1986 - Roundtrip Mexico

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Ich gebe zu, ich wollte gar nicht dorthin fahren. Nach langen Aufenthalten in fast allen Ländern Lateinamerikas, reisend und arbeitend, war Mexiko übrig geblieben als weißer Fleck auf meiner privaten Landkarte. Es waren die Postkartenbilder im Kopf: So dicht an den USA, auf den Tourismus zugeschnitten, jede Menge Kakteen, Sombreros, Cancun, Acapulco, nichts, was mich gereizt hätte. Meine damalige Freundin drängte, einer ihrer Ex-Freunde habe, hätte, ... und so weiter. Auch nicht gerade eine Empfehlung. Dennoch ließ ich mich breit schlagen. Es wurde in jeder Beziehung anders, als ich erwartete und es war gut so, dass ich nicht alles vorher wusste.

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"
Crash

 

"The aircraft crashed after colliding with a privately owned Piper PA-28 Cherokee. The 57-year-old private pilot, along with his wife and daughter, were flying a VFR flight below the lower limit of the Los Angeles terminal control area when the PIC suffered a heart attack. During the effort to revive the pilot, the airplane entered LAX airspace and was involved in the collision with the DC-9. ATC was unaware of the aircraft because regulations at the time did not require aircraft operating over or under TCA airspace to be transponder equipped."

"Soeben wird gemeldet, dass heute morgen eine DC 9 McDonnell Douglas der Fluggesellschaft Aereo Mexiko beim Landeanflug auf Los Angeles abgestürzt ist. Nach Auskunft der Behörden überlebte keiner Passagiere den Absturz."


Die nüchterne Stimme aus dem Radiowecker reißt mich aus dem Schlaf. Eine Weile dauert es, bis ich Nachricht und Ort zuordnen kann. Es ist..., es war das Flugzeug, das ich gerade noch benutzt habe. Gestern, vorgestern? Wo bin ich eigentlich? Während ich mich langsam aufrichte, dämmert mir, ich bin wieder zu Hause, und doch noch ganz gefangen von Mexico.

MEXICO-CITY    

Ankunft mit dem Jumbo der KLM in Mexiko-City, kurz nach 23.00 Uhr. Noch um diese Uhrzeit wirkt die Stadt von oben wie ein endloses Lichtermeer. Der Unterschied zu den jetzt schon längst abgedunkelten Metropolen des puritanischen Nordamerikas ist offenkundig. Die ersten Momente beim Hinausgehen sind voller Anspannung. Alle Stacheln ausgefahren, suche ich nach Zeichen für die Orientierung, während sich Taxifahrer, Kofferträger, Schlepper, Geldtauscher herandrängen. Schielt der Typ dort nicht nach der Fototasche? Dass niemand sich von hinten herandrängelt und am Rucksack zu schaffen macht. Dabei war der Zoll angenehm unproblematisch "Aleman, gut", grinste der rundliche Zollbeamte. Neben mir frische Bekannte aus dem Flugzeug, ein italienisches Paar, Claudia und Claudio. Er, Bankangestellter aus Mailand, trotz Bubengesicht und Nickelbrille, ist durchaus reiseerfahren, wie sich herausstellt. Für sie, Lehrerin, ist es dagegen die erste größere Reise überhaupt - und dann Mexiko als Jungfernfahrt. Da ich fließend Spanisch spreche, entwickle ich mich unversehens für die Kleingruppe zum Kontakt mit der Außenwelt.

Ohne einheimisches Geld geht nichts. Unvermittelt ergeben sich Schwierigkeiten. Der ersten Kasse am Flughafen geht tatsächlich das mexikanische Geld aus. Immerhin, es gibt eine zweite, und die ist zahlungsfähig. Inzwischen kommen beide Frauen unverrichteter Dinge von der Hotelreservierung im Flughafengebäude zurück. Sie fürchten, übers Ohr gehauen zu werden - eine Sorge, die bei näherem Hinsehen nicht unbegründet erscheint. Hinter einem Schalter hocken in der Tat ein paar grüne, verwegen aussehende Jungs in schwarzen Lederjacken. Wir werden aufgefordert, das Hotel sofort, d.h. also schon bei der Reservierung im Flughafen, zu bezahlen, ein mehr als seltsamer Modus. Ich schreibe den Betrag ab, vorschnell, wie sich später herausstellt. Selbst das Wechselgeld stimmt.

Wie kommen wir zum reservierten Hotel Premier? Ein jüngerer Taxifahrer bietet die Fahrt für 4.500 Pesos an, was uns als ein wahrer Wucherpreis erscheint. Während wir warten, taucht ein älteres Taxi auf. Dessen Fahrer will uns für 3.000 befördern und erhält den Zuschlag. Das hindert ihn nicht, hinterher 4.000 Pesos zu nehmen. Vor jeder Kreuzung bekreuzigt er sich. Welch ein Aufwand angesichts der unzähligen Straßen, vor allem aber keine Ermunterung, wie vorgesehen, bald selbst das Steuer in die Hand zu nehmen.

Die nächtliche Fahrt vermittelt noch kein Gefühl für die Stadt. Ein paar hohe Hotels, im Zentrum breite, mehrspurige Straßen in beiden Richtungen, riesige verlassene Wolkenkratzer. Das Erdbeben vor zwei Monaten hat ihre Struktur geknackt, so dass sie trotz äußerlicher Unversehrtheit nicht betreten werden dürfen. Im Hotel Premier ist der Empfang freundlich, fast zuvorkommend. Die erste Flasche Agua mineral - viele andere werden folgen - gibt es gratis an der Bar. Noch ein Hemd in der Nacht gewaschen, scheint angesichts der knappen Ausstattung notwendig. Dann geschlafen und den Jet-Lag leidlich weggesteckt. Anderntags beschweren sich das italienische Paar über den Krach, der sie nicht habe schlafen lassen. Alles eine Frage der Müdigkeit.

Der erste Einstieg in das unbekannte Land vollzieht sich überraschend leicht und spannungslos. Der Raum im Erdgeschoss, wo wir das Frühstück einnehmen sollen, ist klimatisiert und halbleer, die Bedienung prompt und freundlich. Auch die Konversation mit dem italienischen Paar bereitet keine Probleme. Claudia und Claudio stehen trotz des Zwillingsnamens für den Typ des Kontrastpaares. Er, eher verschmitzt-ironisch, zuvorkommend, um Ausgleich bemüht, eben wie man sich einen bebrillten italienischen Bankangestellten vorstellt - Deutsch kann er nicht, wie er sofort erklärt. Kein Wort! Übrigens spreche auch sonst niemand deutsch in seiner Bank. Gelegentlich komme aus Deutschland mal ein Telegramm von einer anderen Bank. Das ließen die Angestellten dann bis zur dritten Mahnung liegen. Die sei dann rot umrandet und auf englisch abgefasst. Das spreche jemand. Noch Fragen zum europäischen Zahlungsverkehr? Ja, da vorne bitte! - Sie ist ausgesprochen temperamentvoll. Dafür geht es mit der Stimmung kräftig herauf und herunter. Er bekommt das ab - vor dem Frühstück oder abends im Zimmer. Uns gegenüber bleibt sie durchweg um Facon bemüht. Ihr Metier sind die ganz Kleinen. Sie arbeitet als Volksschullehrerin. Für alles, was "süß" ist, begeistert sie sich - ganz gleich, ob es aus Zucker ist oder Fellohren hat. Von ihr kommen die meisten Extrawünsche, vor allem ist "Fruchtsalat" gefragt mit ..., und dann kommen die Einzelheiten. Meine Bekannte nutzt solche Pausen meist, um ihre Bestellung noch einmal umzuwerfen, frei nach dem Motto: Was, das gibt es? Das möchte ich auch haben. Oder vielleicht doch nicht. Ich perfektioniere meinen Wortschatz bezüglich Obst vorwärts und rückwärts.

Pardon, ich komme schon wieder ins Schwärmen. Kurz und gut. Von Anfang an fällt auf mich das Bestellen. Der Ober im Premier nimmt sich die Zeit und vermittelt mir eine Lektion für Fortgeschrittene. Mexikaner unterscheiden zwischen huevos fritos, huevos revueltos, huevos à la ranchera, huevos mexicanos (tomate, cebollas, sin picante por favor).

Nach dem Zusammenpacken der Sachen beginnt die Suche nach dem Mietwagen. Die Italiener haben ihn vorbestellt. Inzwischen steht der Beschluss, zusammen zu fahren. G. hat ihn eingefädelt. Es ist mein erster derartiger Versuch mit einem Privat-PKW in Lateinamerika. Bislang habe ich auf öffentliche Verkehrsmittel vertraut, was sicher umständlicher ist, aber seine Vorteile hat, wenn man Land und Leute besser kennenlernen will.

AVIS hat das Büro am Flughafen. Mit einem weißen Schlachtschiff geht's also erst einmal dorthin zurück. Auch dieser Taxifahrer versucht, uns beim Abrechnen zu übervorteilen. Den Extra-Preis begründet er mit dem großen Koffer. Wir einigen uns auf die Hälfte des Zuschlags. Nach stundenlangem Erkundigen finden wir das Büro des Auto-Verleihers. Die Bedingungen auf der Versicherungs-Police bleiben unklar. Wir wissen nicht genau, wogegen der Wagen versichert ist. Wenn ich recht verstehe, müssen wir bei einem Totalschaden nicht bezahlen, Teilschäden kommen uns dagegen teuer. Man wird sehen. Ein VW-Bus holt uns ab, um uns zum Auto-Hort zu bringen. Die Italiener haben einen VW-"Sedan" vorbestellt. Hinter dem klangvollen Begriff verbirgt sich ein grauweißer Käfer. Sicherheitshalber checken wir ihn auf alte Schrammen. Es handelt es sich um ein Spitzenprodukt aus Puebla, jedenfalls im Vergleich mit dem meinigen aus der Wolfsburger Produktion Anno 1972. Überhaupt das Fahrgefühl - ein wichtiger Teil der bevorstehenden 5000-Kilometer-Reise. Vorzügliche Stoßdämpfer, obwohl noch keine Federbeine, gutes dickes Sportlenkrad, zu kurzes Kupplungsspiel, daher fast immer hartes Einkuppeln, das Getriebe anfänglich passabel, später reißt offenbar etwas an der Aufhängung ab. Der Motor ist ein Phänomen, wenn er wirklich nur 1200 ccm haben sollte, wie es in den Papieren steht. Er zieht mit vier Personen und Gepäck im vierten Gang problemlos steile Berge hoch. Seine Höchstgeschwindigkeit bergab beträgt 150 km/h. Die Bremsen funktionieren normal. Dass VW auch solche Autos baut. Man könnte wieder schwach werden, wenn nur die Scheibenwischer besser wären.

Noch einmal im AVIS-Büro reingeschaut. Ein Angestellter legt letzte Hand an eine Straßenkarte, um uns die Route zu zeigen - ein Flickenteppich aus Tesaband und Papierresten. Der gute Wille ist erkennbar, die Route leider nicht. Gepäck eingeladen, Generalrichtung Süden. Dann endlich geht es los. Vor jeder Kreuzung - sie nehmen kein Ende - 1x bekreuzigt, was bei Taxifahrern hilft, kann auch uns nicht schaden.

Die ersten Meter - die ersten "Topes". Darunter versteht man die Erfindung eines sagenhaften Verkehrsministers namens "Topes" Portillo: Halbierte Betonpfeiler 20/30 cm hoch, quer über die Straße, mal angekündigt, mal nicht, was bei 100 km/h ganz schön scheppern kann. Die Variante sind "vibradores". Das Gleiche in kleiner, dafür ein Dutzend davon kurz hintereinander. Akustische Kennung der beiden: Bum-Bum oder Brrrrrrrrrr. Wir finden wider Erwarten aus dem Moloch Mexico-City heraus. Nicht selbstverständlich bei einer Ausdehnung in Längsrichtung von ca. 110 Kilometern. Südeuropa-, vor allem Romerfahrungen sind beim Fahren ausgesprochen hilfreich. Was immer auch der Altbundespräsident meinte, Mexico-City heißt hier Mexiko, nicht ciudad de Mexico o.ä.

RICHTUNG PAZIFIK - TAXCO    

Der erste Teil der Fahrt geht bergauf. Die Landschaft erinnert an Europa. Viel Grün, keine bizarren, sondern rundliche Gesteinsformationen. Wir dechiffrieren die ersten Schilder. "No deje piedras en la carretera" - bezieht sich offenbar auf Steine, die die Mexikaner beim Reifenwechsel einzusetzen scheinen. Und "Bitte keine Löcher in die Straßenschilder schießen" - was eher den Charakter einer Aufforderung zu haben scheint, denn wir finden in ganz Mexiko nicht ein Schild, das keine Einschusslöcher aufweist. Dann geht es bergab, und ein weites Panorama öffnet sich. Nach zwei Stunden das erste Mal angehalten, um die Landschaft zu fotografieren. Wer weiß, was noch kommt. Das heißt zunächst einmal, Linse nach oben, damit der Müll den Eindruck nicht stört. Überhaupt, der erste Parkplatz, der erste Müllplatz. Am Boden der Schlucht hinter dem Parkplatz jede Menge toter Hähne, offenbar vom Duft angelockt, schwindelig geworden und abgestürzt. Müll gehört zu den eindringlichsten Erfahrungen in Mexiko, wovon noch zu reden sein wird. Wir klagen über Umweltverschmutzung - dass ich nicht lache -, hier wird sie gemacht, in einem Maß, welches unsere provinziellen Vorstellungen sprengt.

Nach einem längeren flachen Abschnitt geht es wieder ins Gebirge, echtes Käferland. Ich lasse unsere südlichen EG-Partner einen Einblick in solide Rallyetechnik nehmen. Gegen 18.00 Uhr erreichen wir Taxco, eine hoch gelegene ehemalige Minenstadt. Ein außerordentlich freundliches Touristenbüro empfiehlt uns das Hotel La Loma Linda und beschreibt auf einer Karte die Lage der Sehenswürdigkeiten. Das Hotel erweist sich als guter Tipp. "La Loma Linda" liegt malerisch an einer Kurve am Rande einer tiefen Schlucht. Die Zimmer sind ebenerdig, um einen Innenhof gruppiert. Im Zentrum liegt ein Schwimmbad für den, der mag. Oberhalb, zum Innenhof hin offen, befindet sich ein schönes Restaurant im Kolonialstil. Das zugewiesene Zimmer liegt, von der Straße aus gesehen, links unten, um die Ecke herum, mit direktem Ausblick auf die Schlucht. Sie ist noch tiefer, als es den Anschein hat, was ich daran bemerke, dass sich das, was ich für Hunde hielt, nach einer halben Stunde Beobachtung als Pferde entpuppt. Abends genehmigen wir uns ein gutes Essen, sogar mit Rotwein, was teuer kommt, aber sein musste zur Feier des Tages. Obwohl unbekanntes mexikanisches Produkt bleiben Sehstörungen aus. Die neuen italienischen Bekannten haben sich nach einigem Zögern entschlossen, mitzuhalten. Ein wenig bin ich für sie der wilde Mann. Nun ja, mit dem Image kann ich leben. Weniger dagegen mit den Launen meiner deutschen Mitreisenden. G. gibt sich muffelig, müde, zieht beleidigt ab ins Zimmer. Ich dagegen bin außerordentlich zufrieden, auch deshalb, weil die Kredit-Karte, die ich das erste Mal ausprobiere, funktioniert. Damit ist die Reise technisch gerettet.

Am nächsten Tag machen wir uns auf zum Marsch durch die Innenstadt. Taxco ist eine der ältesten Silberstädte Mexikos und damit Lateinamerikas überhaupt. Die Spanier haben indianische Sklaven über Jahrzehnte das kostbare Metall aus dem Berg schlagen lassen. Die Altstadt, sie steht unter Denkmalschutz, liegt am Berghang. Verwinkelte Wege durchziehen sie. Auf dem Kopfsteinpflaster drängen sich Mengen von Touristen. Auf dem "zócalo", dem Zentralplatz, erstehe ich von einer indianischen Künstlerin ein Bild in naivem Realismus. Es ist beschämend billig, so dass ich gar nicht erst den Versuch unternehme zu handeln. Nur ein paar Schritte sind es hinunter bis in die Kathedrale. Im Seitenschiff entdecke ich einen blutigen Jesus mit genialisch auf die Wunden gezielter Spotbeleuchtung. Das Licht kommt, Ergebnis der Inspektion, durchs Oberlicht. Es wirkt surrealistisch, Bunuel hätte seine Freude gehabt. Hut ab, die Kirche, die katholische zumal, verfügte schon immer schon über einen ausgeprägten Sinn für Effekte. Auch hier drängt sich natürlich der obligatorische Führer ungefragt auf, erläutert, was man viel besser nachlesen kann, hat unendlich viel Zeit, um am Ende unauffällig am Eingang der Kirche die Hand aufzuhalten. Man ist ebenso Objekt, wie man selbst dazu neigt, das Land und die Menschen zu behandeln. Hochgradige Versachlichung charakterisiert die Beziehungen von beiden Seiten.

Vor der Kirche hält ein riesiger Flaschentransporter - auch dies nicht der letzte. Die Wasserindustrie wird an mir eine Extra-Dividende verdienen. Kurz vor der Rückkehr zum Hotel taucht mit lautem Getöse die Müllabfuhr auf. Das muss man gesehen haben. Die Mexikaner verfolgen staunend die Technik, die die Müllkutscher mit ihrem neuen Wagen zur Darstellung bringen - mit Gasmaske (wg. des infernalischen Gestanks) und Grazie (wg. der Zuschauer).

Zu den ersten positiven Erfahrungen gehört, dass es selbst hier in Mexiko trotz hochgradig verhärteter Stereotypen gegenüber den "Gringos" möglich ist, mit guten Spanischkenntnissen und etwas Muße aus den zugewiesenen Rollen herauszuschlüpfen. Nicht überall und jederzeit, aber doch bei Bedarf. Ich vermag nach der kurzen Zeit, anders als man vielleicht vermuten würde, bei den Mexikanern im Vergleich mit der Bevölkerung anderer Länder Lateinamerikas kein spezifisches Profil zu erkennen. Es gibt einen relativ hohen Indioeinschlag wie in anderen Andenländern, Richtung Süden sind die Menschen sehr klein, im Norden werden sie heller und größer. Aber die Variation ist riesig. Die Mädchen sind selten hübsch, aber fast immer ausgesprochen nett und höflich, beinahe ohne Ausnahme. Von den Männern lässt sich das nicht ohne weiteres sagen. Einige scheinen auf ihr Triebleben reduziert. Ihre Einstellung zu Frauen ist eine Art primitives Radfahrersyndrom. Die Frauen stehen für sie pauschal unten. Alles andere halten sie für eine Degenerationserscheinung der weiterentwickelten westlichen Gesellschaften. Zur Bekräftigung fassen sie sich bei solchen Sprüchen demonstrativ an die Hoden.

Gleichwohl, tritt man mexikanischen Männern selbstbewusst und freundlich gegenüber, bleibt auch bei ihnen fast nie Aggression gegenüber dem Gringo zurück. Im ganzen gesehen - im Vergleich zu Kolumbien etwa - erscheinen viele Mexikaner außerhalb Mexiko-Citys geistig erstaunlich unbeweglich. Das Auffassungsvermögen wirkt oft schon bei der geringsten Komplikation überfordert. Gestern bat ich dreimal um eine Rechnung, mit drei verschiedenen Ergebnissen. Es war keine böse Absicht dahinter. Der Junge, der bediente, hatte einfach das Chaos.

ACAPULCO   

Wir verlassen Taxco Richtung Südwesten auf Acapulco zu. Das begleitende italienische Paar entpuppt sich entgegen allen Vorurteilen als Meister der Organisation und der Pünktlichkeit, zumindest was ihre Angelegenheiten angeht - angenehm. Abends Acapulco erreicht. Davor eine sehr schöne Strecke. Kurz vor der Küste steil bergauf im Kordon mit hochdrehenden schweren Lastwagen, die riesige pechschwarze Dieselwolken ausstoßen. Man fährt auf eine dichte schwarze Wand zu, verliert jede Sicht, lokalisiert den unsichtbaren Verursacher am dröhnenden Motorgeräusch, versucht, das Geräusch links zu umfahren, und atmet tief durch, wenn einen der helle Tag wieder umfängt: Überholen auf mexikanisch. Auf den steilen Anstieg folgt eine entsprechende Abfahrt. Der Blick auf Acapulco öffnet sich, wobei die Bucht allerdings zunächst durch die Rückfront hoher Hotelbauten vollkommen abgeschirmt ist. Längs der Straße, in Strandnähe, erkennbar an der langen Rückfront warten schon die Hotelvermittler. Ich winke ab, will meine eigenen Informationen. Tatsächlich finden sich in einer Querstraße kleine Glashäuschen, besetzt mit Mexikanerinnen, die die Aufgabe haben, offiziell und neutral Touristen zu beraten. Eine schreibt mir brav 20 (!) Hotels auf. Sie hätte noch mehr aufgeschrieben, wenn ich sie nicht nach einer halben Stunde höflich aber bestimmt gestoppt hätte. Am Ende verlasse ich mich doch wieder auf die bewährte Bibel aller Lateinamerikapioniere, das legendäre, in Großbritannien verlegte "South-American Handbook" in seiner mittlerweile mehr als fünfzigsten Ausgabe. Das empfohlene, preiswerte Hotel entpuppt sich als ein großer Bau, direkt an der Uferstraße. Dort ergibt sich die erste Gelegenheit, um das zu genießen, weshalb alle, die es sich leisten können, hierher kommen. Das Riesenfenster im Zimmer zur See hin ist mit einem schweren Vorhang verdeckt. Der Kellner begibt sich zur Seite und zieht mit einer Bewegung alles auf: atemberaubender Blick, von links nach rechts über die Bucht, ganz außen die geöffnete Hand des Kellners. Der Blick ist mit großem Abstand das Beste am ganzen Hotel. Die Fenster isolieren natürlich nicht. Mofafahrer rauben den Schlaf. Atmosphäre? Ein wenig schon noch. Morgens tauchen am Strand ein paar Fischer auf, die ihre Boote anlanden und den Fisch direkt verkaufen. Eine kleine Katze profitiert davon.

Es gibt nichts zu deuteln. Die Bucht ist immer noch atemberaubend schön, von hohen Felsen eingerahmt. Gleich nebenan weitere Buchten, die deutlich exklusiver. Die Reichen weichen inzwischen aus. Die Hotels ziehen nach. Im nachhinein betrachtet erscheint der Strand von Acapulco bemerkenswert sauber, ein Indiz für eine relativ intakte, professionelle Stadtverwaltung - eine Seltenheit.

ENTLANG DER PAZIFIKKÜSTE    

Es folgt eine lange Strecke an der Küste entlang. Marternde Gluthitze, Palmen, Mangroven, dampfender Asphalt, abends ein Guss, fast ein Sturm, über Stunden kaum noch Sicht durch die Windschutzscheibe. Jede Katastrophe scheint möglich, doch wir kommen wider Erwarten heile an. Es ist spät, als wir Puerto Escondido an der Pazifikküste erreichen, einige hundert Kilometer unterhalb von Acapulco. Beinahe eine Pleite, der Ort ist randvoll - Weiterfahren? - undenkbar angesichts der Straße mit ihren waschtroggroßen Schlaglöchern. Abgesehen davon, dass es eine gefährliche Gegend sein soll, so das gewöhnlich nicht zur Übertreibung neigende Reisehandbuch. Wir, mit Verlaub, ich finde am Ende ein Zimmer in einem etwas außerhalb gelegenen Hotel für 4 Personen mit Ventilator unter der Decke, im übrigen weit und breit das einzige noch verfügbare Zimmer, im Ringkampf und mit allen Tricks langer Reiseerfahrung vor anderen übermüdeten Reisenden beim Portier erkämpft. Unter den Wartenden ein Amerikaner, hat Tränen in den Augen, sucht ein Opfer, um sich mitzuteilen, spricht in den Raum hinein und steuert zielstrebig auf mich zu, weil ich nicht schnell genug weggeschaut habe. Er ist mit einem Motorrad die gleiche Strecke gekommen und in den Sturzregen geraten, hat x-mal fast im Graben gelegen.
"Man, can you imagine, Man!" Der Schock steht ihm noch ins Gesicht geschrieben, aber ich habe keine Lust auf seine Geblubber, es geht schließlich um das einzige noch freie Zimmer. "Sorry!"

Wir wollen wenigstens gut essengehen. Sieht auch gut aus - ein offenes Restaurant. Ich probiere zum Fisch leichtsinnigerweise den Saft auf dem Tisch - nicht, daß er einem das Zahnfleisch wegätzt, das sowieso, es ist offenbar auch noch purer Koblauchsaft. Die Nacht wird kurz, der Lärm von der Straße, die Gäste unmittelbar vor dem halboffenen Fenster, die Helligkeit. Der nächste Tag wird hart. Mir ist speiübel, vor Schwäche bekomme ich die Füße nicht voreinander. Ob der Knoblauch oder der Fisch, ich möchte pausieren und suche ein vernünftiges Hotel. Tatsächlich finde ich in der brüllenden Hitze eine schöne saubere Pension, aber meine Mitreisenden bestehen auf der Weiterfahrt nach Tehuantepec. Wir gehen in ein tiefgekühltes Restaurant zum Frühstück, wo es zwar alles auf Kreditkarte gibt, was mir aber wenig nützt. Mausetot und mausemüde würge ich zum Gotterbarmen, aber die Toilette, die ich aufsuche, ist derart säuisch, daß ich mich ekele, dort den Mund weit aufzumachen, also bleibt's drin. Ich entschließe mich, selbst zu fahren, um an etwas anderes zu denken.

WEITERFAHRT AN DER PAZIFIKKÜSTE   

Die Fahrt geht kurzzeitig durch steile Berge, wobei sich die Straße buchstäblich durch 1000 und eine enge Serpentine windet. Ein kleines, abgelegenes Dorf taucht auf. Links und rechts Hütten, eine Kantine, ein paar Läden, in denen sich die Bauern aus den umliegenden Bergen und durchreisende LKW-Fahrer verproviantieren. Nach kurzer Rast geht es weiter über 2000 und zwei Serpentinen. Nach einem kurzen Halt, eine Autostunde vom Dorf entfernt, rechnen wir unseren Spritverbrauch durch und die vermutliche Entfernung zur nächsten Ansiedlung. Es wird knapp. Noch zögern wir umzukehren, da treffen wir auf eine Gruppe Mexikaner, deren Wagen im Graben liegt. Sie bitten uns, Hilfe zu holen. Nach ihrer Schätzung dauert die Fahrt bis zur nächsten Stadt noch drei bis vier weitere Stunden. Also kehren wir um. Als wir zwischendurch an einer verlassenen Bambushütte anhalten, befallen Flöhe den Wagen. Sie veranstalten eine Blutorgie an Armen und Beinen. Es erwischt vor allem die beiden Frauen auf den hinteren Sitzen. Beide schlagen um sich und kreischen. Es hilft nicht viel. Die Plagegeister sind nicht aus dem Wagen zu bekommen. Angekommen im Dorf, kaufen wir ein Insektenvertilgungsmittel. Ich spritze es von oben durch den Fensterschlitz ins Innere des Wagens, kurbele die Scheibe dann hoch. Es hilft. Nach einer Stunde läßt sich der Wagen tanken, die Flöhe melden sich nicht mehr. Ich gehe zwischendurch auf dem Zahnfleisch. Endlich, als ich fast schon nicht mehr dran glauben mag, enden die Serpentinen. Salina Cruz liegt vor uns. Es ist inzwischen später Nachmittag. Ich frage mich durch zu einem Hotel, besichtige es. Es ist sauber, guter Preis, will mich fallen lassen - doch irgendetwas paßt einer der mitreisenden Damen nicht. Ich bin Millimeter davor, diese Herrschaften ihrem Schicksal zu überlassen. Also weiter: am Ende der Hauptstraße, über einen Hügel hinweg, am Meer, findet sich schließlich noch eine andere Unterkunft.
(Posadas de Rustrian). Sie liegt schön, mit Blick aufs Meer. Trotz Wind tummeln sich jede Menge Mücken. Ich verschlafe den Rest des Tages und nehme gleich die Nacht hinzu. Am nächsten Morgen bin ich das erste Mal wieder in der Lage, etwas zu mir zu nehmen.

Rückblickend gesehen, wird die Reise über fünf Wochen unter physischem Aspekt ein einziger Schlauch. Die meiste Zeit Darminfektionen, immer nur wenige Stunden Schlaf, die meisten Strecken in extremer Hitze, gelegentlich so heiß, daß wir trotz voller Bestrahlung durch den Hauptstern die Fenster des Käfers dicht geschlossen halten. Schwer vorstellbar, aber selbst bei hoher Geschwindigkeit erreicht der Fahrtwind mitunter die Temperatur eines heißen Föns. Im übrigen fahre ich den größten Teil der 5.000 Kilometer.

DIE BERGE    
Wir verlassen die Pazifikküste und fahren ostwärts in Richtung auf die Zentralkordilleren. Das Ziel heißt San Cristóbal de las Casas: ein berühmter Indianerort hoch in den Bergen. Während der Fahrt dorthin herrscht zeitweise extremer Wind - ein Dauernaturphänomen, das schon in den Reiseführern notiert ist. Der italienische Co-Pilot Claudio tränkt mich mit einem Strohhalm, da ich beide Hände fürs Steuer brauchte. Wie bei der Rallye, meint er trocken. Diesmal löst er mich konsequent alle zwei Stunden am Steuer ab. Mittags in...(schon vergessen) besuchen wir in einem Nationalpark den Canyon sumidero. Es ist zu neblig, um die Superlative in den Beschreibungen nachvollziehen zu können. In der Ebene, kurz vor dem Aufstieg, entdecken wir an einer Kreuzung die erste winzige Pyramide.

Schroff und unvermittelt erheben sich vor uns die Kordilleren. Der Aufstieg beginnt. Uns erwartet eine eindrucksvolle Landschaft. Die Gipfel berühren tiefhängende Wolken, durchschneiden sie mitunter. Wir fahren an Indios vorbei, die die steile Straße neben dröhnenden, hochtourig laufenden Autos bergauf wandern. Von oben geht der Blick kilometerweit über die Ebene und die Paßstraße hinter uns. Tief unten quälen sich LKWs die steile Straße hoch. Die Zeit für Fotos ist knapp. Wir beeilen uns mit dem Wiedereinsteigen. Jedes Überholmanöver eines der qualmenden, stinkenden Lastwagen ist ein aufwendiges und risikoreiches Unterfangen. Man fährt dicht heran an den beißenden Qualm des schwefelhaltigen Diesels, späht, so gut es geht, nach vorne, zieht den Wagen heraus und muss frustrierend oft wieder einschwenken, weil sich Kolonnen von Fahrzeugen bergab bewegen. Also läßt man sich zurückfallen, schöpft etwas frische Luft und unternimmt einen neuen Versuch.

Ich bin gespannt auf San Cristóbal. Das Handbuch warnt vor feindseligen Indios. Gerade mit der Kamera sei ganz besondere Vorsicht geboten. Claudios italienischer Reiseführer schreibt von "unvorsichtigen oder einfach unglücklichen Franzosen", eine unnachahmliche Formulierung, die das "Pech" hatten, vor zwei Jahren nach dem Fotografieren einer Kirche in einem der umliegenden Dörfer gesteinigt zu werden. Soll in Mallorca nicht vorkommen!

Gegen 18.00 Uhr erreichen wir das Hochtal, in dem San Cristóbal liegt. Der Ort besteht mehrheitlich aus niedrigen, weißgetünchten Häusern im Kolonialstil, ebenerdig oder einstöckig. Das Hotel, Párador Mexicano, nach dem wir fragen, ist eine Oase der Stille und des Stils. Von außen wirkt es eher unscheinbar, eine Einfahrt nur. In der Mitte stehen die Wagen der Gäste, dahinter am Ende ein kleiner Tennisplatz. Rechts, zu ebener Erde befinden sich nebeneinander die meisten Zimmer. Zur ersten Etage führt ein Aufgang von außen. Der Boden ist mit dunkelroten Teppichen bedeckt. Die Möbel sind aus schwarzgebeiztem Holz, das Bett ist groß und sauber, selbst der Spiegel ist klar. Den Raum durchzieht der schwere, intensive Geruch von dunklem Holz, kühlen Steinplatten, Naturdecken aus grober Wolle. Mir ist, als ob sich das Tempo des Kreislaufs nach den extremen Temperaturen an der Küste spürbar verlangsamt. Wie von außen betrachtet nehme ich mich selbst wahr, während ich in Zeitlupe auf das Bett sinke. Ich ziehe mit dem Gesicht nach unten den fremden Geruch ein und merke wie der Kopf langsam aufklart. Ewig könnte ich so liegen. Weit zurückliegende Erinnerungen an diese Landschaft sind im Nu gegenwärtig: Das bolivianische Cochabamba, La Paz, el Altiplano, das peruanische Macchu Pichu, Riobamba in Ecudador, Santa Fé de Antioquia in Kolumbien. Es ist die eigentümliche Atmosphäre der Anden, eine Landschaft der Ruhe, gemessener Bewegungen von Mensch und Tier, der Weite, auch eine Landschaft, in der die Luft klarer scheint, alle Konturen schärfer wirken, in der die einfachen Farben intensiv leuchten unter einem tiefblauen Firmament. Viele Jahre liegt die erste Begegnung zurück, und doch kommt die Erinnerung sofort zurück.

Morgens gegenüber in ein sauberes Restaurant, eine nette Bedienung, starker indianischer Einschlag. Am Morgen der Abfahrt wird sie tottraurig sein - sie wollte uns als erste bedienen, doch ein Haufen Franzosen drängt sich vor und bestellt direkt am Küchenfenster. Die Indios sind gegen solche Regelverstöße hilflos. Als ich sie darauf anspreche, ist sie traurig-resigniert, daß jemand ihr diese Geste verdarb.

Die Stadt ist eine Reise wert. Sie liegt in einem weiten Tal, umgeben von grünen, landwirtschaftlich genutzten Hügeln. Die Häuser sind alle einstöckig. Auch hier sind die Menschen arm. Wie überall gibt es Bettler. Trotzdem ist die Stadt sauber, kein Slum im Werden wie so viele andere Agglomerationen an der Küste und im Flachland. San Cristobal hat im ganzen seinen Charakter bewahrt. Im Zentrum der zócalo, im übrigen die allgemeine Bezeichnung des Zentralplatzes in Mexico - in Peru ist es der Plaza das armas - mit Kathedrale und dem Gebäude der Verwaltung. Räume nebeneinander unter Arkaden. Abends in einer Kneipe am Rande des zócalo gegessen, aus einem Lautsprecher Harfenmusik. Die anderen finden sie passend. Es klingt aber nur nach Anden, tatsächlich ist es der deutsche Barde Vollenweider.

Neben der Kathedrale ein gekreuzigter Jesus aus Autoplacas, also Nummernschildern, eine bizarre Komposition. Autofahren und Tod gehören in Mexico eng zusammen. Zahllose kleine Gräber und Kreuze an gefährlichen Stellen, Kurven, Schluchten, sind ständiger Begleiter während der Reise.

Am nächsten Tag ist Markt, einer der schönsten Tage der Reise. Auf dem Hügel, im Schatten der Kirche breiten Indiofrauen Decken aus und bieten ihre Arbeiten feil. Reisenden gegenüber geben sie sich scheu wie Erstkläßlerinnen, dann wieder neugierig, tuscheln, lachen, trauen sich scheinbar nicht, reagieren aber sofort auf Gesten. Wird man beim Fotografieren ertappt und gibt sich demonstrativ unschuldig, biegen sie sich vor Lachen. Irgendwann händigt mir eine ihre Adresse aus - es ist ihr Vorname und der Name des Dorfes -, damit ich das Bild dorthin schicke. Ich hocke mich neben eine Frau, frage, wann sie aufgestanden sei, wo sie wohne. Aber etwas über ihr Leben zu erfahren, ist nicht ganz einfach, sie will unbedingt verkaufen und ist nicht davon abzubringen, mir Dinge umzuhängen, in die Hand zu drücken. Einige wenige Indianerinnen sind offenkundig abgebrüht, besonders einige der kleinen Mädchen kontrastieren in ihrem Verhalten deutlich zu dem der Mütter. Eines der Kinder will sich verkaufen. Sie sieht aus wie zehn. Niemand geht auf ihr Angebot ein, wenigstens hier nicht.

Immerhin, auch unter den Alten befinden sich Schlitzohren. Wenn sie wechseln sollen, haben sie plötzlich kein Wechselgeld mehr. Tatsächlich ist Wechselgeld ein Problem, nach oben und nach unten hin. Die Einstellung zur herrschenden galoppierenden Inflation ist sehr unterschiedlich. Manchmal wird abgerundet, manchmal bis auf den allerletzten wertlosen Peso (= 1/3 Pfg) abgerechnet. Viele Rechnungen, mehr als die Hälfte würde ich schätzen, stimmen nicht, trotz Taschenrechner. Die großen Summen, mit denen zu rechnen sie die Inflation zwingt, machen ihnen riesige Schwierigkeiten. Ein Student meint, der Dollar steige und steige im Verhältnis zur mexikanischen Währung - er sei schon bei 300 Pesos. Ich korrigiere: 700 Pesos.

Überhaupt, Organisation ist nicht ihre Sache. Es gibt fast nirgendwo eine vernünftige Arbeitsteilung, und wo es sie gibt, ist das Chaos komplett. Am schlimmsten ist es in den Banken. Tauschen dauert zwischen drei Minuten und einer Stunde. Es werden willkürlich viele Angaben vor dem Tausch verlangt. Ein Angestellter fertigt von dem Blatt bis zu 10 Durchschläge an, tippt ohne Unterlaß, verschwindet, kommt wieder, telefoniert, verschwindet, wird dann von einem anderen Angestellten angesprochen, kehrt nach zwanzig Minuten von irgendwo her zurück. Am Ende muß dann immer noch ein höherer Angestellter gegenzeichnen, was die Sache noch mehr verzögert, weil dieser meist einen eigenen Angestellten hinter sich hat, der alles noch einmal kontrolliert. Selbst Mexikaner verzweifeln darüber. In Villahermosa baute sich ein Mann demonstrativ vor dem Schalter auf, schiebt seine Quittung langsam in den Mund und beginnt damit, sie zu zerkauen. Geholfen hat ihm sein Kunststück nicht. Nicht einmal einen mitleidigen Blick erntet er. Die Angestellten arbeiten gleichmütig weiter. Sie sind andere Vorstellungen gewöhnt.

Auf dem Markt nimmt ein junger Mann neben mir Platz. Ich halte ihn für einen Gringo, eher rötliche als braune Haare, hellbrauner Schnurrbart, Panamahut, sehr helle Haut. Er hat ein paar Bänder nach Indio-Art geflochten und verkauft sie. Wie gesagt, ich hätte 100% auf einen Late-Hippie getippt, aber damit liege ich daneben. Offenbar ist er Anthropologe. Er kommt ins Erzählen von den über 30 Sprachen, die man unter den Indianern in Mexico spricht. Der Gringo-Mexikaner sieht die Funktion des Marktes und der Touristen zwiespältig. Der Verkauf helfe auch, das Kunsthandwerk und die alten Techniken zu konservieren, außerdem leben nur wenige wirklich von den Touristen. Es sei eher ein zusätzlicher Verdienst. Auf eine Frage hin erläutert er, daß die Indios die Wolle, das Pergament für die naive Malerei selbst kaufen müssen. Es ist eben falsche Romantik zu glauben, daß das alles hier aus der Urproduktion stammt. Was sie verkaufen können, ist buchstäblich nur ihre eigene Arbeit.

Nicht wenige der Rucksacktouristen, mit denen sie es zu tun haben, sind eiskalte Profis. Als Spezialisten im Nahkampf tun sich besonders europäische Frauen hervor. Je lilaer das Tuch, desto dicker die Haut. "Kwannnto?" Ein Wort, im Original gerade einmal sechs Buchstaben, und trotzdem noch ein dicker deutscher Akzent. Kurzer Blick, 200 Pesos weniger geboten als gefordert. Mit vorgestrecktem Finger vor der Indiofrau gewedelt, damit sie's auch kapiert: 'No, No.' Dann nochmal die Finger, jetzt zum Anzeigen der gebotenen Summe. "Soviel" und - wieder Hin- und Herwedeln - "nicht mehr als das. Basta." Daß da ein Negativimage entsteht, wen wundert's. Es liegt nicht nur an fehlenden Sprachkenntnissen. Es ist der Stil der neuen Generation: "Ich in der ersten Person", das reisende postmoderne Kleinbürgertum. Niemand von diesen Figuren käme im Traum auf Fragen wie: Wie macht man so einen Gegenstand? Kauft man die Wolle? Wie lange dauert es, bis etwas fertig ist? Bleibt Zeit für die Feldarbeit? Haben die Farben eine Bedeutung? Wer hat es gelehrt? Das ginge schon mit geringen Kenntnissen.

Ein Indiomann taucht auf, klein, dunkelbraune Haut. Über seiner Kleidung trägt er einen erdfarbenen Poncho. Wie viele andere spricht er Spanisch nur als zweite Sprache. Ich rätsle zunächst, was er anbietet. Es sind lange, schmale, geschnitzte Holzstäbe, oben und unten spitz zulaufend. Auffällig gerade sind sie, und, wie er demonstriert, gut ausbalanciert. Ihr unteres Ende wird durch einen Ball, etwas größer als ein Tischtennisball mit einem Loch, gesteckt. Dieser Klumpen, möglicherweise aus Wachs, dient als Gegengewicht. Man spinnt mit diesem Instrument, wie mir der Anthropologe erläutert. Der Stock wird dabei oben angefaßt, mit einem Finger gehalten und mit zwei anderen angetrieben. Die Qualität muß stimmen, denn die Indiofrauen interessieren sich sofort dafür.

Der Markt findet am Fuße der alten Kirche statt. "Santo Domingo", benannt nach dem Apostel der Indianer, Bartolomé de las Casas, beeindruckt vor allem durch seine Schlichtheit. Gerade einmal zwanzig Jahre nach der Entdeckung Amerikas errichtete man die Kirche hier oben im Gebirge, weit ab von der Küste, wo die Schiffe gelandet waren. Sie ist damit eine der ältesten erhaltenenen Kirchen auf lateinamerikanischem Boden überhaupt. Zweifellos war es ein abgelegener Vorposten in einer fremden, ja feindlichen Umgebung. Welche Wege haben spanische Offiziere und Missionare auf ihren Märschen durch die Neue Welt in erstaunlich kurzer Zeit zurückgelegt. Welche mitreißenden Motive müssen sie angetrieben haben. War es nur das Goldfieber, der Glaube an eine Mission, die Lust auf Abenteuer oder im letzten vielleicht ein Vortasten an letzte Grenzen? Die schlichte Kirche hier symbolisiert in eindrucksvoller Weise einen Willen und eine Epoche, die wie keine andere dazu beitrugen, daß die Welt kleiner wurde und Jahrtausende lang gehütete Geheimnisse verlor. Dabei zeigt genaueres Hinsehen, daß Südamerika trotz aller inneren und äußeren Kolonialisierung widerständig geblieben ist. Viele indianische Stämme haben sich ihren eigenen Reim auf die importierte christliche-katholische Religion gemacht. Der Protestantismus als moderne, abstrakte Religion hätte sich hier schwer getan. Ihm fehlen anders als dem alten, selbst noch im europäischen Heidentum steckenden katholischen Glauben Instanzen wie die Heiligen und damit die Möglichkeit, die fremden Religionen der unterworfenen Völker zu integrieren und behutsam umzudeuten. Sicher, die christlichen Conquistadoren hatten gesiegt. Und es war nur logisch, ihren Gott in der Hierarchie an die Spitze zu stellen. Die bisherigen Götter rangierten von nun an eine Etage tiefer, schließlich waren sie unterlegen, hatten ihre Macht eingebüßt. Aber sie wurden nicht wirklich ausgelöscht, sondern fungierten als Heilige weiter. Manche Rituale aus uralter Zeit haben sich bis auf den heutigen Tag bei den zahlreichen Indianerstämmen Mexikos erhalten. Noch heute etwa bitten manche Mayas in traditioneller Weise um Regen. Eine Szene im anthropologischen Museum beschreibt den Vorgang. Eine Gruppe baut einen Holztisch auf, auf den man nach und nach wertvolle Dinge legt, hauptsächlich Nahrungsmittel. Kleine Kinder sitzen auf dem Boden an den Ecken des großen Tisches. Sie symbolisieren Frösche, während der Gabentisch unter Gesängen umtanzt wird. Heute gibt es dabei kein Gemetzel mehr wie früher. Überhaupt - die Mexikaner und der Tod, eine Sache, die sich immer wieder aufdrängt, in Gestalt von Plastikskeletten und Totenköpfen an jeder Ecke, wie auch von Sargschreinern die ihre Produkte marktschreierisch anbieten. Wer Engländer für makaber hält, sollte hierher kommen.

Auf dem Rückweg vom Markt habe ich mich mit einigen Postkarten versorgt. Zwei freundliche alte Indiofrauen sahen die Gelegenheit und schwatzen mir ein selbstgefertigtes Spielzeugpferd auf. Ich wollte es nicht, nicht wegen des Preises, er war lächerlich, 400 Pesos, aber wohin damit? Ich war nicht entschieden genug in der Ablehnung, das spürten sie. So nahm ich ihnen diese Andeutung eines Vierbeiners schließlich ab. Wenn man an die Arbeit denkt, ihre Phantasie, die Sorgfalt, mit der sie die Dinge irgendwo in einer Lücke ihres Arbeitstages hergestellt haben, man könnte ihnen alles abnehmen. Ihr erster Erfolg animiert sie, mir weitere Dinge anzudienen. Nachdem die eine Erfolg hatte, möchte die andere nicht nachstehen. Es rührt einen an, aber es hilft nichts, hier den Weihnachtsmann zu spielen.

Am Abend haben wir uns nach einigem Zögern in ein Dorf in der Nähe getraut - Besagtes, in dem die Franzosen gesteinigt wurden. Die Indios glauben angeblich, man nähme ihre Seele, wenn man sie fotografiere, und die Seele Gottes, wenn man die Kirche fotografiere. Ob das stimmt? Wer weiß, was sich damals wirklich zugetragen hat. Der Platz vor der Kirche ist fast leer. Mit dem Wissen, das wir haben, ist es ein unheimliches Gefühl und natürlich auch ein gewaltiger Reiz. Meine Kamera bleibt trotzdem unter der Jacke zur Beruhigung meiner Mitreisenden - ein Foto in letzter Minute aus dem fahrenden Wagen ist alles, was ich ihnen zumute.

RICHTUNG WESTEN - MAYALAND   

9.8.86 Für mich war dies der sympathischte Teil Mexicos - ein Stück psychischer und physischer Erholung. Binnen eines Tages verlassen wir das grüne, dicht bewaldete Gebirge. Noch über Stunden kommen uns bei der Fahrt durch die Täler Indios entgegen, die dem Markt nach San Cristóbal zustreben.1 Unser nächste Ziel lautete Palenque, die berühmte Mayastadt im Dschungel.

Das angesteuerte Hotel im Bungaloostil liegt mitten im Park, der zum sítio arqueológico gehört. Eigentümliche Atmosphäre, wie in Afrika ist die erste Assoziation. Moskitogitter an den Fenstern, Ventilatoren unter der Decke, Grillen, die laut, ja grell zirpen, kreischende Papageien, einige davon angekettet in der Nähe des Gartens. Da der Tag schon fortgeschritten ist, machen wir uns nach dem Auspacken sofort auf den Fußmarsch zu den Pyramiden. Nüchtern betrachtet sind es Treppen, die man bei glühender Hitze besteigen muß. Schon auf der Fahrt hierher haben wir uns fast aufgelöst. Also, tief Luft geholt und die Treppen der Hauptpyramide rechts im Sturmschritt genommen, 60, 70, 80, irgendwann vergeht mir die Lust zu zählen. Hinterher beschert uns der Aufstieg einen fürchterlichen Muskelkater. Übrigens: Fast das Gleiche erwartet einen noch einmal im Innern auf dem Weg nach unten. Wer das Pensum abschätzen will, muß das sichtbare Treppenquantum also mal vier nehmen. Innen stößt der Besucher, abgeschirmt durch ein Gitter, auf den Sarkophag eines Priesterkönigs.

Palenque soll, das schreibt die Literatur, die einzige Pyramide sein, die in ihrer Funktion als Mausoleum ägyptischen Pyramiden ähnelt. Ansonsten bildeten die meisten Pyramiden urspünglich Sockel für kleine, hüttenähnliche Tempel. Übrigens: Vorsicht mit dem Ausdruck "Maya"-Pyramiden. Man muß genau unterscheiden zwischen Perioden, wissen, ob und wann der Platz von den Mayas verlassen wurde, ob es Olmeken, Tolteken bzw. - zuletzt - Azteken waren. Anders als die Inkas, die in den Anderegionen Südamerikas ein straff geführtes, zentralistisches Reich errichteten, bildeten sich in Zentralamerika zumeist Stadtstaaten, die gelegentlich, aber immer nur für nur kurze Zeit, zu einem politischen Verbund zusammengefaßt wurden. Dadurch blieben die Strukturen viel pluraler, und verschiedene Kulturen konnten nebeneinader bestehen.

Die Tempel auf der Spitze der Pyramiden sollen, wie gesagt, den Mayahütten mit ihren spitzen Strohdächern ähnlich gesehen haben, so jedenfalls eine Vermutung, denn im Gegensatz zu den Treppenstufen hat sich keine dieser Hüttentempel erhalten. Die Hütten dagegen kann man sehr wohl heute noch besichtigen, wie es übrigens auch heute noch reinrassige Mayas gibt. Sie tragen helle, fast weiße Ponchos. Sie wirken fast wie Mitglieder einer Sekte, wenn man sie das erste Mal sieht. Im Laufe der Zeit wurden die ursprünglich kleinen Pyramidenanlagen immer wieder überbaut und erhöht. Die berühmte Jaguarstatue von Chichen-Itzà etwa wurde in einer dieser überbauten Substrukturen im Innern der Pyramide gefunden.

Die Pyramide von Palenque gilt in ihrer Form als die schönste und ausgewogenste. Das richtige Verständnis für die Bedeutung dieser Bauten ist bei mir, um ehrlich zu sein, erst im nachhinein durch die Lektüre eines Standardwerks aus der Feder des amerikanischen Maya-Spezialisten Coe entstanden, das ich in einer Buchhandlung erstanden habe. Der zweite Teil der Reise ist von diesem Wissen stärker mitbeeinflußt worden.

Natürlich macht man sich beim Anblick der Bauten auch nicht frei von dem, was man über die weithin bekannten massenhaften und unendlich grausamen Opferrituale wie auch die Praxis der Verstümmelungen und Selbstverstümmelungen, die diese Kulte zur Zeit der spanischen Entdeckungen prägten, liest und weiß. Es mag weit hergeholt sein. Aber mitunter schleicht sich während der Reise der Gedanke ein, daß manches von diesen Ritualen und der Todessehnsucht der ursprünglichen Einwohner in den perversen Essgewohnheiten heutiger Mexikaner nachlebt: Tabasco und Zitrone in den Café, ätzendscharfe Saucen, Tequila und Mezcal, Bonbons mit Pfeffer usf.

Der Versuch, sich einen Eindruck von der Welt hinter den Pyramiden zu machen, leidet neben individuellen Wissenslücken und - in praktischer Hinsicht - den vielen Touristen auch an fehlenden Inschriften und der Seltenheit bildlicher Darstellungen. So erscheinen die Bauten primär als blanke Machtarchitektur. Sie sollen sich strikt nach den Einsichten der Astronomie und den Regelmäßigkeiten des Kosmos gerichtet haben. Die Aufschlüsselung dieser Zusammenhänge ist eine Wissenschaft für sich, hoch-abstrakt. Ein gefundenes Fressen für den auch in Mexico existierenden Typus pensionierter Mathematik-Lehrer, von denen sich einige immer wieder daran versucht haben.

Viel, was die Sache gewissermaßen spannend machen würde, fehlt bislang an Wissen. Man durchschaut zwar einigermaßen die Konstruktionsprinzipien und ihre Funktion, aber kaum ihre Bedeutung, weiß wenig über die Entwicklung der Priesterkaste, über ihr Verhältnis zu den anderen Klassen der Gesellschaft. So wirkt das Wissen eigentümlich statisch, dynamisiert allein durch gewisse Einsichten über Abfolgen von Kunststilen in der Keramik. Eine präzisere Datierung, die der Geschichte Fleisch verleihen würde, in der sich Epochen in Jahre auflösen, Strukturen in Personen, fehlt noch weitgehend. Ein Durchbruch in der Entzifferung ist gerade erst erfolgt.

Die Rolle der Spanier in diesem Zusammenhang ist ausgesprochen ambivalent. Die wichtigste Quelle bilden nach wie vor die Schriften eines gewissen Bischofs Lauda. Seine Darstellungen sind bis heute ein Muß für jeden Maya-Forscher. Die katholische Kirche besaß die Eigenart, den Erfolg ihrer Missionstätigkeit durch eine möglichst umfassende Beschreibung des Statusquo ante zu demonstrieren. Von Lauda weiß man jene entscheidenden Eckdaten, die die Synchronisierung des Maya-Kalenders mit dem Julianischen erlaubten. Von ihm stammen die Namen der Gottheiten und Erläuterungen zur Eigenart des alten Kalenders. Das Jahr hatte 13 Monate à 20 Tage bzw. 18 Monate à 21 Tage, und fünf einzelne Tage, die durch Feiern zu überbrücken waren. Lauda hat auch Chichen-Itzà gesehen und überhaupt viel von den Abläufen der Feiern und Rituale notiert, die damals noch im Vollzug waren. Der religiöse Aspekt des Maya-Lebens war es, der ihn interessierte. Lauda verwandte seine Schriften später auch als persönliche Verteidigungsschriften vor den Richtern des Königs von Spanien. Andererseits ließ er unschätzbares Quellenmaterial, die heiligen Bücher der Mayas etwa, systematisch als Teufelszeug verbrennen. Überhaupt nur drei bzw. vier Schriften sind eher zufällig überliefert. Die Echtheit des vierten in New York aufgetauchten Maya Codexes ist umstritten. Die berühmteste Schrift ist übrigens der sogenannte Codex Dresden. Erst in jüngster Zeit hat sich die Einsicht durchgesetzt, daß die Mayas überhaupt so etwas wie eine profane Geschichtsschreibung kannten. Einzelne Stellen in dem Codex bezeichnen Geburts- und Todesdaten individueller Herrscher, die damit überhaupt zum ersten Mal Konturen gewinnen. Im Prinzip würde sich die angebliche Besessenheit der Mayas mit ihrem Kalender vorzüglich zur chronologischen Rekonstruktion ihrer Geschichte eignen. Allerdings scheint es, daß ihnen selbst ein solches historisches Bewußtsein abging. Sie begriffen sich, so die Deutung bis jetzt, nicht als Produkte einer langen Entwicklung wie etwa Römer oder Griechen und übrigens auch die Inkas. Ihren Referenzrahmen bildete vielmehr ein wiederkehrender Zyklus von 52 Jahren. Eine faszinierende Vorstellung, wenn sie denn stimmt.

TULUM    

Auf gut ausgebauten Straßen gelangen wir nun mitten ins Zentrum des Mayalandes, die Halbinsel Yucatan. Dabei steuern wir geradewegs auf ein Hauptobjekt mexikanischer Fremdenverkehrswerbung zu: die Tempelruinen von Tulum nicht weit von Cancún und den Islas de las Mujeres direkt am Golf von Mexico gelegen. Die Hochglanzfotos von schneeweißen Tempeln vor dem Hintergrund eines klaren, smaragdgrün schimmernden Ozeans, die ich in einer deutschen Zeitung zuvor gesehen habe, waren eindrucksvoll. In diesem Fall läßt die Wirklichkeit die Bilder hinter sich. Zwar ist die Anlage nicht besonders groß und bedeutend und durch die Erosion von Wind und Wetter stärker verwittert als anderswo. Aber das Ensemble von Architektur und Natur ist schlichtweg atemberaubend.

Tulum

Die Historiker haben, wie angedeutet, ein Bild der Mayas entworfen, das sie als Sklaven des kalendarischen Zeitrhythmus erscheinen läßt. Termiten gleich, unterstellt man ihnen, bearbeiteten sie ihr Land und exerzierten religiösen Rituale wie die gesichtslosen Massen in Fritz Langs 'Metropolis'. Schaut man auf dieses Gesamtkunstwerk, drängt sich einem unwillkürlich die Frage auf, ob es nicht einfältiger Hochmut ist, anzunehmen, den Erbauern dieses Zentrums sei die Schönheit dieses Ortes, den sie für ihren Kult wählten, nicht aufgegangen? Romantisches Naturempfinden war ihnen zweifellos fremd, und dennoch. Es existieren zu viele Bauten an vergleichbaren Orten in dieser und anderen Kulturen, als daß der Zufall für solche Auswahl eine plausible Erklärung abgäbe. Ist es falsch anzunehmen, daß es ein ästhetisches Grundempfinden bei sensiblen Menschen gegenüber der Natur und der Landschaft zu allen Zeiten gegeben hat?

ISLAS DE LAS MUJERES    

Wir haben eine Pause verdient, ist der vorherrschende Eindruck. Der dafür ausgesuchte Ort hat sich allerdings in meiner Erinnerung vorzugsweise deshalb gespeichert, weil er eines der Probleme des modernen Mexico in verdichteter Form verkörpert: das einer halbbmodernen Wegwerfgesellschaft.

An Cancún vorbei, dessen mit Betonklötzen verschandelten Stränden inmitten eines völlig flachen, ausgedörrten Hinterlandes ich nicht viel abgewinnen kann, steuern wir auf die Fähre zu, die uns auf Islas des las Mujeres bringen soll. Eine Bekannte, die vor vier Jahren hier war, selbst Lateinamerikanerin und mit vielen außergewöhnlichen schönen Stränden in der Karibik vertraut, hat sie mir empfohlen. Die Fähre braucht kaum zwei Stunden für die Überfahrt.

Islas de las mujeresUm es kurz zu machen: der Hauptstrand ist nicht mehr zu benutzen. Er steckt so voller Müll und vor allem voller Glasscherben, das kein unbedachter Tritt mehr möglich ist. Doch nicht nur der Strand ist zu einer Müllhalde verkommen. Flaschenstümpfe ragen auch im flachen kristallklaren Wasser überall aus dem Sand. Man schwimmt zwischen Plastiktüten und Üblerem. Im Dorf mache ich mir die Mühe und gehe zur staatlichen Tourismusverwaltung. Es dauert zehn Minuten, bis die jungen Männer sich die Zeit nehmen. 'Das Problem ist uns bekannt', heißt es dann, weniger aggressiv als resigniert. "Aber die Stadtverwaltung tut einfach nichts."

An verblichenen Schildern, gestrichenen Attraktionen, merkt man, daß das Publikum sich gewandelt hat. Aus dem Fünf-Sterne, ist der Vier-Sterne, der Drei-Sterne schließlich der Rucksacktouristenort geworden. Hier wie an vielen anderen Stellen entpuppt sich Mexiko als Land einer rücksichtslosen, völlig unreflektierten Ex-und-Hopp-Mentalität gegenüber der Natur. Nach dem Muster eines primitiven Beutekapitalismus investiert man einmalig, schöpft rasch ab und verschwindet, aber man reinvestiert und erhält nicht - von Ausnahmen abgesehen. Traumhafte Plätze sind scheinbar noch im Übermaß vorhanden. Hat man sie abgeweidet und zugemüllt, zieht die Karawane weiter. Vieles hängt an der lokalen Verwaltung, und die ist seit einem halben Jahrhundert in der Hand der PRI, der "Partei der institutionalisierten Revolution", wie sie sich bezeichnenderweise selbst apostrophiert: durch und durch korrupt und unfähig.

Einige Kilometer vom Hauptstrand entfernt finden wir schließlich noch ein halbwegs intaktes Korallenriff, das förmlich zum Schnorcheln einlädt. Ich bin nicht darauf vorbereitet. Aber da Claudio skeptisch ist, was ihn erwartet, leiht mir seine Brille. Es ist meine erste derartige Erfahrung. Seltsam, so lange man von oben auf das Wasser blickt, nimmt man nur wenige Fische wahr, doch sobald man den Kopf auch nur kurz unter Wasser hält, realisiert man dichte Schwärme, die einen kaum handbreiten Sicherheitsabstand zum Schwimmer halten. Anfangs bewege ich mich vorsichtig, zögernd, im fremden Element, bis ich bemerke, daß die Fische, so dicht sie auch kommen, nie zu fassen sind. Das gibt das nötige Vertrauen, nicht angeknabbert zu werden, und ich verbringe die nächsten drei halben Tage in der Hauptsache unter Wasser.

Der letzte Abend, die letzte Nacht, machen das Problem noch einmal klar. Nebenan dröhnt eine Disco gnadenlos bis vier Uhr in der Früh. Um sechs Uhr ist die Nacht zu Ende, wir müssen im Eiltempo auf die Fähre. Die Schlange ist schon lang. Trotz Dusche bleiben die Augenlider bleischwer. Ich gestehe meinem italienischen Mitreisenden Claudio, daß ich zeitweise an Mord gedacht und darüber gegrübelt habe, mit welchen technischen Maßnahmen sich die Elektrizität im Dorf ausschalten läßt. Alte Sabotagetricks seien mir in den Sinn gekommen. Warum ich ihn nicht angesprochen hätte? Er habe über Ähnliches sinniert.

CHICHEN ITZÀ, UXMAL    

Abgesehen von Palenque ist Chichen Itzà wohl die bekannteste Tempelanlage. Man erreicht sie nach gut vier Stunden Autofahrt von Cancún aus. Sie liegt nahe der Westspitze Yucatans. Als wir ankommen, steht die Sonne bereits im Zenith. Was um Himmels willen hat die Menschen angetrieben, derartige Anlagen unter solchen klimatischen Bedingungen zu errichten? Immerhin hatten sie die Hängematte schon erfunden.

Es ist uns zur Gewohnheit geworden, Getränke wie Coca Cola und andere nicht kalt, sondern "al tiempo", also so warm wie die Umgebungstemperatur zu ordern. Viele Mexikaner machen das ähnlich. Das reduziert die Gefahr einer Darminfektion, wobei bei mir allerdings nicht viel zu reduzieren ist. An diesem Tag verbrenne ich mir die Kopfhaut, so daß ich seitdem mit einer Brandwunde auf dem Kopf einherspaziere. Während ich auf halber Höhe auf einer der Pyramiden in dieser weit ausgedehnten Anlage sitze, entdecke ich zu meiner Überraschung neben mir einen kleinen Wasserstrahl. Die Suche nach dem Ursprung führt zu meiner Achselhöhle, aus der das Wasser in einem geschlossenen Rinnsal heraus läuft.

Chichen Itzà gehört zu jenen Orten in der Welt, bei denenman sich als Europäer beim Umherwandern einem "Aha-"Erlebnis nach dem anderen hingeben kann, denn man stößt unweigerlich auf vieles, was einem bereits irgendwann einmal im Laufe des Lebens aus unzähligen Büchern und Artikeln über den Weg gekommen ist. Da wäre der Opferstein in Leopardenform, der Ballspielplatz, auf dem zwei Mannschaften um den Tod spielten -, die hier vorhandenen Reliefs verdeutlichen, was demjenigen blühte, auf dessen Feld der Ball zuerst den Boden berührte, - das sogenannte Observatorium, ein Kuppelbau, der Jaguargott im Innern der zentralen Pyramide und der berühmte Brunnen, in den man die Opfer mit gebundenen Händen stieß u.v.a.m.

Weniger bekannt als Chichen Itzà, unter architektonischem Aspekt aber noch reizvoller, erscheinen mir die Pyramiden von Uxmal. Sie liegen nicht weit von Chichen Itzà entfernt, sind steiler, scheinbar noch höher und vor allem außergewöhnlich rund.  uxmal Sie wirken wie künstliche Hügel und erlauben einen phantastischen Blick über das weit und breit flache Land Wahrscheinlich war das im letzten auch ihr Zweck. Dorthin, wo Touristen heutzutage schwitzend steigen, gelangten einstmals nur der Priester und sein Gefolge. Er wird den Blick von oben genossen haben. Es ist nicht schwer nachvollziehbar, wie sehr diese Aussicht, das Zusammenschrumpfen der Welt unter ihm, das Gefühl einer höheren Berufung gestärkt haben muß.

RICHTUNG MEXICO CITY     

CAMPECHE   

Der Weg zurück nach Mexico-City, 3000 Kilometer liegen inzwischen hinter uns, verläuft entlang des Golfs von Mexiko in Sichtweite der Bohrtürme. Auf der asphaltierten Landstraße, die neben dem Strand verläuft, erwartet uns eine jener Überraschungen, die die Autofahrt zu einem handfesten Abenteuer werden lassen. An den ausgerissenen oder umgeknickten Bäumen und Mangroven ist über Stunden vom Wagen aus zu erkennen, daß hier vor nicht allzu langer Zeit ein Wirbelsturm gewütet hat. Dennoch trifft uns das Folgende völlig unvermittelt. Die Straße ist weg. Weg! Vor uns biegt sich das ausgezackte Ende der Teerdecke unvermittelt nach unten, dahinter ist nichts mehr zu sehen. Nach der Vollbremsung rutschen wir beunruhigend lang auf dem Flugsand in Richtung auf das große Loch. Zwei, drei Meter fehlen noch zum kinogerechten Showdown. Das Loch ist zwar "nur" anderthalb Meter tief und durch Sand gepolstert, dafür aber zehn Meter lang. Es hätte für ein Kurzprogramm mit einfachem Überschlag und anschließender Schraube allemal gereicht. Ein Schild, eine Absperrung? Fehlanzeige. Rechts liegen einige Bretter auf der Böschung zum Strand hin. Wir nehmen es als Hinweis, herunter auf den breiten Strand zu fahren. Aber wie weiter? Kein Hinweis findet sich, auch nicht bei näherer Untersuchung. Die Straße ist schlichtweg nicht mehr da. So ungefähr stellt man sich das Ende der Welt vor, wo sie mit Brettern vernagelt ist. Um nicht stecken zu bleiben, entschließen wir uns, hart am Wasser entlang zu fahren, dort, wo die Wellen auslaufen und der Sand flach und hart ist. Nach vier, fünf Kilometern kommt die Landstraße wieder in Sicht. Mithilfe einiger Bretter kehren wir auf den Asphalt zurück.

Kurz vor Tuxtla Gutierrez, einer Ölarbeiterstadt, die wir am Abend erreichen wollen, erwartet uns noch eine Szene, die aus einem Horrorfilm stammen könnte. Vor uns ist die Straße übersät mit schwarzen Flecken, die sich Richtung Strand bewegen. Ein, zwei Kilometer dauert das Schauspiel schon an, bis ich realisiere, daß es sich um Millionen von großen Krabben handelt, die aus dem Wald auf den Strand wechseln. Wenn nun der Motor ausgeht, und wir dazwischen aussteigen müssen - der Gedanke läßt einen schauern.

DER UNFALL    

Nach meiner Erinnerung muß es zwischen sieben und acht Uhr abend gewesen sein. Wir sitzen beisammen in einem Lokal und diskutieren am runden Tisch unsere weiteren Pläne und Wünsche. Der Zweck unserer Verabredung vor Beginn der Autofahrt ist nun fast errreicht: die gemeinsame Rundreise durch den Süden Mexicos nähert sich dem Ende. In zwei Tagen werden wir zurück in Mexico City sein, dann bleibt uns noch knapp eine Woche bis zum Rückflug. Das italienische Paar hat sich an den Wagen gewöhnt und will den Komfort auch in der letzten Woche nicht mehr missen. Ob wir nicht mitkommen wollen? Meine Mitreisende schwankt. Sie denkt an die atmosphärischen Störungen, die sich auf engstem Raum und bei den äußeren Belastungen beinahe zwangsläufig ergeben haben. Mir geht anderes durch den Kopf. Ich kann nicht sagen, was es im einzelnen war: der riesige Pferdkadaver, auf den wir unmittelbar hinter einer Kurve fast aufgefahren sind, weil sich niemand darum gekümmert hatte, ihn von der Landstraße zu bringen, der verlassene, lichterloh brennende Bus, der von den Dorfbewohnern ausgeplündert wurde, während wir kopfschüttelnd daran vorbei fuhren, die unzähligen Kreuze an den unbefestigten Kurven der Bergstraßen, die abgerissene Straße am Meer oder jener ältere Mexikaner mit indianischem Einschlag, den ich gerade noch am Vortag vom Bürgersteig aus durch das offene Wagenfenster beobachtet hatte. Ohne Zweifel sah er den Wagen vor sich. Er hatte alle Zeit der Welt, um anzuhalten, aber er hielt stoisch darauf zu und bohrte sich wie ein unabwendbares Naturereignis dem Hindernis langsam mit seinem altersschwachen Kombi in die Seite. Ich erinnere mich an sein Gesicht, seine Gottergebenheit, die offensichtliche Unfähigkeit, schnell zu reagieren wie mir überhaupt auf dieser Reise bewußt geworden ist, daß schnelles Denken und Handeln, die Fähigkeit "Umzuschalten", typischerweise ein Begriff aus dem Arsenal moderner Technik, eine zivilisatorische Übung sind und kein natürliches Phänomen. Ich gebe zu, wir sind oft schnell gefahren, zu schnell für die Straßen und diese Menschen, die so träge reagierten. Es war eben ein Riesenprogramm, das wir uns gestellt haben, und da waren natürlich auch die europäischen Maßstäbe und Sichtweisen, die uns im Umgang mit Land und Leuten letztlich nie verlassen hatten. "Wir haben Glück gehabt, unverschämtes Glück. Wir sollten einen Punkt setzen, ich, jedenfalls, will nicht mehr weiter mit dem Auto fahren." Wir kommen überein, uns bei der Ankunft in Mexico-City bis zum Abflug zu trennen, so daß jeder noch ein paar Tage frei für seine Interessen hat. Bis dahin bleiben noch anderthalb Tage.

CHOLULA    

Am nächsten morgens fahre ich als erster, dann Claudio. Am Nachmittag bin ich wieder dran. Nach dem Mittagessen in einer kleinen Stadt, die mir durch das bunte Dach der Kirche in Erinnerung geblieben ist, kommen wir durch trockenes, kakteenbestandenes Hügelland, Postkarten-Mexiko, das erste Mal. Gegen abend, kurz vor Cholula tauchen linkerhand Vulkane auf. Anfangs ist nicht auszumachen, ob es sich um Wolken oder Berge handelt. Dann ein Schild links ab Richtung Puebla. Es ist eine breite, gut asphaltierte Straße. Minuten später passiert es dann. Alles geht ganz schnell.

Meine eigene Erinnerung an diese Momente ist nicht sehr genau, ich bin vielleicht auch schon zu abgespannt, oder der Schock hat die Erinnerung verwischt. Ein Fahrradfahrer taucht auf an der rechten Straßenseite, wie Dutzende zuvor. Es ist ein Junge, kleingewachsen, von vierzehn, fünfzehn Jahren. Er fährt nicht sehr schnell. Dann zieht er links auf die Straße. Einfach so, ohne Anzeichen, als liefe alles zwangsläufig ab. Tausend Gedanken. Ich habe es gewußt, daß das passieren würde, es mußte so kommen. Nein, nicht, das Schlimmste ist eingetreten. Du hast jemanden getötet. Ich wundere mich. Sekunden später schon. Warum stehe ich ganz auf der linken Seite der Fahrbahn, vor mir drei, vier entgegenkommende Autos, die anhalten? Ich habe beim Ausweichen und Bremsen die ganze Fahrbahn überquert, sagt mir Claudio später. Warum bin ich so ruhig? Er ist tot. Tot. Claudia, die Italienerin, hinten im Wagen schrie schrill, jetzt heult sie nur noch. Ich steige aus, zögernd, will mich der Sache stellen, gehe zurück, dort, wo der Junge, nachdem ihn der Wagen hochgewirbelt und quer über die ganz Straßenbreite geschleudert hat, auf dem linken lehmigen Randstreifen aufgeschlagen ist. Ich bin zehn Meter von ihm entfernt, da bewegt sich etwas. Ich glaube es nicht. Er muß schwer verletzt sein. Der Wagen hat ihn frontal getroffen. Dann setzt er sich, quält sich hoch, Schürfwunden sind zu erkennen, aber er steht. Ein Wunder, wirklich ein Wunder. Ich glaube es noch nicht, aber er bleibt wirklich stehen.
"Que se vayan, mejor que se vayan." Gehen sie bitte, gehen sie! Er fühlt sich schuldig. Es hilft mir in dem Moment, weil es mich entlastet. Er ist gebückt. Ich streiche spontan über seine Haar, er merkt es nicht, niemand versteht das. Drei Arbeiter kommen als Zeugen hinzu. Für sie ist der Gringo schuld. Dann löst sich die Situation. Ein Mann gesellt sich zu uns aus einem der Wagen hinter mir. Er sei Doktor, sagt er. Er ordnet an. Der Junge solle Arme, Beine bewegen, Kopf zurück, das Knie tut ihm noch weh, aber er hat wirklich nichts gebrochen. Ich rechtfertige mich. Der Arzt erzählt, ihm sei dergleichen schon dreimal passiert. Ich nehme alles auf, atme durch. Die Zeugen sind gegen mich. Was sie sagen, ist nicht klar, aber die Sympathie ist bei dem Jungen, nicht bei dem vermeintlich reichen Ausländer. Der Arzt rettet die Situation. 'Ihr seid vielleicht welche! Typisch für Euch, abzubiegen, ohne zu gucken'. Ganz die Autorität des Landarztes - der Patriarch mit seinen Kindern. Die Zeugen ändern ihre Meinung. Ja, der Junge habe überhaupt nicht geschaut. Der Arzt spricht mit mir auf englisch. "Where do you life?" Er meint "live". Deutschland macht keinen guten Eindruck. Man vermutet Geld. Ob ich ihm Geld geben solle? frage ich ihn. Er meint 40 Dollar seien genug. Ich zögere. Habe ich so viel Geld überhaupt dabei? Wie viel sind 40 Dollar? Kopfrechnen funktioniert einfach nicht mehr. Ich frage den Jungen, er murmelt 6 für 6.000. Ich suche in meiner Tasche finde 5.000. Der Arzt nimmt sie, meint, es sei genug. Ich nehme wieder 5.000 gebe sie dazu. Später werde ich mich ärgern, ihm nicht mehr gegeben zu haben, aber ich habe im Moment keinerlei Empfinden für irgendwelche Proportionen. Ich bin ganz in Verteidigungsstellung. Mitgefühl stellt sich erst am abend mit Abstand ein. Der Arzt will seine Adresse aufschreiben. Ich schicke Claudio, ich kann nicht schreiben. Der Arzt will mir die Hand geben, ich bekomme sie einfach nicht hoch, ich zittere, er nimmt sie mit der zweiten Hand. Er werde nach dem Jungen schauen, wir sollen anrufen. Erst später empfinde ich Dankbarkeit ihm gegenüber. Er hat die Situation für uns gerettet, und es ermöglicht, daß wir weiterfahren konnten. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wären irgendwelche korrupte Sheriffs mit ihren Machoallüren hinzugekommen. Weg, nur weg, ist jetzt der Impuls, wozu uns auch der Arzt dringend rät. Claudio fährt den Rest der Strecke bis Cholula. Es kommt mir wie eine Flucht vor, aber es tut gut.

In den nächsten Tagen kommen die Bilder immer wieder. Der Radfahrer hat eine Bewegung nach links gemacht, dabei geschaut, und ist dann wieder nach rechts geschwenkt, so als habe er uns gesehen. Deshalb war ich so überrascht, als er uns ins Auto fuhr. Er hat offenbar mit der Bewegung nur ausgeholt. Aber warum wollte er gerade an dieser Stelle wenden, wo doch kein Weg, kein Haus, nichts da ist, nur eine schnurgerade Landstraße. Er ist so scharf abgebogen, daß er schon auf der linken Seite des Autos war, als ich bremste. Dort ist die Stoßstange leicht verbogen. Selbst das Fahrrad hat dem äußeren Anschein nach nicht viel abbekommen. Er muß weit durch die Luft geschleudert worden sein. Der Käfer mit seiner runden Haube hat ihn in die Luft gehoben und sehr weit getragen, so weit, daß er nicht auf dem Asphalt der Straße, sondern auf dem Lehmboden der anderen Straßenseite aufgeschlagen ist. Es bleibt ein Wunder.

Abends in Cholula ist die Stimmung ist so gedrückt wie nie zuvor während der Reise. Etwas hat sich entladen. Auch die Rücksicht aufeinander ist zurückgekehrt. Wir gehen alle geradezu behutsam miteinander um. Claudio schlägt vor, die Kirche oben auf dem Hügel zu besuchen. Langsam gehen wir den steilen Weg bergan. Dieser seltsame Hügel in der Ebene ist, ich lerne es erst später, in Wahrheit eine von den Spaniern zugeschüttete riesige Pyramide. Cortez hat sich in den Gassen Cholulas eine der entscheidenden Schlachten mit den Azteken geliefert. Die Kirche auf der Pyramide ist ein Symbol des endgültigen Sieges über die Ureinwohner. Es ist still, als die Sonne am Horizont verschwindet und den Himmel in leuchtende Farben taucht. Eigentlich ein wunderschöner Abend, doch alles bleibt in diesem Moment äußerlich. In der alten Kirche brennen neben dem Eingang viele Kerzen. Mir ist danach, eine dazu zu stellen.

Mexico City    

Der Unfall verändert unseren Wahrnehmungen. Wie viel Glück wir tatsächlich gehabt haben, führt uns ein weiteres Ereignis vor Augen, als wir aus den Bergen nach Mexico-City einfahren. Um uns zu orientieren, halten wir am Straßenrand, wo eine Gruppe von Polizisten zusammensteht. Keine gute Idee. Während einer uns den Weg erläutert, gesellt sich ein zweiter kleiner, feister Kollege hinzu. Er wartet, bis der andere verschwunden ist. "Ihr habt eine weiße Linie überfahren. Das ist ein schweres Vergehen. Ich bin großzügig. Es kostet nur 14.000 Pesos." Ich will ihm an die Gurgel. Die anderen halten mich zurück. Ich steige aus, rede auf ihn ein. Das sei Erpressung. Er droht damit, unseren Wagen zu beschlagnahmen und uns zum nächsten Richter zu führen. Ich will es darauf ankommen lassen, er geht auf 10.000 Pesos herunter. Claudio nestelt sein Portemonnaie, damit ist jeder Widerspruch zwecklos. Ich könnte kotzen. Die anderen Polizisten haben sich während dieses organisierten Überfalls demonstrativ von uns weggewandt und lassen uns mit dem Kollegen allein.

Mir reicht es endgültig mit dem Autofahren. Allein, die Episode vermittelt einen gewissen Eindruck davon, was geschehen wäre, hätte sich gestern ein solcher Polizist zum Unfall dazu gesellt.

Eine Stunde später sind wir am Flughafen, um den Wagen abzugeben. Die Beule an der vorderen Stoßstange wird von den Angestellten achselzuckend übergangen. Wenn es weiter nichts ist, soll das wohl heißen. Wir suchen uns gemeinsam ein Hotel in der Innenstadt. Es herrscht Smog. Genaugenommen herrscht immer Smog in Mexico-City. Die Luft steht im Talkessel, verpestet von schwefelhaltigen Benzinausdünstungen. Die staatliche mexikanische Petrolgesellschaft weigert sich, das Benzin für den nationalen Markt auf internationalen Standard zu bringen. Man schmeckt die Abgase buchstäblich auf der Zunge.

Abends wandern wir durch die Stadt. Es ist der erste Gang, denn am Anfang unserer Reise waren wir bestrebt, so schnell wie möglich aus Mexico-City herauszukommen. Wir stoßen auf den zentralen Platz, schlendern unter den Arkaden, beobachten Schuhputzer, Maler, während es langsam dunkel wird. Auf einer Straßenseite steht ein großes älteres, aber nach wie vor exklusives Hotel. Die riesige Halle ist überwölbt von einem Glasdach im Jugendstil. Ich schlage vor, einzutreten. Tatsächlich läßt uns der Diener vor der Tür hinein. Im Innern sind Geschäfte und vor allem eine Bar mit Musik. Wir nehmen Platz, bestellen ein paar Drinks und verbringen die nächsten Stunden damit, einer Band zuzuhören, die mexikanische Mariaches spielt. Das hier ist ein Anklang an die Clichés der Postkarten und US-Western. Seine Hauptdarsteller sind kleinwüchsige, weißgekleidete, rundliche Gauchos mit großem Schnurrbart, riesigen Bassgitarren, Geigen und schmelzendem Timbre. All das hat mit Mexiko so viel zu tun wie Schuhplattler mit der Bundesrepublik. Es ist Folklore für Touristen zum Genießen und Abschalten.

Und noch etwas unternehmen wir: wir besuchen das berühmte Museum de Antropologia im Zentrum. Das Museum ist eindrucksvoll komponiert. Ich kenne keines, in dem Idee und Architektur in so perfekter Deckung sind. Es ist als Rundgang um einen Innenhof herum auf zwei Ebenen angelegt. Unten besichtigt man die kulturellen Zeugnisse der Vergangenheit, genau darüber sind, Region für Region, Exponate der heute noch lebenden Indiokulturen angeordnet, so daß man in beiden Richtungen vergleichen kann. Natürlich findet sich hier auch viel, was eigentlich nach Yucatán, nach Palenque, Chichen Itzá etc. gehört. Hier ist es eingeordnet, kommentiert, aus nächster Nähe zu besichtigen. Wir sind noch voller Eindrücke von den Originalplätzen, so daß die gedankliche Verbindung nicht schwer fällt. Auch hier gibt es schaurige Details: große Becken zur Aufnahme der von den Priestern herausgetrennten Herzen u.ä.

Physisch bin ich mausetot. Der Schock, wenig Schlaf, die ständigen Durchfallerkrankungen, ich nehme jede mögliche Sitzgelegenheit im Museum wahr. Der beherrschende Eindruck von Mexico-City bleibt aber die abartig schlechte Luft. Trotz Sonnenscheins ist der Himmel nicht zu sehen. Die Augen brennen, und die Sicht ist begrenzt wie an einem Nebeltag. Erleichtert steigen wir herunter in die Schächte der modernen U-Bahn mit ihrer klimatisierten Luft, die für eine Weile Erleichterung verschafft.

CHIHUAHUA    

Trotz aller Müdigkeit schlafe ich schlecht und bin schon um fünf Uhr wach. Es drängt mich, etwas zu unternehmen. Von allen möglichen Zielen reizt mich am meisten die Eisenbahnfahrt von Chihuahua nach Los Mochis an der Atlantikküste. Wir bekommen kurzfristig noch einen Flug mit der Aereo Mexico nach Chichuahua.

Nach mehr als zwei Stunden Flug kommen wir mit 45 Minuten Verspätung dort an. Zeitweilig wackelt es kräftig. Das Licht für die Sicherheitsgurte geht nie aus. Immerhin schaffen es die Stewardessen doch noch ein Essen zu servieren. Mir geht es immer noch nicht viel besser, also beschränke ich mich aufs Fleisch. Die Maschine ist unglaublich voll. Als alle aufstehen, frage ich mich unwillkürlich, wo diese Masse Mensch in diesem winzigen Flugzeug geblieben ist. Temperatur und Luft sind ungleich besser als in Mexico. Der Flughafen ist 20 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Nicht die Angabe auf dem Straßenschild, sondern wiederum die im South American Handbook stimmt. Es ist ein gutes Gefühl, auf die Frage des Fahrers "Zu welchem Hotel" mit Namen und Straße antworten zu können und dabei einigermaßen konkrete Vorstellungen von Qualität und Preis zu haben, egal, ob man in Mexico-City oder einem 800-Seelen Dorf in den ecuatorianischen Anden ist.

Mit uns reist eine französische Familie - ganze acht Personen. Einer der Söhne vertilgte neben der doppelten Portion Fleisch und einem weiteren Abendessen auch noch drei Crème-Kuchen, darunter meinen. Das französische "terremoto", zu deutsch "Erdbeben", wie sich die Franzosen dem Fahrer vorstellen, steigt zu uns in den Bus, was Schlimmes ahnen läßt. Wie gegen die Konkurrenz diese Horde nach der Verspätung und zu dieser Stunde, es ist elf, noch ein Hotelzimmer finden? Dann machten unsere europäischen Nachbarn einen entscheidenden Fehler. Eine der äußerst resoluten und souverän spanisch sprechenden älteren Damen, die alles organisiert, äußert etwas von "estacion de ferrocarril" (Eisenbahnstation). Sie meint damit in längerer Umschreibung wohl, daß sie ein Hotel in der Nähe besagter estación sucht. Wer jedoch das Handbook besitzt, weiß, daß sich die Station in der Nähe des Gefängnisses "on the outskirts of the city", wie es dort kurz und präzise heißt, befindet, mit anderen Worten, in der finstersten Gegend Chihuahuas.

Ich gebe zu, daß ich den Anflug eines schlechten Gewissens habe, als der Bus an den dunklen hohen Gefängismauern vorbeifährt. Die so resoluten Franzleute werden auch schon ganz kleinlaut, je finsterer es wird. Und es wird immer finsterer. Einer mault noch, ob das wohl so richtig sei. Aber über drei bis vier Personen schwebt keine kollektive Vernunft mehr. Es regiert nur noch der Herdentrieb. Also werden acht Rucksäcke rausgereicht, und man trottet zögernd auf das abgedunkelte Bahnhofsgebäude zu. Wie einsam es in dieser Gegend ist, wird erst so recht deutlich, als sich unser Colectivo-Taxi wieder in Bewegung setzt und stundenlang benötigt, um aus dem düsteren Viertel herauszukommen. Selbst mir wird am Ende mulmig, weil das genannte Hotel El Cobre zu den letzten gehört, die der Bus kurz vor Mitternacht ansteuert. Das Hotel selbst ist dann tatsächlich eine gute Empfehlung - für 4.800 Pesos mit Aircondition, vernünftigem Bett ausgestattet, sauber, und einem Portier, der uns pünktlich um 5.30 weckt.

Ich entwickle mich Widerwillen langsam zum Frühaufsteher, so oft ist es in den letzten Wochen im Frühtau zu Berge losgegangen. Das Taxi kostet entgegen den pessimistischen Voraussagen nicht 2000, sondern nur 1000 Pesos, und ich werde auch nicht übers Ohr gehauen, wie der Portier fürsorglich voraussagt. Sein Wagen ist im übrigen in einem Zustand, daß er bei uns nicht einmal an einem tiefschlafenden Polizisten vorbei gekommen wäre, ohne stillgelegt zu werden. Die Fahrtechnik dafür 1. Klasse - in wenigen Worten nur schwer zu beschreiben. So verschafft sich der Fahrer, wo nötig, grünes Licht, nicht etwa, indem er einfach durchrast, sondern indem er auf den Bürgersteig fährt, einen eleganten weiten Bogen nach rechts schlägt, wieder auf die Straße einbiegt, das Steuer zu einer 180 Grad-Kurve herumreißt und, man ahnt es schon, vor einer grünen Ampel rechts abbiegen kann. Alles klar? Geht natürlich nur, weil die Straßen um sechs noch menschenleer sind. Alles frühe Aufstehen lohnt sich dann doch nicht, der Zug fährt nicht um 7 Uhr, auch nicht, wie vom Fahrkartenverkäufer vorwitzig behauptet, um 7.45, denn jetzt ist es 8.25 mittelamerikanischer Zeit. Er hat mich gehört. In dieser Sekunde sind die letzten Reparaturen beendet. Der Mann mit Schraubenzieher und Engländer verschwindet im nächsten Waggon, mal sehen, wie lange das Provisorium hält.

DIE EISENBAHNFAHRT    

Woran erkennt man eine mexikanische Toilette? Sie stinkt gegen starken Wind. Scheiße muß hier stinken, sonst stimmt etwas nicht. Wie ich es leid bin. Der Zug wird alle Stunde gefegt - nicht einmal, nicht zweimal, nein, wirklich alle Stunde. Sonst ließen sich die Zwischentüren nicht mehr öffnen. Wohin mit dem Dreck? Gute Frage, auf den Bahnsteig vor die Füße der wartenden Passagiere. Und dort? Bleibt er im Zweifelsfalle liegen. Wo zwei Mexikaner unter sich sind, ist die Müllhalde nicht weit. Es existiert nicht das allergeringste Verantwortungsgefühl gegenüber einer öffentlichen Sphäre. Apfel schmeckt nicht? Man, genauer, Frau spuckt Kippe auf den Fußboden des Zuges. Daß die Kinder sich nicht anders verhalten, wundert kaum. Mexiko ist mit Weißblechdosen in verschiedenen Zerfallszuständen übersät - von glänzend bis platt und rostig. Neben uns, der sympathische Akoholiker, erfüllt ein Übersoll. Er thront inzwischen auf einem Berg von Bierdosen - alle mit Fingerspitzengefühl leicht gedrückt, damit sie nicht weiterrollen. Ausgefeilte Technik.

Gerade ist der Feger ist wieder da. Die Weißblechdosen hat er trotz meines Hinweises präzise umkurvt, verständlich angesichts der Halde anderen Mülls, die er ohnehin nur mit Mühe zum Ausgang weiter bewegt. Ich entdecke eine neue Variante der Entsorgung. Der Müll wird, solange wir an keinem neuen Bahnhof ankommen, in die breiten Ritzen zwischen den Waggons auf die Schienen gekehrt. Damit stellt sich das Recyclingproblem gar nicht erst.

Bemerkung am Rande: Auffällig ist, wie wenig in Mexico Klassen- durch Standesschranken markiert werden. Der Straßenfeger wird von allen geachtet, der Alkoholiker erntet von niemandem herablassende Blicke. Man läßt die eigenen Kinder mit ihm spielen, ohne die Spur einer Besorgnis oder Ermahnung. Der Etagenkellner, der im First-Class-Hotel neben dem Portier steht, übernimmt dessen Funktion und weist die Gäste ein bzw. übernimmt für sie die Formalitäten. Immer wieder: die geringsten Tätigkeiten bzw. deren Träger werden nicht stigmatisiert. Man fühlt sich, so scheint es, kollektiv als "underdog" gegenüber dem großen Bruder im Norden, den die Tageszeitungen voller Überzeugung noch für die Trockenheit verantwortlich machen.

Gestank und Dreck bilden die eine Seite dieser Fahrt und Mexikos überhaupt. Die andere ist ein weiter spektakulärer Tag. Sechs oder sieben Filme, also 250 Photos, habe ich verschossen. Zwölf Stunden lang aus dem Fenster geschaut, ohne mich einen Moment satt zu sehen. Anfangs herrschen weite grüne Ebenen vor, auf denen Pferdeherden weiden. Menschen sind kaum auszumachen. Die Landschaft wechselt in sanftes Hügelland mit Nadelbäumen. Es erinnert entfernt an Kanada oder den Süden Chiles. Zwischen den Bäumen liegen gigantische Kieselsteine, rund geschliffene Felsen, manche an der Spitze ausgekerbt wie Köpfe, dazwischen verlaufen Schotterwege. Immer noch bemerkt man kaum Dörfer, nicht einmal Einzelhäuser. Alles wirkt wie ein riesiger Nationalpark. Gelegentlich lassen sich kleine Nagetiere ausmachen. Allmählich wird die Landschaft schroffer. Die abgerundeten Täler nehmen die Form steiler Canyons an. Sie wirken nicht so extrem wie in den Vereinigten Staaten, weil der Baumbestand erhalten geblieben ist. Wir passieren die "barranca del cobre", offenbar eine Art Wasserscheide. In ganz Mexico ist sie ein Begriff. Der Taxifahrer in Mexico-City gestern spielte darauf an, als er von Los Mochis hörte. An einer der Stationen verkaufen Indios eigene Arbeiten: Weidenkörbe, Holzfiguren, v-förmig eingekerbte und flach, daneben polierte Tierfiguren. Die Stile passen nicht zueinander, ohne daß ich eine Erklärung wüßte. Schließlich bieten sie Ketten, Tambourins und Flöten an. Eine nervt uns seitdem im Zug. Ich habe nichts gekauft.

Die Menschen sind ein ganz anderer Indiotyp als in San Cristobal. Wesentlich verschlossener, sie sprechen praktisch nicht, werben nur durch Gesten für ihre Arbeit. Überhaupt sind sie viel weniger farbenfroh gekleidet als im Süden. Mir kommt der Hinweis auf die 30 Indiodialekte in den Sinn. Die Frauen stillen ihre Kinder ohne Scheu. Ich habe fotografiert, weil sie nicht offen protestierten, aber mit keinem guten Gefühl, eben abfotografiert, was man nicht tun sollte. Die beste Art ist immer noch: einen geeigneten Platz suchen, Interesse für die Menschen und ihre Arbeit zeigen - Teil der Umgebung und des Alltags werden, Zeit haben, nicht mehr auffallen, durch einen Blick, das Einverständnis suchen und dann erst Fotografieren, als ob man selbst arbeitet. Auch danach ist es wichtig, ruhig zu bleiben, den Blickkontakt wieder zu suchen. Man sieht es den Bildern sofort an.

Die Hütten der Indios erinnern an die der Pueblo-Indianer. Die Balken zur Verstärkung der Dächer ragen vorne heraus. Die Häuser selbst sind fest aus braunen Lehmziegeln gebaut. Das Land scheint in diesem Bereich sehr fruchtbar zu sein. Riesige Obstplanatagen liegen hier. Dicht an dicht hängen rot-grüne Äpfel an den Zweigen. Mais-Plantagen folgen. Im übrigen gibt es in den höheren Regionen viel Holzindustrie.

Im ganzen gesehen ist die Gegend auf der ganzen Strecke sehr dünn besiedelt. Die Eisenbahnarbeiter haben unter den schwierigsten Bedingungen geschuftet. Von einem bestimmten Zeitpunkt ab gab es kein Zurück mehr. Der Bau der Strecke muß viele Jahre gedauert haben. Auffällig ist die große Zahl ausrangierter Eisenbahnwaggons, die nun als Häuser fungieren. Manch einer mag da hängengeblieben sein.

Am Ende wird aus dem Mischwald dichter Urwald. Angeblich soll es dort noch Raubkatzen geben. Man kann es sich gut vorstellen. Bei allem geht mir immer dieselbe Frage durch den Kopf. Welche Motive haben die Spanier dazu bewogen, sich durch dieses absolut undurchdringliche Land zu schlagen. Der unter uns liegende Fluß ist nicht schiffbar, auch am Rand ist er nicht zu begehen. Wer einmal durch ein ausgetrocknetes Flußbett mit großen Kieselsteinen gegangen ist, weiß, wie anstrengend ein paar hundert Meter sind. Die Strecke ist 400 Kilometer lang. Der Urwald, der die Hügel über dem Fluß bedeckt, ist dicht und noch weniger zu durchqueren. Ähnliches läßt sich immer wieder beobachten. Der Weg nach Oaxaca ist nicht viel besser, und auch dort sind die Spanier schon bald gewesen. Hunderte, tausende Kilometer durch kaum begehbares Gelände, jeder Schritt eine Anstrengung, nichts Vernünftiges zu essen, Mückenplage und Malaria, keine klare Vorstellung, wohin die Reise gehen soll. Die Conquista war ein hartes Brot.

Keine Frage, die Fahrt hat sich gelohnt. Theoretisch läßt sich der Abstecher in sehr kurzer Zeit machen. Abends Abflug Mexiko, Mini-Bus Hotel, wecken lassen, 5.30 (El cobre, confirmed) Tickets gab's noch reichlich, abends kommt man mit Glück in Mochis an. Wenn man es drauf anlegt, kann man mit einem Mietwagen morgens in Culiacán sein, wo um 11.00 Uhr die Maschine zurück nach Mexico geht. Übrigens gibt es inzwischen von der Linie Mexicana, einen Service nach Los Mochis, steht noch nicht im Handbook, war trotz Nebensaison eine Woche im voraus ausgebucht. Im günstigsten Falle ist dieser Abstecher also in anderthalb Tagen machbar, das zur Reisetechnik für den ganz Eiligen.

Wie inszeniert, wirkt der prächtige Sonnenuntergang zum Schluß. Der Himmel ist ein Feuermeer.

Culiacan: 26. 8.    

Heute morgen im Hotel Beltrán aufgewacht. Die Portiers waren zwar nicht besonders freundlich, das Bett dafür ausgezeichnet. Ein Fenster geht auf einen schönen hellen Innenhof. Bei der Ankunft hat man mir zunächst ein anderes Zimmer gezeigt, das nach hinten raus ging und in dem sich beim Anknipsen des Lichts gerade riesige Cucarrachas, dick wie Havannazigarren (ich meine die für 25,- DM), verzogen. Drei rasten quer über die Bettdecke, eine weitere überquerte die Kommode, weiter habe ich den Blick nicht schweifen lassen. Ich murmelte etwas von "nicht so toll" auf Spanisch, worauf der Boy meinte, ich brauche nichts zu erklären. Also habe ich mich für das Zimmer mit Blick auf den Busbahnhof entschieden. Um fünf Uhr Mexico-Zeit, um sechs Uhr Mountain-Zeit, es gibt eine Stunde Differenz, wie ich gerade lerne, war die Nacht heute wieder beendet. Trotzdem, mit dem Erlebnis der Reise im Rücken geht es mir fast gut, zumal mich meine Reisebegleiterin gestern den ganzen Tag in Ruhe gelassen hat. Sie mußte. Ich habe unauffällig die Reservierung so gesteuert, daß wir in getrennten Waggons saßen. Tat mir echt leid. Apropos, leid. Gerade stelle ich fest, daß vielleicht zwei Filme verlorengegangen sind, so eine Scheiße.

Ich frühstücke im gleichen Restaurant, in dem ich gestern abend noch für meine Reisebegleiterin hinter einem agua mineral hergelaufen bin. Die Bedienung ist freundlich. Überhaupt sehen die chicas hier ungleich besser aus als in Mexico-City. Die Menschen hier im Norden sind viel größer und nicht so gedrungen wie im Süden. Ansonsten erfahre ich gerade wieder ein Beispiel für Arbeitsteilung auf mexikanisch. Nur ausnahmsweise bekommt man, was man verlangt. Auch heute mittag nicht. Wollte Brust, bekam Hühnerbeine, wollte flan (Pudding), bekam queso (Käse), wollte pinha (Ananas) bekam saudilla (Wurst) usf. Kann wohl kaum an der Aussprache liegen. Vormittags noch einen kleinen Wutanfall angesichts einer weiteren Petisse meiner Reisebegleiterin, bei dem eine Dose draufging. Nachmittags in den als "pleasant" beschriebenen Park - nicht mehr ganz aktuell. Kein Wasser in den Bassins, der Rasen ausgetrocknet, die Bänke zerborsten, Bäume umgestürzt, abgesehen davon kennt kaum jemand den Ort. Dort ergab sich ein längeres Gesprüch mit einem Ingenieurstudenten aus Oaxaca. Er wirkt sehr unsicher. Die Regierung, er dreht sich um, sei "vasura" (Müll). Lopez Portillo habe sein Volk ausgeraubt und sei nun in Spanien. Überhaupt, alle Präsidenten seien Spanier und raubten das Land nur aus. Die Wahlen seien zwar geheim, aber die Wahlkomitées bestünden nur aus den Leuten der PRI. Aber dennoch: El tipo de govierno que representa el PRI (Die Art von Regierung, für die die PRI steht...) sei viel besser als der Sozialismus, denn der bedeute Unfreiheit. Er hatte auch eine Idee von Hitler und schließlich davon, daß es da mal einen Streit zwischen den USA und Deutschland gegeben habe. Daran erinnern sich übrigens viele Mexikaner. Das Stichwort Zweiter Weltkrieg fällt aber kaum jemand ein. Mexico hat eben doch so sehr an der Peripherie gelegen, daß 1945 einfach kein markantes Datum ist.

Ich schütte mal wieder gaseos, also kohlensäurehaltige Erfrischungsgetränke, in mich, ungezählte im Laufe der Reise - heute allein schon fünf. Der Weg zurück aus dem Park geht über den Friedhof an eine Ecke, wo irgendwann tatsächlich der Bus auftaucht. Der Fahrer fährt wie die Seng. Immerhin, das verkürzt die Reisezeit.

Hidalgo kommt in Sicht, von dort aus soll es zum Flughafen gehen. Am Abend probiere ich ein richtiges Restaurant aus. Es nennt sich "Madrid". Nicht billig, nicht teuer, aber das Essen ist Spitzenklasse. Der Ober schafft einen riesigen Fruchtsalat mit Mango heran, es folgen Spaghetti mit weißer Sauce, darauf ein gepflegtes Bier. Das alles kommt mir vor wie 5-Sterne-Luxus nach langer Entwöhnung. Am Morgen habe ich übrigens sicherheitshalber unsere beiden Flüge, den nach Mexico-Stadt und den zurück nach Europa noch einmal bestätigen lassen, ebenda dann auch noch in einer Bar zum Frühstück einen vorzüglichen hot cake vertilgt. Was sich wieder einmal als ein bißchen zuviel des Guten erwies - im Laufschritt das rettende Örtchen im Hotel erreicht. Montezuma läßt einen garantiert nicht verfetten. So viel und so schnell kann man gar nicht essen, daß hier etwas ansetzt. Die Stimmung ist auch sonst gehoben, da G. mal wieder austickt. Hotel ist zu kalt, ich solle ein anderes Hotel in der Nähe der Busstation suchen, damit ihr nicht so kalt sei!? Auf die Aufforderung, die fällige Bestätigung des Fluges selbst zu machen, englisch gehe auch - welch perfides Ansinnen von mir -, herrscht für eine kostbare Minute idyllische Stille. Für das letzte Stück mit dem Bus nach Culiacán zum Flughafen zeichnen sich keine Probleme ab. Praktisch alle Stunde fährt ein Bus. Überhaupt ergeben sich erstaunlich wenige Probleme für den Rest des Tages, abgesehen davon, daß G. noch schnell einen Jungen anbrüllt, der es wagt, ihr das zweite Mal Kekse anzubieten. Im Bus sitze ich neben einer mexikanischen Oma, die superstolz auf ihr superfleißige Enkelin ist. Wenn die Kleine nach Hause komme, könne sie es gar nicht erwarten, an die Aufgaben zu kommen. Die Kleine lächelt bestätigend - armes Kind. Wenn meine Spanischkenntnisse für sehr differenzierte Formulierungen ausreichten, ließe ich jetzt ein paar ironische antiautoritäre Sprüche los.

27.8.1986 Wir befinden uns im Flughafengebäude. Die allgemeine Stimmung ist von großer Nervösität bestimmt. Was für eine Art von Flugzeug wird es werden? Anlaß der Aufregung ist die Tatsache, daß keine festen Sitzplätze zugeteilt wurden. Spricht für einen Viehtransport. Gestern abend waren durchaus Düsenmaschinen zu sehen, aber es gibt hier auch Flüge in die USA nach Tucson. Au, Au, Au - auf uns soll ein Seelenverkäufer warten.

Ich versuche, etwas Eßbares zu beschaffen. Dabei stelle ich gerade zum wiederholten Male fest, daß Tortillas nach lauwarmem Packpapier riechen und schmecken. Daß sich die Mayas für diesen Fraß umgebracht haben, spricht nicht für gehobene geschmackliche Ansprüche. Der Toaster im Flughafen-Restaurant besteht offenbar nur aus einem alten Heizlüfter. Alle 10 Minuten trifft eine Scheibe ein. Am Nebentisch Frühstück auf mexikanisch: Tomatensaft mit jeder Menge Salz und Tabasco. Ein Irrensport. Das Frühstück mit huevos revueltos liegt mir wie ein Stein im Magen. Es geht nichts über ein vernünftiges Essen. Nach mehr als vier Wochen latenter oder offener Spannung mit meiner Reisenbegleiterin, der anstrengenden Organisation der elementaren Lebensbedürfnisse, Leben aus zweiter Hand, erscheint mir die Aussicht auf einen vollklimatisierten, komfortablen holländischen KLM-Jumbo, der mich hier wieder wegbringen soll, als eine absolut reizvolle Perspektive.

Gestern abend hatte ich übrigens noch ein längeres Gespräch mit einem Studenten und Ex-Gerente des Hotels Mission in Creel - einem Gringo-Paradies. Offenbar ist Los Mochis eine außerordentlich populäre Kurzreise für Nordamerikaner. Von dort werden auch Ausflüge zu den Canyons organisiert. Er meinte, ich hätte in Chihuahua viel verpaßt. Es gäbe eine schöne Stadtrundfahrt, von 8 Uhr morgens bis mittags um 1 Uhr. Sie führe auch zum Museum von Pancho Villa, wo das Auto stehe, in dem man ihn erschossen habe, mit all den Einschüssen. Das ist sie wieder die mexikanische Lust am Tod und den dazu gehörigen Details. Außerdem befinde sich dort das Gehurtshaus von Hidalgo, dem Vater des modernen Mexico. Wie wir es drei Wochen in Yucatan ausgehalten hätten, sei ihm schleierhaft. Im übrigen warnt er vor Culiacán. Es gibt viel drug-trafficking, die Mafia habe ihre Stützpunkte in der Stadt. Man solle sehr aufpassen.

DRITTE RÜCKKEHR NACH MEXICO CITY UND ABFLUG    

Schon einmal in den Ausläufern eines Hurricans geflogen? Wir steigen in eine DC 9. Sie kommt gerade von Los Angeles. Es ist für die Maschine der vorletzte Zwischenstopp auf dem Weg nach Mexico-City. Nach dem Steigflug bietet sich ein seltsames Naturschauspiel. Aus dem Fenster erkennt man riesige Wolkendome. Sie reichen von unserer Flughöhe, immerhin 7.000 Meter, bis hinunter auf den Boden. Sie sehen aus wie eine Mischung aus Pech und Schwefel - schwarz-gelb-grün - und haben es buchstäblich in sich. Von Zeit zu Zeit flackert der ganze Turm. Im Innern finden heftige Gewitter statt. Es sollen die Ausläufer eines Hurricans sein. Was immer auch, der Pilot gibt sich alle Mühe, sie zu umfliegen. Die Boeing zieht immer wieder Schleifen von links nach rechts und zurück, mehr wie ein Sportflugzeug als wie eine Linienmaschine auf geradem Kurs. Längst sind die Lichter zum Anlegen der Sicherheitsgurte wieder angegangen. Dann erwischt es uns. Die Maschine durchquert eine der Dome. Von einem Moment auf den anderen ist es stockfinster, obwohl es mittags ist. Zwischenzeitlich geht die schwarze Farbe in die von dunkelgelbem Schwefeldampf über. Es knallt, Blitze zucken. Das Flugzeug wird durchgerüttelt, herauf und herunter gezogen. Mal schwebt man ein paar Zentimeter über dem Sitz, soweit es die Gurte eben zulassen, der nächste Schlag drückt einen tief in den Sitz. Niemand weiß, auf welche Bewegungsrichtung er sich konzentrieren, welche Kräfte er abfangen soll. Jeder ist mit sich beschäftigt. Die Körper bewegen sich wie von unsichtbaren Kräften geschüttelt hin und her. Sekunden der Stille, dann geht der Tanz wieder los. Minuten ziehen sich zu einer halben Ewigkeit. Irgendwann meldet sich der Pilot. Der nächste Flughafen kommt in Sicht. Er zieht die Maschine steil nach unten. Tatsächlich - die Kräfte des Unwetters lassen nach. Auf dem letzten Stück unterfliegt er den Sturm und die Wolken. Aus diesem flachen Winkel ist es offenbar ungleich schwerer den Anfang der Piste zu treffen. So setzt er die Kiste erst auf, als die Flughafengebäude schon vorbei sind. Ich bereite mich auf eine Vollbremsung vor und werde nicht enttäuscht. Kurz vor dem Rasen bringt der Herr das Flugzeug zum Stehen. So etwas baut auf. Immerhin - es ist erst einmal überstanden.

Der letzte Tag. Der Abflug der KLM-MAschine ist für 11 Uhr morgens vorgesehen. Wir finden uns zwei Stunden vorher ein. Auch Claudio und Claudia sind da. Sie waren in den Ruinen von Teotihuacan, der größten aller Tempel-Anlagen in der Nähe Teochtitlans. Es ist ein gutes Gefühl, sie gesund und munter wiederzusehen. Nach einer Stunde Wartens macht die Nachricht die Runde, daß der Jumbo einen Defekt hat. Er ist offenbar ernsterer Natur. Die Verspätung, so die Auskunft werde vier bis fünf Stunden betragen, man habe ein Ersatzteil aus Houston/USA direkt vom Hersteller geordert. Das fehlt gerade noch. Mit einer frisch reparierten Kiste über den Atlantik. Vor langen Flügen wird man nicht gerne daran erinnert, daß Technik fehlbar ist. Ein deutscher Ingenieur reagiert auf meine kritische Bemerkung mit dem Hinweis, es bestehe kein Grund zur Sorge. Seine Firma beschäftige mexikanische Techniker. Sie seien ausgesprochen gewissenhaft und findig. Nicht ganz meine Erfahrungen, aber ich will es ihm gerne abnehmen.

Als ich mich umdrehe, schaut mich Claudia erstaunt, ja beinahe entsetzt an. Ich sei ein völlig anderer Mensch, wenn ich deutsch redete, bemerkt sie. Es sei nicht allein die Sprache, mein Habitus, alles sei anders. Sie ist beinahe schockiert - der Deutsche gefällt ihr sehr viel weniger als der halbe Latino, mit dem sie die letzten Wochen als Reisepartner verbracht hat. Das Gespräch mit dem deutschen Ingenieur war zudem eines unter Männern und über Technik, knapp, schnell, etwas ganz anderes als die Art der Kommunikation bisher. Dennoch hat sie zweifellos recht. Mit der anderen Sprache schlüpft man immer auch in eine andere Haut. Es ist nicht allein die Aussprache. Stimmlage, Mimik und Gestik verändern sich.

An Bord dauert es eine Weile, bis man wieder Vertrauen zur Technik im Hintergrund gefaßt hat. Der holländische Pilot weiß das offensichtlich und spricht ungewöhnlich lange mit den Passagieren. Zehn Stunden dauert es, dann kommt England in Sicht. Wir nähern uns Schiphol von Norden aus. Der Empfang am Flughafen ist frostig. Die Stewardessen sind durch den unplanmäßigen Aufenthalt um einen Teil ihrer Freizeit gebracht worden und behandeln die Passagiere beim Aufstieg einigermaßen ruppig. Auch der Zoll läßt sich Zeit. Ob ich Lacoste-Hemden mitgebracht hätte? Ich entgegne ihm, daß ganz Mexico davon voll ist. Selbst die Bettler laufen in diesen Imitationen herum. Natürlich habe ich keine gekauft. Er läßt mich ziehen. Das war's. Eine ganz und gar unromantische Ankunft in der Heimat, aber immerhin, man ist wieder zu Hause.