000. Ich suche in meiner Tasche finde 5.000. Der Arzt nimmt
sie, meint, es sei genug. Ich nehme wieder 5.000 gebe sie dazu. Später werde
ich mich ärgern, ihm nicht mehr gegeben zu haben, aber ich habe im Moment
keinerlei Empfinden für irgendwelche Proportionen. Ich bin ganz in
Verteidigungsstellung. Mitgefühl stellt sich erst am abend mit Abstand ein.
Der Arzt will seine Adresse aufschreiben. Ich schicke Claudio, ich kann nicht
schreiben. Der Arzt will mir die Hand geben, ich bekomme sie einfach nicht
hoch, ich zittere, er nimmt sie mit der zweiten Hand. Er werde nach dem
Jungen schauen, wir sollen anrufen. Erst später empfinde ich Dankbarkeit ihm
gegenüber. Er hat die Situation für uns gerettet, und es ermöglicht, daß wir
weiterfahren konnten. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wären
irgendwelche korrupte Sheriffs mit ihren Machoallüren hinzugekommen. Weg, nur
weg, ist jetzt der Impuls, wozu uns auch der Arzt dringend rät. Claudio fährt
den Rest der Strecke bis Cholula. Es kommt mir wie eine Flucht vor, aber es
tut gut.
In den nächsten Tagen kommen die Bilder immer wieder. Der Radfahrer hat eine
Bewegung nach links gemacht, dabei geschaut, und ist dann wieder nach rechts
geschwenkt, so als habe er uns gesehen. Deshalb war ich so überrascht, als er
uns ins Auto fuhr. Er hat offenbar mit der Bewegung nur ausgeholt. Aber warum
wollte er gerade an dieser Stelle wenden, wo doch kein Weg, kein Haus, nichts
da ist, nur eine schnurgerade Landstraße. Er ist so scharf abgebogen, daß er
schon auf der linken Seite des Autos war, als ich bremste. Dort ist die
Stoßstange leicht verbogen. Selbst das Fahrrad hat dem äußeren Anschein nach
nicht viel abbekommen. Er muß weit durch die Luft geschleudert worden sein.
Der Käfer mit seiner runden Haube hat ihn in die Luft gehoben und sehr weit
getragen, so weit, daß er nicht auf dem Asphalt der Straße, sondern auf dem
Lehmboden der anderen Straßenseite aufgeschlagen ist. Es bleibt ein Wunder.
Abends in Cholula ist die Stimmung ist so gedrückt wie nie zuvor während der
Reise. Etwas hat sich entladen. Auch die Rücksicht aufeinander ist
zurückgekehrt. Wir gehen alle geradezu behutsam miteinander um. Claudio
schlägt vor, die Kirche oben auf dem Hügel zu besuchen. Langsam gehen wir den
steilen Weg bergan. Dieser seltsame Hügel in der Ebene ist, ich lerne es erst
später, in Wahrheit eine von den Spaniern zugeschüttete riesige Pyramide.
Cortez hat sich in den Gassen Cholulas eine der entscheidenden Schlachten mit
den Azteken geliefert. Die Kirche auf der Pyramide ist ein Symbol des
endgültigen Sieges über die Ureinwohner. Es ist still, als die Sonne am
Horizont verschwindet und den Himmel in leuchtende Farben taucht. Eigentlich
ein wunderschöner Abend, doch alles bleibt in diesem Moment äußerlich. In der
alten Kirche brennen neben dem Eingang viele Kerzen. Mir ist danach, eine
dazu zu stellen.
Mexico City
Der Unfall verändert unseren Wahrnehmungen. Wie viel Glück wir tatsächlich
gehabt haben, führt uns ein weiteres Ereignis vor Augen, als wir aus den
Bergen nach Mexico-City einfahren. Um uns zu orientieren, halten wir am
Straßenrand, wo eine Gruppe von Polizisten zusammensteht. Keine gute Idee.
Während einer uns den Weg erläutert, gesellt sich ein zweiter kleiner,
feister Kollege hinzu. Er wartet, bis der andere verschwunden ist. "Ihr
habt eine weiße Linie überfahren. Das ist ein schweres Vergehen. Ich bin
großzügig. Es kostet nur 14.000 Pesos." Ich will ihm an die Gurgel. Die
anderen halten mich zurück. Ich steige aus, rede auf ihn ein. Das sei
Erpressung. Er droht damit, unseren Wagen zu beschlagnahmen und uns zum
nächsten Richter zu führen. Ich will es darauf ankommen lassen, er geht auf
10.000 Pesos herunter. Claudio nestelt sein Portemonnaie, damit ist jeder
Widerspruch zwecklos. Ich könnte kotzen. Die anderen Polizisten haben sich
während dieses organisierten Überfalls demonstrativ von uns weggewandt und
lassen uns mit dem Kollegen allein.
Mir reicht es endgültig mit dem Autofahren. Allein, die Episode vermittelt
einen gewissen Eindruck davon, was geschehen wäre, hätte sich gestern ein
solcher Polizist zum Unfall dazu gesellt.
Eine Stunde später sind wir am Flughafen, um den Wagen abzugeben. Die Beule
an der vorderen Stoßstange wird von den Angestellten achselzuckend
übergangen. Wenn es weiter nichts ist, soll das wohl heißen. Wir suchen uns
gemeinsam ein Hotel in der Innenstadt. Es herrscht Smog. Genaugenommen
herrscht immer Smog in Mexico-City. Die Luft steht im Talkessel, verpestet
von schwefelhaltigen Benzinausdünstungen. Die staatliche mexikanische
Petrolgesellschaft weigert sich, das Benzin für den nationalen Markt auf
internationalen Standard zu bringen. Man schmeckt die Abgase buchstäblich auf
der Zunge.
Abends wandern wir durch die Stadt. Es ist der erste Gang, denn am Anfang
unserer Reise waren wir bestrebt, so schnell wie möglich aus Mexico-City
herauszukommen. Wir stoßen auf den zentralen Platz, schlendern unter den
Arkaden, beobachten Schuhputzer, Maler, während es langsam dunkel wird. Auf
einer Straßenseite steht ein großes älteres, aber nach wie vor exklusives
Hotel. Die riesige Halle ist überwölbt von einem Glasdach im Jugendstil. Ich
schlage vor, einzutreten. Tatsächlich läßt uns der Diener vor der Tür hinein.
Im Innern sind Geschäfte und vor allem eine Bar mit Musik. Wir nehmen Platz,
bestellen ein paar Drinks und verbringen die nächsten Stunden damit, einer
Band zuzuhören, die mexikanische Mariaches spielt. Das hier ist ein Anklang
an die Clichés der Postkarten und US-Western. Seine Hauptdarsteller sind
kleinwüchsige, weißgekleidete, rundliche Gauchos mit großem Schnurrbart,
riesigen Bassgitarren, Geigen und schmelzendem Timbre. All das hat mit Mexiko
so viel zu tun wie Schuhplattler mit der Bundesrepublik. Es ist Folklore für
Touristen zum Genießen und Abschalten.
Und noch etwas unternehmen wir: wir besuchen das berühmte Museum de
Antropologia im Zentrum. Das Museum ist eindrucksvoll komponiert. Ich kenne
keines, in dem Idee und Architektur in so perfekter Deckung sind. Es ist als
Rundgang um einen Innenhof herum auf zwei Ebenen angelegt. Unten besichtigt
man die kulturellen Zeugnisse der Vergangenheit, genau darüber sind, Region
für Region, Exponate der heute noch lebenden Indiokulturen angeordnet, so daß
man in beiden Richtungen vergleichen kann. Natürlich findet sich hier auch
viel, was eigentlich nach Yucatán, nach Palenque, Chichen Itzá etc. gehört.
Hier ist es eingeordnet, kommentiert, aus nächster Nähe zu besichtigen. Wir
sind noch voller Eindrücke von den Originalplätzen, so daß die gedankliche
Verbindung nicht schwer fällt. Auch hier gibt es schaurige Details: große
Becken zur Aufnahme der von den Priestern herausgetrennten Herzen u.ä.
Physisch bin ich mausetot. Der Schock, wenig Schlaf, die ständigen
Durchfallerkrankungen, ich nehme jede mögliche Sitzgelegenheit im Museum
wahr. Der beherrschende Eindruck von Mexico-City bleibt aber die abartig
schlechte Luft. Trotz Sonnenscheins ist der Himmel nicht zu sehen. Die Augen
brennen, und die Sicht ist begrenzt wie an einem Nebeltag. Erleichtert
steigen wir herunter in die Schächte der modernen U-Bahn mit ihrer
klimatisierten Luft, die für eine Weile Erleichterung verschafft.
CHIHUAHUA
Trotz aller Müdigkeit schlafe ich schlecht und bin schon um fünf Uhr wach. Es
drängt mich, etwas zu unternehmen. Von allen möglichen Zielen reizt mich am
meisten die Eisenbahnfahrt von Chihuahua nach Los Mochis an der
Atlantikküste. Wir bekommen kurzfristig noch einen Flug mit der Aereo Mexico
nach Chichuahua.
Nach mehr als zwei Stunden Flug kommen wir mit 45 Minuten Verspätung dort an.
Zeitweilig wackelt es kräftig. Das Licht für die Sicherheitsgurte geht nie
aus. Immerhin schaffen es die Stewardessen doch noch ein Essen zu servieren.
Mir geht es immer noch nicht viel besser, also beschränke ich mich aufs
Fleisch. Die Maschine ist unglaublich voll. Als alle aufstehen, frage ich
mich unwillkürlich, wo diese Masse Mensch in diesem winzigen Flugzeug
geblieben ist. Temperatur und Luft sind ungleich besser als in Mexico. Der
Flughafen ist 20 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Nicht die Angabe auf
dem Straßenschild, sondern wiederum die im South American Handbook stimmt. Es
ist ein gutes Gefühl, auf die Frage des Fahrers "Zu welchem Hotel"
mit Namen und Straße antworten zu können und dabei einigermaßen konkrete
Vorstellungen von Qualität und Preis zu haben, egal, ob man in Mexico-City
oder einem 800-Seelen Dorf in den ecuatorianischen Anden ist.
Mit uns reist eine französische Familie - ganze acht Personen. Einer der
Söhne vertilgte neben der doppelten Portion Fleisch und einem weiteren
Abendessen auch noch drei Crème-Kuchen, darunter meinen. Das französische
"terremoto", zu deutsch "Erdbeben", wie sich die
Franzosen dem Fahrer vorstellen, steigt zu uns in den Bus, was Schlimmes
ahnen läßt. Wie gegen die Konkurrenz diese Horde nach der Verspätung und zu
dieser Stunde, es ist elf, noch ein Hotelzimmer finden? Dann machten unsere
europäischen Nachbarn einen entscheidenden Fehler. Eine der äußerst resoluten
und souverän spanisch sprechenden älteren Damen, die alles organisiert,
äußert etwas von "estacion de ferrocarril" (Eisenbahnstation). Sie
meint damit in längerer Umschreibung wohl, daß sie ein Hotel in der Nähe
besagter estación sucht. Wer jedoch das Handbook besitzt, weiß, daß sich die
Station in der Nähe des Gefängnisses "on the outskirts of the
city", wie es dort kurz und präzise heißt, befindet, mit anderen Worten,
in der finstersten Gegend Chihuahuas.
Ich gebe zu, daß ich den Anflug eines schlechten Gewissens habe, als der Bus
an den dunklen hohen Gefängismauern vorbeifährt. Die so resoluten Franzleute
werden auch schon ganz kleinlaut, je finsterer es wird. Und es wird immer
finsterer. Einer mault noch, ob das wohl so richtig sei. Aber über drei bis
vier Personen schwebt keine kollektive Vernunft mehr. Es regiert nur noch der
Herdentrieb. Also werden acht Rucksäcke rausgereicht, und man trottet zögernd
auf das abgedunkelte Bahnhofsgebäude zu. Wie einsam es in dieser Gegend ist,
wird erst so recht deutlich, als sich unser Colectivo-Taxi wieder in Bewegung
setzt und stundenlang benötigt, um aus dem düsteren Viertel herauszukommen.
Selbst mir wird am Ende mulmig, weil das genannte Hotel El Cobre zu den
letzten gehört, die der Bus kurz vor Mitternacht ansteuert. Das Hotel selbst
ist dann tatsächlich eine gute Empfehlung - für 4.800 Pesos mit Aircondition,
vernünftigem Bett ausgestattet, sauber, und einem Portier, der uns pünktlich
um 5.30 weckt.
Ich entwickle mich Widerwillen langsam zum Frühaufsteher, so oft ist es in
den letzten Wochen im Frühtau zu Berge losgegangen. Das Taxi kostet entgegen
den pessimistischen Voraussagen nicht 2000, sondern nur 1000 Pesos, und ich
werde auch nicht übers Ohr gehauen, wie der Portier fürsorglich voraussagt.
Sein Wagen ist im übrigen in einem Zustand, daß er bei uns nicht einmal an
einem tiefschlafenden Polizisten vorbei gekommen wäre, ohne stillgelegt zu
werden. Die Fahrtechnik dafür 1. Klasse - in wenigen Worten nur schwer zu
beschreiben. So verschafft sich der Fahrer, wo nötig, grünes Licht, nicht etwa,
indem er einfach durchrast, sondern indem er auf den Bürgersteig fährt, einen
eleganten weiten Bogen nach rechts schlägt, wieder auf die Straße einbiegt,
das Steuer zu einer 180 Grad-Kurve herumreißt und, man ahnt es schon, vor
einer grünen Ampel rechts abbiegen kann. Alles klar? Geht natürlich nur, weil
die Straßen um sechs noch menschenleer sind. Alles frühe Aufstehen lohnt sich
dann doch nicht, der Zug fährt nicht um 7 Uhr, auch nicht, wie vom
Fahrkartenverkäufer vorwitzig behauptet, um 7.45, denn jetzt ist es 8.25
mittelamerikanischer Zeit. Er hat mich gehört. In dieser Sekunde sind die
letzten Reparaturen beendet. Der Mann mit Schraubenzieher und Engländer
verschwindet im nächsten Waggon, mal sehen, wie lange das Provisorium hält.
DIE EISENBAHNFAHRT
Woran erkennt man eine mexikanische Toilette? Sie stinkt gegen starken Wind.
Scheiße muß hier stinken, sonst stimmt etwas nicht. Wie ich es leid bin. Der
Zug wird alle Stunde gefegt - nicht einmal, nicht zweimal, nein, wirklich
alle Stunde. Sonst ließen sich die Zwischentüren nicht mehr öffnen. Wohin mit
dem Dreck? Gute Frage, auf den Bahnsteig vor die Füße der wartenden
Passagiere. Und dort? Bleibt er im Zweifelsfalle liegen. Wo zwei Mexikaner
unter sich sind, ist die Müllhalde nicht weit. Es existiert nicht das
allergeringste Verantwortungsgefühl gegenüber einer öffentlichen Sphäre.
Apfel schmeckt nicht? Man, genauer, Frau spuckt Kippe auf den Fußboden des
Zuges. Daß die Kinder sich nicht anders verhalten, wundert kaum. Mexiko ist
mit Weißblechdosen in verschiedenen Zerfallszuständen übersät - von glänzend
bis platt und rostig. Neben uns, der sympathische Akoholiker, erfüllt ein
Übersoll. Er thront inzwischen auf einem Berg von Bierdosen - alle mit
Fingerspitzengefühl leicht gedrückt, damit sie nicht weiterrollen.
Ausgefeilte Technik.
Gerade ist der Feger ist wieder da. Die Weißblechdosen hat er trotz meines
Hinweises präzise umkurvt, verständlich angesichts der Halde anderen Mülls,
die er ohnehin nur mit Mühe zum Ausgang weiter bewegt. Ich entdecke eine neue
Variante der Entsorgung. Der Müll wird, solange wir an keinem neuen Bahnhof
ankommen, in die breiten Ritzen zwischen den Waggons auf die Schienen
gekehrt. Damit stellt sich das Recyclingproblem gar nicht erst.
Bemerkung am Rande: Auffällig ist, wie wenig in Mexico Klassen- durch
Standesschranken markiert werden. Der Straßenfeger wird von allen geachtet,
der Alkoholiker erntet von niemandem herablassende Blicke. Man läßt die
eigenen Kinder mit ihm spielen, ohne die Spur einer Besorgnis oder Ermahnung.
Der Etagenkellner, der im First-Class-Hotel neben dem Portier steht,
übernimmt dessen Funktion und weist die Gäste ein bzw. übernimmt für sie die
Formalitäten. Immer wieder: die geringsten Tätigkeiten bzw. deren Träger
werden nicht stigmatisiert. Man fühlt sich, so scheint es, kollektiv als
"underdog" gegenüber dem großen Bruder im Norden, den die
Tageszeitungen voller Überzeugung noch für die Trockenheit verantwortlich
machen.
Gestank und Dreck bilden die eine Seite dieser Fahrt und Mexikos überhaupt.
Die andere ist ein weiter spektakulärer Tag. Sechs oder sieben Filme, also
250 Photos, habe ich verschossen. Zwölf Stunden lang aus dem Fenster
geschaut, ohne mich einen Moment satt zu sehen. Anfangs herrschen weite grüne
Ebenen vor, auf denen Pferdeherden weiden. Menschen sind kaum auszumachen.
Die Landschaft wechselt in sanftes Hügelland mit Nadelbäumen. Es erinnert
entfernt an Kanada oder den Süden Chiles. Zwischen den Bäumen liegen
gigantische Kieselsteine, rund geschliffene Felsen, manche an der Spitze
ausgekerbt wie Köpfe, dazwischen verlaufen Schotterwege. Immer noch bemerkt
man kaum Dörfer, nicht einmal Einzelhäuser. Alles wirkt wie ein riesiger
Nationalpark. Gelegentlich lassen sich kleine Nagetiere ausmachen. Allmählich
wird die Landschaft schroffer. Die abgerundeten Täler nehmen die Form steiler
Canyons an. Sie wirken nicht so extrem wie in den Vereinigten Staaten, weil
der Baumbestand erhalten geblieben ist. Wir passieren die "barranca del
cobre", offenbar eine Art Wasserscheide. In ganz Mexico ist sie ein
Begriff. Der Taxifahrer in Mexico-City gestern spielte darauf an, als er von
Los Mochis hörte. An einer der Stationen verkaufen Indios eigene Arbeiten:
Weidenkörbe, Holzfiguren, v-förmig eingekerbte und flach, daneben polierte
Tierfiguren. Die Stile passen nicht zueinander, ohne daß ich eine Erklärung
wüßte. Schließlich bieten sie Ketten, Tambourins und Flöten an. Eine nervt
uns seitdem im Zug. Ich habe nichts gekauft.
Die Menschen sind ein ganz anderer Indiotyp als in San Cristobal. Wesentlich
verschlossener, sie sprechen praktisch nicht, werben nur durch Gesten für
ihre Arbeit. Überhaupt sind sie viel weniger farbenfroh gekleidet als im
Süden. Mir kommt der Hinweis auf die 30 Indiodialekte in den Sinn. Die Frauen
stillen ihre Kinder ohne Scheu. Ich habe fotografiert, weil sie nicht offen
protestierten, aber mit keinem guten Gefühl, eben abfotografiert, was man
nicht tun sollte. Die beste Art ist immer noch: einen geeigneten Platz
suchen, Interesse für die Menschen und ihre Arbeit zeigen - Teil der Umgebung
und des Alltags werden, Zeit haben, nicht mehr auffallen, durch einen Blick,
das Einverständnis suchen und dann erst Fotografieren, als ob man selbst
arbeitet. Auch danach ist es wichtig, ruhig zu bleiben, den Blickkontakt
wieder zu suchen. Man sieht es den Bildern sofort an.
Die Hütten der Indios erinnern an die der Pueblo-Indianer. Die Balken zur
Verstärkung der Dächer ragen vorne heraus. Die Häuser selbst sind fest aus
braunen Lehmziegeln gebaut. Das Land scheint in diesem Bereich sehr fruchtbar
zu sein. Riesige Obstplanatagen liegen hier. Dicht an dicht hängen rot-grüne
Äpfel an den Zweigen. Mais-Plantagen folgen. Im übrigen gibt es in den
höheren Regionen viel Holzindustrie.
Im ganzen gesehen ist die Gegend auf der ganzen Strecke sehr dünn besiedelt.
Die Eisenbahnarbeiter haben unter den schwierigsten Bedingungen geschuftet.
Von einem bestimmten Zeitpunkt ab gab es kein Zurück mehr. Der Bau der
Strecke muß viele Jahre gedauert haben. Auffällig ist die große Zahl
ausrangierter Eisenbahnwaggons, die nun als Häuser fungieren. Manch einer mag
da hängengeblieben sein.
Am Ende wird aus dem Mischwald dichter Urwald. Angeblich soll es dort noch
Raubkatzen geben. Man kann es sich gut vorstellen. Bei allem geht mir immer
dieselbe Frage durch den Kopf. Welche Motive haben die Spanier dazu bewogen,
sich durch dieses absolut undurchdringliche Land zu schlagen. Der unter uns
liegende Fluß ist nicht schiffbar, auch am Rand ist er nicht zu begehen. Wer
einmal durch ein ausgetrocknetes Flußbett mit großen Kieselsteinen gegangen
ist, weiß, wie anstrengend ein paar hundert Meter sind. Die Strecke ist 400
Kilometer lang. Der Urwald, der die Hügel über dem Fluß bedeckt, ist dicht
und noch weniger zu durchqueren. Ähnliches läßt sich immer wieder beobachten.
Der Weg nach Oaxaca ist nicht viel besser, und auch dort sind die Spanier
schon bald gewesen. Hunderte, tausende Kilometer durch kaum begehbares
Gelände, jeder Schritt eine Anstrengung, nichts Vernünftiges zu essen,
Mückenplage und Malaria, keine klare Vorstellung, wohin die Reise gehen soll.
Die Conquista war ein hartes Brot.
Keine Frage, die Fahrt hat sich gelohnt. Theoretisch läßt sich der Abstecher
in sehr kurzer Zeit machen. Abends Abflug Mexiko, Mini-Bus Hotel, wecken
lassen, 5.30 (El cobre, confirmed) Tickets gab's noch reichlich, abends kommt
man mit Glück in Mochis an. Wenn man es drauf anlegt, kann man mit einem
Mietwagen morgens in Culiacán sein, wo um 11.00 Uhr die Maschine zurück nach
Mexico geht. Übrigens gibt es inzwischen von der Linie Mexicana, einen
Service nach Los Mochis, steht noch nicht im Handbook, war trotz Nebensaison
eine Woche im voraus ausgebucht. Im günstigsten Falle ist dieser Abstecher
also in anderthalb Tagen machbar, das zur Reisetechnik für den ganz Eiligen.
Wie inszeniert, wirkt der prächtige Sonnenuntergang zum Schluß. Der Himmel
ist ein Feuermeer.
Culiacan: 26. 8.
Heute morgen im Hotel Beltrán aufgewacht. Die Portiers waren zwar nicht
besonders freundlich, das Bett dafür ausgezeichnet. Ein Fenster geht auf
einen schönen hellen Innenhof. Bei der Ankunft hat man mir zunächst ein
anderes Zimmer gezeigt, das nach hinten raus ging und in dem sich beim
Anknipsen des Lichts gerade riesige Cucarrachas, dick wie Havannazigarren
(ich meine die für 25,- DM), verzogen. Drei rasten quer über die Bettdecke,
eine weitere überquerte die Kommode, weiter habe ich den Blick nicht
schweifen lassen. Ich murmelte etwas von "nicht so toll" auf
Spanisch, worauf der Boy meinte, ich brauche nichts zu erklären. Also habe
ich mich für das Zimmer mit Blick auf den Busbahnhof entschieden. Um fünf Uhr
Mexico-Zeit, um sechs Uhr Mountain-Zeit, es gibt eine Stunde Differenz, wie
ich gerade lerne, war die Nacht heute wieder beendet. Trotzdem, mit dem
Erlebnis der Reise im Rücken geht es mir fast gut, zumal mich meine
Reisebegleiterin gestern den ganzen Tag in Ruhe gelassen hat. Sie mußte. Ich
habe unauffällig die Reservierung so gesteuert, daß wir in getrennten Waggons
saßen. Tat mir echt leid. Apropos, leid. Gerade stelle ich fest, daß
vielleicht zwei Filme verlorengegangen sind, so eine Scheiße.
Ich frühstücke im gleichen Restaurant, in dem ich gestern abend noch für
meine Reisebegleiterin hinter einem agua mineral hergelaufen bin. Die
Bedienung ist freundlich. Überhaupt sehen die chicas hier ungleich besser aus
als in Mexico-City. Die Menschen hier im Norden sind viel größer und nicht so
gedrungen wie im Süden. Ansonsten erfahre ich gerade wieder ein Beispiel für
Arbeitsteilung auf mexikanisch. Nur ausnahmsweise bekommt man, was man
verlangt. Auch heute mittag nicht. Wollte Brust, bekam Hühnerbeine, wollte
flan (Pudding), bekam queso (Käse), wollte pinha (Ananas) bekam saudilla
(Wurst) usf. Kann wohl kaum an der Aussprache liegen. Vormittags noch einen
kleinen Wutanfall angesichts einer weiteren Petisse meiner Reisebegleiterin,
bei dem eine Dose draufging. Nachmittags in den als "pleasant"
beschriebenen Park - nicht mehr ganz aktuell. Kein Wasser in den Bassins, der
Rasen ausgetrocknet, die Bänke zerborsten, Bäume umgestürzt, abgesehen davon
kennt kaum jemand den Ort. Dort ergab sich ein längeres Gesprüch mit einem
Ingenieurstudenten aus Oaxaca. Er wirkt sehr unsicher. Die Regierung, er
dreht sich um, sei "vasura" (Müll). Lopez Portillo habe sein Volk
ausgeraubt und sei nun in Spanien. Überhaupt, alle Präsidenten seien Spanier
und raubten das Land nur aus. Die Wahlen seien zwar geheim, aber die
Wahlkomitées bestünden nur aus den Leuten der PRI. Aber dennoch: El tipo de
govierno que representa el PRI (Die Art von Regierung, für die die PRI
steht...) sei viel besser als der Sozialismus, denn der bedeute Unfreiheit.
Er hatte auch eine Idee von Hitler und schließlich davon, daß es da mal einen
Streit zwischen den USA und Deutschland gegeben habe. Daran erinnern sich
übrigens viele Mexikaner. Das Stichwort Zweiter Weltkrieg fällt aber kaum
jemand ein. Mexico hat eben doch so sehr an der Peripherie gelegen, daß 1945
einfach kein markantes Datum ist.
Ich schütte mal wieder gaseos, also kohlensäurehaltige Erfrischungsgetränke,
in mich, ungezählte im Laufe der Reise - heute allein schon fünf. Der Weg
zurück aus dem Park geht über den Friedhof an eine Ecke, wo irgendwann
tatsächlich der Bus auftaucht. Der Fahrer fährt wie die Seng. Immerhin, das
verkürzt die Reisezeit.
Hidalgo kommt in Sicht, von dort aus soll es zum Flughafen gehen. Am Abend
probiere ich ein richtiges Restaurant aus. Es nennt sich "Madrid".
Nicht billig, nicht teuer, aber das Essen ist Spitzenklasse. Der Ober schafft
einen riesigen Fruchtsalat mit Mango heran, es folgen Spaghetti mit weißer
Sauce, darauf ein gepflegtes Bier. Das alles kommt mir vor wie 5-Sterne-Luxus
nach langer Entwöhnung. Am Morgen habe ich übrigens sicherheitshalber unsere
beiden Flüge, den nach Mexico-Stadt und den zurück nach Europa noch einmal
bestätigen lassen, ebenda dann auch noch in einer Bar zum Frühstück einen
vorzüglichen hot cake vertilgt. Was sich wieder einmal als ein bißchen zuviel
des Guten erwies - im Laufschritt das rettende Örtchen im Hotel erreicht.
Montezuma läßt einen garantiert nicht verfetten. So viel und so schnell kann
man gar nicht essen, daß hier etwas ansetzt. Die Stimmung ist auch sonst
gehoben, da G. mal wieder austickt. Hotel ist zu kalt, ich solle ein anderes
Hotel in der Nähe der Busstation suchen, damit ihr nicht so kalt sei!? Auf
die Aufforderung, die fällige Bestätigung des Fluges selbst zu machen,
englisch gehe auch - welch perfides Ansinnen von mir -, herrscht für eine
kostbare Minute idyllische Stille. Für das letzte Stück mit dem Bus nach
Culiacán zum Flughafen zeichnen sich keine Probleme ab. Praktisch alle Stunde
fährt ein Bus. Überhaupt ergeben sich erstaunlich wenige Probleme für den
Rest des Tages, abgesehen davon, daß G. noch schnell einen Jungen anbrüllt,
der es wagt, ihr das zweite Mal Kekse anzubieten. Im Bus sitze ich neben einer
mexikanischen Oma, die superstolz auf ihr superfleißige Enkelin ist. Wenn die
Kleine nach Hause komme, könne sie es gar nicht erwarten, an die Aufgaben zu
kommen. Die Kleine lächelt bestätigend - armes Kind. Wenn meine
Spanischkenntnisse für sehr differenzierte Formulierungen ausreichten, ließe
ich jetzt ein paar ironische antiautoritäre Sprüche los.
27.8.1986 Wir befinden uns im Flughafengebäude. Die allgemeine Stimmung ist
von großer Nervösität bestimmt. Was für eine Art von Flugzeug wird es werden?
Anlaß der Aufregung ist die Tatsache, daß keine festen Sitzplätze zugeteilt
wurden. Spricht für einen Viehtransport. Gestern abend waren durchaus
Düsenmaschinen zu sehen, aber es gibt hier auch Flüge in die USA nach Tucson.
Au, Au, Au - auf uns soll ein Seelenverkäufer warten.
Ich versuche, etwas Eßbares zu beschaffen. Dabei stelle ich gerade zum
wiederholten Male fest, daß Tortillas nach lauwarmem Packpapier riechen und
schmecken. Daß sich die Mayas für diesen Fraß umgebracht haben, spricht nicht
für gehobene geschmackliche Ansprüche. Der Toaster im Flughafen-Restaurant
besteht offenbar nur aus einem alten Heizlüfter. Alle 10 Minuten trifft eine
Scheibe ein. Am Nebentisch Frühstück auf mexikanisch: Tomatensaft mit jeder
Menge Salz und Tabasco. Ein Irrensport. Das Frühstück mit huevos revueltos
liegt mir wie ein Stein im Magen. Es geht nichts über ein vernünftiges Essen.
Nach mehr als vier Wochen latenter oder offener Spannung mit meiner
Reisenbegleiterin, der anstrengenden Organisation der elementaren Lebensbedürfnisse,
Leben aus zweiter Hand, erscheint mir die Aussicht auf einen
vollklimatisierten, komfortablen holländischen KLM-Jumbo, der mich hier
wieder wegbringen soll, als eine absolut reizvolle Perspektive.
Gestern abend hatte ich übrigens noch ein längeres Gespräch mit einem
Studenten und Ex-Gerente des Hotels Mission in Creel - einem Gringo-Paradies.
Offenbar ist Los Mochis eine außerordentlich populäre Kurzreise für
Nordamerikaner. Von dort werden auch Ausflüge zu den Canyons organisiert. Er
meinte, ich hätte in Chihuahua viel verpaßt. Es gäbe eine schöne
Stadtrundfahrt, von 8 Uhr morgens bis mittags um 1 Uhr. Sie führe auch zum
Museum von Pancho Villa, wo das Auto stehe, in dem man ihn erschossen habe,
mit all den Einschüssen. Das ist sie wieder die mexikanische Lust am Tod und
den dazu gehörigen Details. Außerdem befinde sich dort das Gehurtshaus von
Hidalgo, dem Vater des modernen Mexico. Wie wir es drei Wochen in Yucatan
ausgehalten hätten, sei ihm schleierhaft. Im übrigen warnt er vor Culiacán. Es
gibt viel drug-trafficking, die Mafia habe ihre Stützpunkte in der Stadt. Man
solle sehr aufpassen.
DRITTE RÜCKKEHR NACH MEXICO CITY UND ABFLUG
Schon einmal in den Ausläufern eines Hurricans geflogen? Wir steigen in eine
DC 9. Sie kommt gerade von Los Angeles. Es ist für die Maschine der vorletzte
Zwischenstopp auf dem Weg nach Mexico-City. Nach dem Steigflug bietet sich
ein seltsames Naturschauspiel. Aus dem Fenster erkennt man riesige
Wolkendome. Sie reichen von unserer Flughöhe, immerhin 7.000 Meter, bis
hinunter auf den Boden. Sie sehen aus wie eine Mischung aus Pech und Schwefel
- schwarz-gelb-grün - und haben es buchstäblich in sich. Von Zeit zu Zeit
flackert der ganze Turm. Im Innern finden heftige Gewitter statt. Es sollen
die Ausläufer eines Hurricans sein. Was immer auch, der Pilot gibt sich alle
Mühe, sie zu umfliegen. Die Boeing zieht immer wieder Schleifen von links
nach rechts und zurück, mehr wie ein Sportflugzeug als wie eine
Linienmaschine auf geradem Kurs. Längst sind die Lichter zum Anlegen der
Sicherheitsgurte wieder angegangen. Dann erwischt es uns. Die Maschine
durchquert eine der Dome. Von einem Moment auf den anderen ist es
stockfinster, obwohl es mittags ist. Zwischenzeitlich geht die schwarze Farbe
in die von dunkelgelbem Schwefeldampf über. Es knallt, Blitze zucken. Das
Flugzeug wird durchgerüttelt, herauf und herunter gezogen. Mal schwebt man
ein paar Zentimeter über dem Sitz, soweit es die Gurte eben zulassen, der
nächste Schlag drückt einen tief in den Sitz. Niemand weiß, auf welche
Bewegungsrichtung er sich konzentrieren, welche Kräfte er abfangen soll.
Jeder ist mit sich beschäftigt. Die Körper bewegen sich wie von unsichtbaren
Kräften geschüttelt hin und her. Sekunden der Stille, dann geht der Tanz
wieder los. Minuten ziehen sich zu einer halben Ewigkeit. Irgendwann meldet
sich der Pilot. Der nächste Flughafen kommt in Sicht. Er zieht die Maschine
steil nach unten. Tatsächlich - die Kräfte des Unwetters lassen nach. Auf dem
letzten Stück unterfliegt er den Sturm und die Wolken. Aus diesem flachen
Winkel ist es offenbar ungleich schwerer den Anfang der Piste zu treffen. So
setzt er die Kiste erst auf, als die Flughafengebäude schon vorbei sind. Ich
bereite mich auf eine Vollbremsung vor und werde nicht enttäuscht. Kurz vor
dem Rasen bringt der Herr das Flugzeug zum Stehen. So etwas baut auf.
Immerhin - es ist erst einmal überstanden.
Der letzte Tag. Der Abflug der KLM-MAschine ist für 11 Uhr morgens
vorgesehen. Wir finden uns zwei Stunden vorher ein. Auch Claudio und Claudia
sind da. Sie waren in den Ruinen von Teotihuacan, der größten aller
Tempel-Anlagen in der Nähe Teochtitlans. Es ist ein gutes Gefühl, sie gesund
und munter wiederzusehen. Nach einer Stunde Wartens macht die Nachricht die
Runde, daß der Jumbo einen Defekt hat. Er ist offenbar ernsterer Natur. Die
Verspätung, so die Auskunft werde vier bis fünf Stunden betragen, man habe
ein Ersatzteil aus Houston/USA direkt vom Hersteller geordert. Das fehlt
gerade noch. Mit einer frisch reparierten Kiste über den Atlantik. Vor langen
Flügen wird man nicht gerne daran erinnert, daß Technik fehlbar ist. Ein
deutscher Ingenieur reagiert auf meine kritische Bemerkung mit dem Hinweis,
es bestehe kein Grund zur Sorge. Seine Firma beschäftige mexikanische
Techniker. Sie seien ausgesprochen gewissenhaft und findig. Nicht ganz meine
Erfahrungen, aber ich will es ihm gerne abnehmen.
Als ich mich umdrehe, schaut mich Claudia erstaunt, ja beinahe entsetzt an.
Ich sei ein völlig anderer Mensch, wenn ich deutsch redete, bemerkt sie. Es
sei nicht allein die Sprache, mein Habitus, alles sei anders. Sie ist beinahe
schockiert - der Deutsche gefällt ihr sehr viel weniger als der halbe Latino,
mit dem sie die letzten Wochen als Reisepartner verbracht hat. Das Gespräch
mit dem deutschen Ingenieur war zudem eines unter Männern und über Technik,
knapp, schnell, etwas ganz anderes als die Art der Kommunikation bisher.
Dennoch hat sie zweifellos recht. Mit der anderen Sprache schlüpft man immer
auch in eine andere Haut. Es ist nicht allein die Aussprache. Stimmlage,
Mimik und Gestik verändern sich.
An Bord dauert es eine Weile, bis man wieder Vertrauen zur Technik im
Hintergrund gefaßt hat. Der holländische Pilot weiß das offensichtlich und
spricht ungewöhnlich lange mit den Passagieren. Zehn Stunden dauert es, dann
kommt England in Sicht. Wir nähern uns Schiphol von Norden aus. Der Empfang
am Flughafen ist frostig. Die Stewardessen sind durch den unplanmäßigen
Aufenthalt um einen Teil ihrer Freizeit gebracht worden und behandeln die
Passagiere beim Aufstieg einigermaßen ruppig. Auch der Zoll läßt sich Zeit.
Ob ich Lacoste-Hemden mitgebracht hätte? Ich entgegne ihm, daß ganz Mexico
davon voll ist. Selbst die Bettler laufen in diesen Imitationen herum.
Natürlich habe ich keine gekauft. Er läßt mich ziehen. Das war's. Eine ganz
und gar unromantische Ankunft in der Heimat, aber immerhin, man ist wieder zu
Hause.
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