Willkommen im Rentner-Alcatraz

September war es, als ich beschloss, mir ein Wochenende (mit Zelt und Rad) im Alcatraz deutscher Rentner ("You can check in any time you want but you may never leave") zu genehmigen.
Mein Einstieg ins Inselleben begann mit einem typischen Anfängerfehler. Unentschuldbar sorglos entfaltete ich vor dem Ausgang eines hafennahen Supermarktes eine gerade erworbene Karte. Kurz danach hätte ich Platzkarten verteilen bzw. Wartenummern ziehen lassen können. Mit gefüllten Tüten bewaffnet baute sich Rentnerpaar auf Rentnerpaar mit einem erwartungsfrohen „Suchen sie was?“ vor meinem Rad auf und blockierte energisch die Weiterfahrt. Ich erhielt nicht nur - ungefragt wohlgemerkt - eine meter- und sekundengenaue Abschätzung der weiteren Anreise, Informationen zum Krach des Flughafens bei ablandendem Wind, den besten Ausleihkonditionen für Fahrräder - ungeachtet der Tatsache, dass ich gerade eines zwischen den Beinen hatte -, sondern auch zu den Öffnungszeiten des Pennymarktes, denen des Leuchtturms, der diversen Touristenbüros, Tipps zur Wurstqualität, zu den Besonderheiten der Campingplatzanmeldung, der Häufigkeit der Seehunde sowie Hinweise auf ein unmittelbar bevorstehendes zweitägiges Reitturnier (!) etc. p.p. Mit anderen Worten, ich machte Bekanntschaft mit allen Symptomen des Inselkollers.
Dass die Uhren in dieser Weltgegend anders gehen, fiel selbst mir spätestens in dem Moment auf, als ich losradelte - es war mittlerweile kurz vor sechs Uhr nachmittags - und mich der dritte Kölner Radfahrer nacheinander auf dem Deich mit „Moin, Moin“ begrüßte.
Auch sonst ist Norderney durchaus nicht ohne. Kurz vor Erreichen des Campingplatzes stieß ich auf ein Schild, das ich eher am Randes des Brandenburgischen Bombodroms erwartet hätte und das mich vor umherfliegenden Geschossen warnte. Tatsächlich handelte sich um ein dezenten Hinweis auf das Treiben der Herren mit den karierten Hosen und den Wägelchen links und rechts des Weges.
Zu den Vorzügen des Golfens auf Norderney gehört im Übrigen, dass man eigentlich immer irgendein Loch trifft, was mit einer weiteren Besonderheit der Insel zusammenhängt: Der höchsten Karnickelkonzentration pro Quadratdezimeter, die mir je untergekommen ist..
In diesem Punkt hat Norderney seine eigenen Regularien entwickelt, deren tieferen Sinn dem Novizen erst nach einigen Tagen Aufenthalt aufgeht. Da ist zum Beispiel die halsbrecherische Fahrweise der Taxis und Busse, die kaum zum gemächlichen Takt des übrigen Insellebens zu passen scheint. Die Auflösung des Rätsels kam mir des Morgens, als ich ein paar Krähen - oder waren es Möwen - beim Plausch belauschte und irgendwie die Bemerkung „Rabbitt is served“ heraushörte. Was ich bei der Anreise noch für entsorgtes felliges Kinderspielzeug gehalten hatte, waren tatsächlich sauber ausgenagte Kaninchen, deren Bevölkerungsexplosion durch besagte Fahrweise der Einheimischen unter Kontrolle gehalten wird.
Mein Aufenthalt endete im Übrigen, so wie er begonnen hatte. Nach dem Leeren einer Weinflasche im Zelt und dem Versuch, sie um halb eins morgens auf dem stockdunklen Campingplatz zu entsorgen, endete ich - Du ahnst es - in den Händen eines ... Rentners. „Mein Mann kommt zu Ihnen und zeigt Ihnen, wo der Flaschencontainer steht“, ertönte unvermittelt eine sonore Frauenstimme aus dem Off bzw. zwischen zwei Brettern, die zur Umzäunung eines fest eingegrabenen Wohnwagens gehörten. Ich kann nur vermuten, dass ich beim Umhertasten im Dunklen seit längerem von diversen Augenpaaren mit Nachtsichtgeräten geortet worden war. Niemand, der hier seine Rente verzehrt, will sich offenbar die Gelegenheit entgehen lassen, zwei bis drei Sätze mit einem menschlichen Wesen auszutauschen, das er noch nicht kennt, seien die Aussichten auch noch so gering und koste die Pirsch die ganze lange Nacht.
Und die Moral? Mir scheint, ich bin doch eher der mediterrane Typ. Mein Zigeuner in Lavandou mit dem falschen Teppich und den echten Goldzähnen, der mich jedes Jahr zur Begrüßung einmal abküsst, ist mir einfach lieber als ein pensionierter Dauercamper oder ein Kölner Kegelklub oder eine trinkfeste Gäng strammer Mädels.
Das angehängte Bild entstand übrigens, nachdem eine kalte Brise den FKK-Strand ("Hier muss die Büx runter") leergefegt hatte. Da konnte man dann gut Fotos machen.





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