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Via Claudia - Innradweg - Mangfallradweg - Isar-Inn-Radweg
2005
Fotos
- hier
Die
Tour dauerte insgesamt sechs Tage, von Dienstag, den 9.8.2005 bis Sonntag,
den 14.8.2005. Ausgangspunkt war Emsdetten bei Münster. Für den ersten Teil
nach Kempten nahm ich den Zug. Von dort fuhr ich noch am gleichen Tag mit dem
Rad nach Füssen. Nach einer Übernachtung ging es auf der Via Claudia über
Reutte und den Fernpass nach Imst. Dort wechselte ich auf den Innradweg und radelte
flussabwärts über Innsbruck nach Rosenheim. In Rosenheim fuhr ich den
Mangfall- und schließlich den Isar-Inn-Radweg, um Samstag am frühen Abend
München zu erreichen. Sonntag früh ging es mit der Bahn zurück.

Fernpass, 1200 Meter, 10. August 2005, früher Nachmittag
"Hatte doch irgendwie Recht, der Reiseführer!", denke ich, während
ich mich schwer atmend und ausgepumpt an meinem vollgepackten Rad festhalte.
Hieß es dort nicht unmissverständlich "weil die Überquerung des
Fernpasses sehr schwierig" und "selbst für geübte Mountainbiker
teilweise zu schieben" ist, solle man ein Taxi nehmen. Selbst die
Telefonnummer gab's dazu. [Via
Claudia Augusta. Von der Donau über die Alpen an die Adria.
Radtourenbuch und Karte 1:75.000. Ein original bikeline-Radtourenbuch, Verlag
Esterbauer 2003, S.48] Der Satz will einfach nicht aus dem Kopf. Wie auch?
Eine hämische Stimme macht sich das Vergnügen, ihn immer wieder vorzulesen.
Statt im Sattel zu sitzen und das beeindruckende Bergpanorama zu genießen,
suche ich nach einer anderen Griffposition, um das Rad auf dem steilen
Geröllpfad weiter hochzuziehen.
Ich versuche es mit der Kette des Fahrradschlosses, das um die Sattelstütze
gewickelt ist. Aber fünfzig Kilogramm bleiben nun einmal fünfzig Kilogramm,
ganz gleich, wo man sie anfasst. Auf den wegrutschenden Steinen reicht es
nicht einmal zu einem halben Meter. Ich blockiere die Bremse, um wenigstens
die halbe Radumdrehung festzuhalten, mache einen Schritt nach vorn und nutze
die Atempause vor dem nächsten Anlauf für einen lauten Fluch.

"Wie ein römischer Sklave", zwitschert die
Stimme. Sehr witzig, aber der Hinweis liegt zugegebenermaßen nahe.
Schließlich befinde ich mich auf der Via Claudia, der alten Römerstrasse über
die Alpen, die seit einigen Jahren als Radwanderweg neu entdeckt worden ist.
Ich bin nicht der einzige, der sich auf diesem Weg vorwärts bewegt - aber der
einzige mit solchem Gepäck. Während die anderen klug genug sind, das
Teilstück über den Fernpass mit einem Rucksack anzugehen, hängen an meinem
Fahrrad-LKW nicht weniger als fünf Taschen.
Sie möchten wissen, wie ich in diese Lage nahm. Nun ja, dann lesen Sie
weiter.
Wie so häufig bei langfristigen Planungen kommt am Ende alles anders, als man
denkt. Bislang unternahm ich meine Radtouren mit einem leichten Rennvelo und
ebensolchem Gepäck. Diesmal wollte ich den Langstrecken-Tourenfahrern
("Bikefreaks") nacheifern. Also verwandelte ich in den
Wintermonaten ein MTB in ein ultrastabiles Tourenrad und beschaffte mir alles
Nötige, um mich für mindestens zwei Wochen weitgehend autark durch
Deutschland, Österreich und Italien zu bewegen. Anhand genauer Listen
wanderte alles in die garantiert wasserdichten Satteltaschen. Als es im
August Ernst werden soll, stellen sich private Hindernisse in den Weg. Einen
Moment lang sieht es so aus, als würde die Tour ganz ins Wasser fallen. Als
doch eine Lücke von sechs Tagen entsteht, geht alles ganz schnell und
improvisiert.
Bereits das kurzfristige Buchen bei der Bahn erweist sich als Problem. Um
festzustellen, ob ein Fahrradplatz frei ist, verlangt das Buchungssystem der
Bahn, dass die vollständige Fahrt eingegeben und ausgedruckt wird. Klappt es
nicht auf Anhieb, beginnt ein zeitintensives Probieren. Ich plane, von Füssen
aus auf der Via Claudia über den Fern- und Reschenpass nach Italien zu fahren
und dann mit der Bahn zurückkehren. Die Bahnfahrt mit Rad nach Füssen
scheitert im August kläglich an den fehlenden Stellplätzen. Für die nächsten
sieben Tage sei angeblich nichts mehr zu machen. Erst nach der Eingabe von
Alternativzielen klappt es. Am nächsten Tag frühmorgens ist auf der Strecke
Köln-Kempten noch ein Platz zu bekommen. Mit der frisch ausgedruckten
Fahrkarte in der Hand geht's im Eilschritt nach Haus. Die fertig gepackten
Taschen müssen neu geordnet werden. Die Hälfte des Inhalts kommt heraus, die
freigewordene Hälfte füllt Regenkleidung. Schließlich lässt der Wetterbericht
für den Rest der Woche nichts Gutes ahnen.
Viertel nach sechs klingelt der Wecker. Um genau zu sein, es sind gleich
zwei. Es ist nicht die Uhrzeit, zu der man in den Ferien normalerweise aus
den Federn klettert. Das Rad hat die Nacht beladen im Flur zugebracht. Eine
halbe Stunde nach dem Aufstehen rollt es fügsam über die Stufen der
Eingangstreppe auf die Strasse. Ich schwinge mich auf den Sattel, trete und ...
es bewegt sich. Aber wie! Bin ich wirklich noch so steif oder rollt es
schwerfällig wie ein LKW?
Vor der Brücke zum Bahnhof, da, wo sich die Strasse senkt, ist der Platz, um
morgens auf dem Weg noch einmal Zeit gut zu machen. Das Alltagsrad läuft hier
von selbst. Was ich jetzt unter mir habe, bliebe ohne meine tätige Mithilfe
einfach stehen. Alpen wir kommen!?
Kurz vor sieben ist das Bahnhofsgebäude erreicht. Eine
Viertelstunde bleibt, dann wird es endgültig ernst. Fortuna lüftet zur
Ermutigung kurz den Schleier und sendet nicht den üblichen Nahverkehrszug,
bei dem es notwendig ist, das Rad einen Meter hochzuheben und durch eine viel
zu enge Tür zu zwängen. Heran rollt ein moderner, rotlackierter Triebwagen
mit breiter Tür und niedriger Ladekante. Sind die Erwartungen erst einmal
kräftig abgesenkt, ist man für Kleinigkeiten dankbar.
Der Morgen verspricht schön zu werden, eine Ausnahme in diesem nasskalten
Sommer. Die Pendler auf den hartgepolsterten Stühlen im Gepäckabteil schauen
nach innen. Ein Mann ohne Zeitung traut sich als erster und nimmt das Rad
langsam und gründlich ab. Sein interessierter Blick wandert herauf und
herunter entlang der Ausstattungsteile, die ihm merkwürdig vorkommen. In
Münster leert sich der Zug. Bis hierher war es der Weg zur Arbeit. Einfach
Sitzenbleiben und Weiterfahren hat fast etwas von Schwänzen.
"Das Tollste war, dass man Wildsäue sah. Rehrudel haben uns geweckt.
Unser Hund hat sich nicht dafür interessiert. Selbst der Fuchs war ihm
gleichgültig!"
Die Erscheinung der Erzählerin passt zum rustikalen Urlaubsort in der Heide.
Schwarze Jeansjacke und -hose, passender Rucksack. Die Stimme ist dunkel,
kräftig, die Artikulation klar und sicher. Ich tippe auf zartgrünes
Bildungsbürgertum Münsteraner Prägung.
"Schön, dann habt Ihr ja ein Urlaubsdomizil gefunden."
Während die eine Pendlerin lebhaft erzählt, sorgt die andere mit freundlichen
Floskeln für das Nichtversiegen des Redeflusses, solange, bis es für beide
Zeit ist, auszusteigen.
Ich könnte einen Kaffee gebrauchen. Das heruntergelassene Rollo des
Zugrestaurants erinnert an die gutgemeinte Fehlplanung der Bahn. Die
morgendlichen Pendler lasten das fahrende Lokal nicht aus.
Regen und Sonne im beständigen Wechsel lassen die Natur in diesem Sommer
üppig wuchern. Ein paar Jahre hintereinander derartiges Wetter und das
Bergische Land kann in seinen Fremdenverkehrsprospekten mit subtropischer
Vegetation werben. Die Gärtnerbrigaden der Bahn AG werden alle Hände voll zu
tun haben, um die Pracht im Herbst zurückzuschneiden.
Hält das Fahrrad? Die lange Anfahrt lässt viel Zeit für Bedenken. Ich denke
an die Winterabende, das Tüfteln und das Schrauben im Keller. Nun warten wir
beide auf unsere Prüfung.
Wuppertal ist erreicht. Der Zug ist mittlerweile fast leer, die Parkbuchten
dagegen übervoll. Wie soll die Bahn je auf ihre Kosten kommen? Ungebeten
drängt sich das Grün erneut in den Weg. Der Zug wischt die Zweige zur Seite
und fährt buchstäblich durch's Gebüsch.
Solingen-Ohligs, 9:25 Uhr, die Wolken werden dichter und verhängen den
Himmel.
Opladen 9:31 Uhr. Ein munteres Paar steigt ein. Ihr Tonfall erinnert daran,
dass der Zug nach kaum zwei Stunden die dritte Dialektgrenze passiert hat.
Nach dem münsterländischen Zungenschlag und dem Kohlenpottslang ist nun
rheinischer Sing-Sang zu vernehmen.
"Macht es Ihnen etwas aus, wenn man ich 'mal lüfte." fragt die Frau
am Fenster. Ich signalisiere mein Einverständnis. Was folgt, ist im Wortsinne
zugig. Dafür fällt laut Fahrradtacho die Temperatur in zehn Minuten um drei
Grad. Die Müdigkeit ist damit jedenfalls auch ohne Kaffee verflogen. Mit Köln
ist die erste Etappe geschafft. Der Zwischenaufenthalt soll anderthalb
Stunden dauern. Das dürfte reichen für das Nachholen des Frühstücks.
Ich lerne Aufzüge auf Bahnsteigen schätzen. Sind mir vorher nie aufgefallen.
Langsam bewege ich mich durch den Untergrund der Gleise im Kölner
Hauptbahnhof. Die Frühstückspreise im Innenraum sind offensichtlich auf
kürzere Umsteigepausen berechnet. Noch etwas unsicher mache ich mich das
erste Mal selbständig und suche in Bahnhofsnähe nach einem Bäcker. Die
wenigen Meter zeigen den Vorteil des Radelns: beim Suchen in der Innenstadt
vergrößert es die Reichweite enorm. Ganz so schlimm scheint es auch nicht mit
dem Gepäck, rede ich mir zu.

Zweiter Akt.
Der IC nach Kempten läuft ein. Der Wagenstandanzeiger verrät den wartenden
Tourenradlern, dass die Stellplätze ganz vorne hinter der Lok zu finden sind.
Die Mitreisenden planen zumeist kürzere Touren. Irgendwie macht mein LKW-Bike
Eindruck. Der Dämpfer folgt rasch. Kaum ist das Rad vertäut, gibt's den
ersten Rüffel. Merke: Auch Räder haben in der Bahn nummerierte Stellplätze! Es geht
den Rhein entlang. Das Wetter ist freundlich zu den Radlern, die mit mir den
Wagen bevölkern und zu ihrer Tour unterwegs sind. Nicht jedem Mitreisenden
allerdings war der Wettergott in den letzen Wochen hold. Der sportliche
Schweizer neben mir mit seinem Sohn klagt, er habe nach vier Tagen Radwandern
und Zelten bei strömendem Regen aufgegeben. Die pädagogisch wertvolle
Thementour, der Rhein von der Mündung zur Quelle, will er ein anderes Mal
fortsetzen. Es liegt nahe, sich langsam Gedanken über die Route zu machen:
Über Fern- und Reschenpass nach Verona? Von Kempten über den Bodensee
Richtung Schweiz oder bei Imst ins Inntal abbiegen? Den Weg über die Schweiz
verwerfe ich rasch. Er kostet bei nur sechs Tagen zuviel Zeit, auch wenn er
am meisten reizt. Bleiben Italien und eine Rückkehr von dort mit dem Zug oder
die Alternative, Füssen-Imst und dann ein Rundkurs entlang des Inns. Gegen
Italien spricht der Hinweis im Bikeline-Führer, es sei schwierig, in
italienischen Zügen Fahrräder mitzunehmen. Die Zeit ist so knapp, dass alles
reibungslos laufen muss. Gegen den Inn spricht der Wetterbericht. In der
zweiten Wochenhälfte soll sich das Wetter wieder verschlechtern. Regen und
Radfahren, das weiß jeder, der einmal mit Gepäck unterwegs war, gehen nun
einmal denkbar schlecht zusammen. Bis Imst lässt sich die Entscheidung noch
vertagen.
Ich vertreibe mir die Zeit, indem ich die Kilometerangaben aus dem Radführer
in ein kleines, handliches Notizbuch zu übertrage.
Füssen -
Reutte 13
Reutte - Lermoos 21,5
Lermoos - Nassereith 19,5
Nassereith - Imst 13,5
Imst - Landeck 23,5
Landeck - Pfunds 31,5
Pfunds - Reschen 25
Reschen - Glurns 21
Glurns - Laas 14
Latsch - Naturns 13
Naturns - Meran 15,5
Meran - Nalles 19,0
Nalles - Bozen 14,5
Bozen - Auer 17,0
Auer - Salerno 15,0
Salerno - Trento 29
Beim Blick auf die Liste frage ich mich, was die Zahlen bedeuten? Sind in den
Bergen 120 Kilometer oder eher die Hälfte realistisch? In jedem Fall darf ich
mir jetzt schon gratulieren, dass die Zeltausrüstung zu Hause geblieben ist.
Radeln, Camping, Berge, Zeitdruck unter einen Hut zu bringen, verlangt mehr
Erfahrung und Kondition, als ich im Augenblick habe.
Je weiter der IC nach Süden rollt und je größer seine Verspätung wird, desto
mehr bessert sich das Wetter - eine sonderbare, aber eindeutige Relation.
Buchstäblich auf den letzten Kilometern vor Kempten hebt sich der Vorhang und
gibt den Blick auf das grandiose Alpenpanorama frei. Als der Zug um Viertel
vor sechs in Kempten einfährt, begrüßt uns perfektes Fahrradwetter.

"Sie müssen einen Augenblick warten", mahnt der Taxifahrer vor dem
Bahnhof in Kempten zur Geduld, als ich ihn nach dem Weg nach Füssen fragte.
"Der Kollege mit dem Großraum-Van kommt erst noch." Dass jemand
radelnd dorthin will, drängt sich ihm nicht auf.
Die Fahrt am frühen Abend durch das Voralpenland verscheucht die letzten
Zweifel, ob es richtig war, hierher zu kommen. Bei gutem
Wetter und auf ausgebauten Radwegen vor der imponierenden Kulisse der Alpen
zu radeln, ist vollkommener Genuss - pur, sozusagen. Anstiege und Abfahrten
halten sich die Waage und lassen das Gepäck vergessen. OK, sagen wir, es
geht.
An einigen Stellen zwischen Kempten und Füssen muss sich der Radwanderer die
Strasse mit den PS-Rittern teilen. Der größte Teil der Strecke verläuft
jedoch auf ausgebauten Radwegen. Auf den Gefällstrecken überwindet das Rad
mühelos seinen Abrollwiderstand. Als der Lenker bei der ersten längeren
Abfahrt heftig zu flattern beginnt, zeigt der Tacho 60 Kilometer an. Da haben
wir doch gleich etwas zu erzählen für die langen Abende am Lagerfeuer.
Nach etwa anderthalb Stunden ist das von Touristen überlaufene Füssen
erreicht. Die Suche nach einer Bleibe beginnt. Im Kampf ums Nachtquartier
erweist es sich erneut als nicht zu unterschätzender Vorteil, mit dem Rad
unterwegs zu sein. Ein verzweifelt suchender Autofahrer zieht den kürzeren.
Ich fahre buchstäblich in die Rezeption. Von hier aus noch einmal eine
Entschuldigung dafür, aber zu vorgerückter Stunde ohne Zimmer in einem prall
gefüllten Fremdenverkehrsort ist sich jeder selbst der Nächste. Eine Stunde
später bietet sich die Gelegenheit zu tätiger Buße. Ich trage Sorge, dass
eine noch später eingetroffene japanische Studentin das allerletzte Zimmer in
Füssen bekommt, indem ich ihr das Taxi finanziere. Wir kommen überein, dass
sie sich in Tokio revanchiert.

Nach einem ausgiebigen Frühstück beginnt am nächsten
Morgen die eigentliche Tour auf der Via Claudia Richtung Reutte. Bei
strahlendem Sonnenschein verlasse ich Füssen über die Bundesstrasse. Die
Fahrt geht vorbei an einem Wasserfall und führt wenige Kilometer später über
die Grenze nach Österreich. Auf diesem Stück erwarten den Tourenradler nur
wenige kurze Anstiege. Der Radweg verläuft gelegentlich neben der Strasse,
häufig aber abseits durch schmucke kleine Ansiedlungen. Den Radführer
lasse ich die meiste Zeit in der Lenkertasche und orientiere mich entweder an
den Schildern oder fahre den anderen Radlern hinterher. Im nachhinein gesehen
erweist sich diese bequeme Praxis als wenig ratsam. Und das wäre zugleich
mein erster Rat an alle, die die gleiche Tour unternehmen. Man verfährt sich
leicht auf dieser Route - ohne es zunächst zu bemerken. Ist es erst einmal
geschehen, hilft einem auch der detaillierte Bikeline-Führer nicht immer
weiter. Die Wirklichkeit lässt mehr Möglichkeiten zu, als von der Beschreibung
ausgeschlossen werden können.
Um es an einem Beispiel zu erläutern: Der Reiseführer notiert: "350
Meter geradeaus und dann rechts". Behält man die Entfernungsangabe im
Kopf, weiß man in der Regel, welches "Rechts" gemeint ist. Steht
man dagegen vor zwei Abzweigen, die 100 Meter auseinander liegen, reicht auch
die detaillierte Auflösung der Karten nicht aus, um den falschen Weg
auszuschließen. Es geht nicht nur mir so. "Sisch nich so arg mit dem
Führer", meint ein schwäbischer Radfahrkollege leicht genervt, während
er neben seinem geduldig wartenden Filius die Richtung peilt.
Mir verschafft das Fahren "nach Gefühl" noch vor dem Fernpass einen
ersten Umweg über einen anspruchsvollen "Höhenweg". Da die
Ortsangabe auf dem Schild stimmt und der Anfang landschaftlich viel
verspricht, strampele ich die ersten Serpentinen im Wald hinauf, um
irgendwann nach einer von vielen steilen Kurven zu kapitulieren und das Rad
zu schieben. Als ich den höchsten Punkt erreiche, ist fast eine Stunde
vergangen. 
Eine lange steile Abfahrt vorbei an Holzstadeln und Bauernhöfen entlohnt
einigermaßen für die Strapaze. Es ist 14 Uhr, als ich Lermoos erreiche und
mich in einem Supermarkt mit Proviant für den Rest des Tages eindecke. Da ich
mir fest vorgenommen hatte, heute noch den Fernpass hinter mir zu lassen,
verzehre ich die frischen Nussecken beim Weiterradeln. Im wenige Kilometer
entfernten Biberwier legt der Radführer eine Entscheidung nahe. Der Weg auf
der Via Claudia über den Fernpass, heißt es unmissverständlich, sei selbst für
geübte Mountainbiker beschwerlich und streckenweise nicht zu fahren.
Empfohlen werde daher, einen Huckepass-Express zu nehmen, der zweimal täglich
von Biberwier aus dieses Stück umfahre. Das Timing ist perfekt. Fünfzehn
Minuten sind es bis zur nächsten Huckepack-Fahrt. Allein, jeder
Fernradfahrer, zumal wenn er männlich ist, weiß um die typische Wirkung
solcher Warnungen. Sie
spornen eher an, als dass sie abschrecken. Und wie soll man auch später am
Lagerfeuer begründen, dass man den Pass mit einem Auto genommen hat?
Rückblickend scheint mir, wer mit einem soliden
Mountainbike unterwegs ist, wenig Gepäck hat (Rucksack o.ä.) und über eine
passable Kondition verfügt, wird die Strecke als anstrengend aber lohnend
empfinden.

In der Tat ist sie, wie der Radführer zurecht notiert,
landschaftlich streckenweise sehr reizvoll und das Gefühl, den inneren
Schweinehund erfolgreich niedergerungen zu haben, gehört schließlich auch zu
einer Reise. Wer allerdings mit viel Gepäck unterwegs ist, wird mit
Sicherheit keine Freude an diesem Stück haben.
Während die erste bereits steiler ansteigende Passage nach Biberwier noch
neben der Strasse verläuft, wechselt der Weg bald in ein Waldstück. Dort, wo
der Pfad den Wald verlässt, eröffnet sich ein berückend schöner Blick auf
einen blaugrün schimmernden Bergsee.
Unmittelbar danach beginnt die beschriebene Schiebestrecke. Im Prinzip
handelt es sich um einen Saumpfad mit Geröll, der bergauf überhaupt nicht und
in den Bergab-Passagen nur von sehr geübten Mountainbikern zu fahren ist.
Um mich vom
Schieben zu erholen, probiere ich es bergab trotzdem einige Meter auf dem Rad
und lasse erst nach einem Sturz von der Idee.
Am Fuß eines Hohlwegs lässt mich zu allem Überfluss der Führer ratlos zurück.
Wo geht es weiter? Um mich herum sieht es aus wie in einem Steinbruch mit
Randbewuchs. Niemand ist da, der Auskunft geben könnte, Schilder sind nicht
zu entdecken. Da an dieser Stelle die reguläre Passstrasse verführerisch nahe
an der Via Claudia vorbeiführt, lasse ich Römer Römer sein und betätige mich
auf der Bundesstrasse als Verkehrshindernis. Bald schnaufen einen Meter
hinter mir mehrere Hundert PS eines Sattelschleppers, im niedrigen Gang laut
hochdrehend und mühsam gekühlt von heulenden Ventilatoren. Minutenlang lässt
der Gegenverkehr ein Überholen nicht zu. Anlass den Nacken einzuziehen! Die
Radtaschen wischen mehrfach an den Leitplanken entlang. Einen Standstreifen
gibt es nicht. Ich verliere ein-, zweimal das Gleichgewicht, stütze mich mit
einem Fuß kurz ab und fahre sofort wieder an. Nerven sind gefragt. Nach gut
einer halben Stunde, das Zugspitzaussichtsrestaurant liegt inzwischen hinter
mir, ist es endlich geschafft. Der Ort Fern ist erreicht. Der
Bikeline-Führer empfiehlt, sich an dieser Stelle rechts zu halten, um wieder
auf die Via Claudia zu gelangen. Ich biege dort ab, wo ich ein kleines Schild
entdecke und rolle einen steilen Berg herunter. Links und rechts erstreckt
sich ein Flussbett. Erneut fehlt eine Beschilderung. Liegt es daran, dass ich
nie Pfadfinder war? Geht es nun nach links zwischen den hohen Steinhalden und
den Radladern hindurch oder rechts den Fluss hoch?
Nirgendwo ist im Führer vom Durchfahren eines Steinbruchs
die Rede, also halte ich mich rechts, um nach einer halben Stunde bergauf zu
erkennen, dass ich auf dem falschen Weg bin. Der Versuch zwischen den
Radladern führt zum Erfolg. Ein paar Hundert Meter weiter schimmert
tatsächlich ein kleines Hinweisschild an einem Baum.
Nach einer kurzen Passage entlang des Flussbetts zweigt der Weg in einen
Nadelwald ab. Auch dieses Teilstück ist eine typische Mountainbike-Passage.
Fast eine halbe Stunde lang bringe ich stehend auf den Pedalen zu und federe
die Stöße der Wurzeln, tiefen Auswaschungen und Steinbrocken ab. Einige Male
halte ich kurz, um die Hände auszuschütteln, mit denen ich pausenlos die
Bremsen betätige. Das letzte Stück vor dem Schloss Fernstein entschädigt für
die Rüttelpiste. 
Der Weg an dieser Stelle ist schmal, besteht aber aus festem, gut zu
fahrendem Erdreich. Er verläuft dicht am Fels entlang. Zwischen den Bäumen
bieten sich dem Radwanderer wunderschöne Durchblicke ins Tal.
In der Passage hinter dem Schloss - es geht in Serpentinen steil bergab -
werde ich aus den Angaben im Führer einmal mehr nicht recht schlau. Die
Abfahrt endet in einer Art Talmulde mit Hinweisen auf einen Campingplatz, den
man wegen der dichten Bewaldung ringsum nicht zu Gesicht bekommt. Ich
orientiere mich an der Beschilderung für die Bundesstrasse.

Am Ortseingang von Nassereith, der bald erreicht ist,
locken links und rechts sirenengleich die schmucken Pensionen. Die
Schwierigkeiten der Quartiersuche in Füssen noch vor Augen wäge ich ab. Heiß
duschen, die Beine lang machen, eine verlockende Vorstellung nach neun
Stunden auf dem Rad. Andererseits ist es erst sechs. Jetzt aufhören, hieße
kostbare Zeit verschenken. Die Strasse ist abschüssig. Das entscheidet. Es
reicht, die Bremsen freizugeben und gehorsam setzt sich der Drahtesel wie von
selbst in Gang.
Am Ortsausgang stellt sich das bekannte Problem. Qual der Wahl oder Wahl der
Qual, wer weiß? An der im Führer beschriebenen Stelle findet sich ein halbes
Dutzend Hinweisschilder verschiedener Radwege. Die als Orientierungspunkt
beschriebene Autobahnmeisterei ist von dieser Stelle aus nicht zu sehen. Zu
finden ist sie erst, wenn man ohnehin auf dem richtigen Weg ist. Ein
einheimischer, vom Training erhitzter Mountainbiker weist mir die Richtung.
Ich fahre etwa fünfzig Meter links, dann rechts, parallel zur Bundesstrasse,
um sie nach einem halben Kilometer zu unterqueren. Nach der Unterführung geht
es sofort wieder links, parallel zur Strasse und dann nach ca. 1-2 Kilometern
rechts in den Wald auf eine sogenannte "Forstautobahn". Die Details
zeigen, dass man mit Intuition auf der Via Claudia nicht weit kommt.

Der federnde Waldboden tut den strapazierten Gelenken gut.
Über etliche Kilometer verläuft der Weg durch den Forst und windet sich schließlich
entlang eines Baches. Kurz vor Imst wartet ein kurzer steiler Anstieg zum
Ortseingang auf den Radwanderer. Danach ist es geschafft. Imst ist erreicht.
Die Belohnung wartet in Gestalt einer freundlichen und preiswerten Pension.
20 Euro, der Standard für Zimmer in Privatpensionen derzeit, kostet mich ein
Zimmer unter dem Dach, inkl. eines dicken Federbetts und einer heißen Dusche.
Die Empfehlung der überaus hilfsbereiten Wirtin, ein paar Straßen weiter ein
Speiserestaurant aufzusuchen, bleibt indes unbeachtet. Ich bin froh, heute
meine Knie nicht mehr beugen zu müssen, belasse es bei ein paar Gläsern
klaren Wassers aus dem Hahn und ziehe mir zeitig das Federbett über die Nase.
Am nächsten Tag steht die Entscheidung über die Weiterfahrt an: Über den
Reschenpass oder Richtung Innsbruck? Das Gespräch mit der Wirtin und der
strahlend blaue Himmel geben den Ausschlag für den Innradweg. Das Wetter der
letzten Tage, versichern mir die übrigen Feriengäste, sei durchweg besser als
die Vorhersage gewesen. Die Wirtin reicht mir die Zeitung, damit ich mich
selbst überzeugen kann. Das reichhaltige Frühstück schmeckt. Es fehlt an
nichts. Ansteigende Tendenz - darauf setzen wir. Von guten Wünschen begleitet
geht es in die Garage im Kellergeschoss zur Montage der Taschen.

Eine mit frischem Wasser gefüllte Zwei-Liter-Flasche
wandert in die Halterung. Was nun noch fehlt, ist der Bikeline-Führer für den
Innradweg. Das Touristenbüro bedauert, macht aber Mut. Die beiden Buchläden
auf der Hauptstrasse verkauften den Führer. So ist es. Selbst Briefmarken
hält der Laden bereit. Unter der Bedingung, dass ich nicht zur Post hinauf
muss, gibt es eine Postkarte für die Kids zu Hause. Der Briefkasten findet
sich um die Ecke.
Alles sieht nach einem Glückstag aus.
Imst liegt hoch über dem Inn. Also wird jede Wegbeschreibung doppelt geprüft.
Ein Fehlversuch bedeutet hier, steil bergauf zurückzuradeln. Eine gewisse
Vorschädigung durch den gestrigen Tag will ich nicht leugnen. Nachdem der
richtige Weg gesichert scheint, darf Drahtesel galoppieren. Immer weiter
bergab geht es durch den Ort, bis der Inn in Sicht kommt.
Beim Imst gebe es neuerdings zwei Innradwege, hat mir die junge Frau im
Touristenbüro erklärt, und zwar links und rechts des Flusses. Beide vereinten
sich flussabwärts bei Roppen. Zu entdecken ist nur einer der beiden und der
führt auch gleich wieder steil den Berg hinauf. Neben mir schiebt ein freundliches
Ehepaar seine Bikes. Auch sie reisen nur mit Rucksack. Ein Radtrikot und Rei
in der Tube, lautet ihre Empfehlung für das Gewichtsproblem. Ich schließe
mich ihnen ein Stück weit an und tausche Erfahrungen aus. Sie kommen von
Scuol aus der Schweiz, also von der Quelle her. Irgendwann packt mich der
Ehrgeiz. Ich steige in die Pedalen und siehe da, die Übung vom Vortag zahlt
sich aus. Nach einer Viertelstunde ist der höchste Punkt erreicht. Der Weg
verläuft entlang des Berghangs mitten durch kleine Bergdörfer. Unter dem
Strich geht es nun überwiegend abwärts. 
Die Berge liegen hinter mir, genauer, sie erstrecken sich
nun links und rechts als imposante Kulisse für entspanntes Radwandern. Nach
einer letzten langen Abfahrt durch ein Waldstück erreicht der Radweg das Ufer
des Inns, der hier oben noch ein ungezähmter Bergfluss ist.
Im weiteren wechselt der Innradweg gelegentlich das Ufer. An seiner
Beschilderung gibt es nichts auszusetzen. Kein Vergleich mit dem Ratespiel
auf der Via Claudia! Im seltenen Zweifelsfall bietet sich der Fluss selbst
zur Orientierung an.
Mit wenigen Unterbrechungen verbringe ich den ganzen Tag
im Sattel und versorge mich mit kurzen Zwischenmahlzeiten. In einem kleinen
Supermarkt am Weg greife ich als einziger Kunde kurzentschlossen zum Glas mit
einem Komplettmenü für Zweijährige- Nudeln mit Fleischbällchen und Gemüse.
Gar nicht so schlecht für den kleinen Hunger zwischendurch, solange ich
inkognito bleiben kann.
Im Laufe des Tages passiert der Radweg Apfelbaumplantagen, Maisfelder,
malerische Wallfahrtsorte und immer wieder Allgäuer Bauernhöfe, wie von der
Postkarte abgezogen und an den Weg gestellt, während sich das Inntal langsam
weitet und der Hauptdarsteller dieser Landschaft nun deutlich behäbiger
dahinfließt.

Das nächste
Etappenziel heißt Innsbruck. Am frühen Nachmittag ist die ehemalige
Residenzstadt der Habsburger erreicht.
Da der Bikeline-Führer bei seinen Schilderungen, wie man
die Stadt mit dem Rad durchquert, einen Knoten im Kopf flechtet - er beharrt
darauf, unbedingt Radwege auszuweisen, auch wo ihre Benutzung auf einen
großen Umweg hinausläuft - frage ich einen jungen Mann nach seiner
Empfehlung. Dieser entpuppt sich als Stadtplaner und wartet mit der erhofften
Kurzbeschreibung auf. Rechts am Inn weiterfahren, alles ignorieren, inkl. der
kurzen Einbahnstrasse, und dann einfach warten, bis einen die große Brücke
auf die linke Seite leitet. So klappt es.

Mit der Beschreibung in der Tasche genehmige ich mir einen
kurzen Abstecher in die berühmte Innenstadt. Zur
Hochsaison im August eher ein Erlebnis zum Abgewöhnen als zum Genießen
angesichts der Menschenmassen, die sich durch die Altstadt wälzen.
Nach ein paar obligatorischen Schnappschüssen nehme ich
reißaus.
Vor und hinter Innsbruck passiert der Radweg Fabriken,
Klärwerke, Bauhöfe und Wertstofflager - nicht immer ein Fest der Sinne. Erst
in entsprechendem Abstand zur Innmetropole stellt sich der beschauliche
Charakter des Landes wieder ein. Am Nachmittag versuche ich zur Abwechselung
mit einem Paar Rennradler mitzuhalten. Irgendwann packt sie der Ehrgeiz und
sie ziehen davon.

In den kühleren frühen Abendstunden - am Tag zeigte das Radthermometer 38
Grad - lässt sich entspannt dahinradeln. Da es so gut läuft, fahre ich
länger, als ich sollte. Merke: Im Allgäu steht man früh auf und geht zeitig
zu Bett. Um sieben Uhr spätestens sollte man sein Zimmer als Radtourist
bezogen haben, danach werden in den Privatquartieren nur noch die wenigen
Restplätze gefüllt.

Das Dorf vor mir sieht friedlich aus. Ich halte vor einem
Kruzifix.
Der Heimatverein hat hier eine Bank spendiert und ich nutze die Gelegenheit
um eine Kurzfassung des Tages per SMS an meinen Bruder zu senden, den es nach
Frankreich verschlagen hat. Er beneide
mich, kommt prompt die Antwort. Die Lichtmaschine seines Autos sei
ausgefallen. Meine steckt in den Beinen. Was soll da passieren? Ich nähere
mich auf perfektem Asphalt der Ortschaft, erkundige mich bei zwei Männern
nach einer preiswerten Pension und werde auf zwei Bauernhäuser verwiesen. Ich
wende, fahre zurück. Beide Häuser sind voll besetzt. Ein Bauer auf seinem
Traktor rät mir zu einem Hotel am Ortseingang. Ich fahre hin, entdecke nur
Autos der Oberklasse und beschließe, gar nicht erst zu fragen. Die nächste
Empfehlung eines Einheimischen lautet, es beim "Scholler" in der
Innenstadt auf der anderen Innseite zu versuchen. Der "Scholler"
zuckt die Achseln, telefoniert mit einem Kollegen. Auch von dort kommt ein
Nein. "Da hascht ein Problem", grinst er. "Hier ist nix zu
mochn. Solltest halt früher fragen" Seit meiner euphorischen Einfahrt in
die Gemeinde ist eine Stunde vergangen. Es wird dunkel und ich langsam
kleinlaut. "Du kannst nach Jenbach weiterradeln", schlägt der
Scholler vor. "Das sind 12-15 Kilometer. Die haben mehr Kapazität als
wir." Wie komme ich nach Jenbach? Am besten zurück und dann immer links
halten, weil Jenbach oberhalb des Radweges liege, lautet seine Empfehlung.
Das Stimmungsbarometer weist erst einmal nach unten. Zum Glück fällt die
Orientierung durch den Fluss auch in der Abenddämmerung leicht. Um gesehen zu
werden, schalte ich die Radbeleuchtung an. Für meine Orientierung reicht das
Restlicht des Tages aus. Allmählich wird es stiller. Die meisten Wohnungen
sind mittlerweile erleuchtet. Erstmals nehme ich das Surren der Reifen auf
dem Asphalt wahr, während ich Felder und Gebäude passiere. Der Radweg
verläuft hier fast nirgendwo durch die Ortszentren, sondern durch die freie
Natur und die Gewerbegebiete. Auf eine Pension mit freien Zimmern zu stoßen,
ist nahezu ausgeschlossen. Mir bleibt reichlich Zeit zum Überlegen. Was tun,
wenn es nicht klappt? Die Nacht durchradeln? Auf einer Bank oder im Gebüsch
nächtigen? Nach einer dreiviertel Stunde kommen langsam die Lichter eines
Ortes näher. Vor mir liegt ein holzverarbeitender Betrieb. Die großen Hobel-
und Sägemaschinen sind von weitem zu hören. Zwischen den Fabrikgebäuden
hindurch erreiche die Eingangstrasse Jenbachs. Es ist Schichtwechsel. Auf ein
Handzeichen hin hält ein Wagen. Ich wiederhole meine Frage nach einer
preiswerten Unterkunft. Der Fahrer stoppt einen zweiten und man beratschlagt.
Der Jenbacher Hof sei für mich das Richtige. Links halten und dann
"bergobi", lautet die Kurzbeschreibung. Ich schließe messerscharf,
dass es sich nicht um die Allgäuer Filiale eines bekannten Baumarktes
handelt, sondern um die Ankündigung einer Steilpassage. Als ich die
Hauptstrasse erreiche, schalte ich mehrere Gänge zurück, sehr zum Gaudium der
Dorfjugend, die mich im Laufschritt einholt und überholt. Irgendwie sehe ich
mit meinem Helm und dem Lastesel unter mir nicht wirklich cool aus. Nach zehn
Minuten Kurbeln überquere ich eine Holzbrücke und siehe da, vor mir, hell
erleuchtet, liegt ein großes Hotel, der "Jenbacher Hof". "Haben
wir, 50 Euro!", der Portier, wie sich später herausstellt, ein
Philosophiestudent aus Innsbruck, beantwortet meine Frage nach einem Zimmer
wie aus der Pistole geschossen. Mittlerweile ist es Viertel vor zehn. Mir ist
nicht nach Sauna und Schwimmbad, allesamt Einrichtungen, die das Hotel
bietet, sondern nach einer heißen Dusche und einem gepflegten Weizenbier.
Beides bekomme ich innerhalb der nächsten halben Stunde und damit ist nicht
nur der Abend, sondern auch der Tag gerettet. Der Student-Portier plant
selber eine Reise nach Indien. Wir tauschen Reiseerfahrungen aus. Irgendwann ist
es Mitternacht und wir brechen unser Gespräch über Gott, die Welt, ihre
Unübersichtlichkeit und Sir Karl Poppers Beitrag zur Aufklärung ab.
Das Frühstück lässt erwartungsgemäß keine Wünsche offen. Das Hotel ist voller
Eisenbahnenthusiasten, die sich die "weltberühmte dampfbetriebene
Zahnradbahn" in Jenbach
anschauen und von Kanada und Australien hierher kommen. Ich staune nicht das
erste Mal, wohin es einen per Zufall verschlägt - und schweige, um nicht den
Lokalstolz zu kränken. Was ich gestern noch hochgekurbelt bin, erleichtert
den Einstieg in den neuen Tag. Binnen weniger Minuten bin ich wieder am Inn
unterwegs.

Vorbei an Wörgl führt der Weg nach Kufstein. 
Im Gefühl, gut in der Zeit zu liegen, fällt der Entschluss, sich das erste
reguläre Mittagessen auf dieser Tour zu leisten. Gegenüber einem malerischen
alten Weinlokal laden Tisch und Stuhl zum Verweilen ein. Der
Besitzer des urtümlichen Restaurants ist ... ein Serbokroate. Auch in
Österreich ist die Gastronomie an vielen Stellen nicht mehr in der Hand von
Einheimischen, was, wie ich an einer lautstarken Auseinandersetzung
mitbekomme, nicht jedem gefällt. Die Mischung aus professioneller
Freundlichkeit im Fremdenverkehrsgewerbe und manifestem Fremdenhass
irritiert.
Unmittelbar hinter Kufstein überquert der Radweg das erste Mal die deutsche
Grenze. Er verläuft hier in einer Schleife und scheint wieder flussaufwärts
zu führen. Kurz bevor ich anhalte und umkehre, taucht vor mir eine kleine
Fähre über den Inn auf. Warum nicht den Fluss einmal so genießen? Ich entdecke
die Faszination der Langsamkeit, für einen Moment. 
Die Alpen treten langsam in den Hintergrund und liefern noch einmal ein
Postkartenpanorama.


Der breit gewordene Fluss schlägt an dieser Stelle einen Bogen nach Norden.
Es gibt mehr Platz, auch für den Radweg. Auf Holzbrücken geht es hin und her
über die "Staatsgrenzen". 
In Erinnerung an die Schwierigkeiten der letzten Tage beim rechtzeitigen
Buchen einer Unterkunft beginne ich früh mit der Suche - ohne greifbaren
Erfolg. Als Einzelradler, erläutert ein Pensionswirt, habe man es einfach
schwerer. Das wisse er noch aus eigener Erfahrung. Die Regel seien
Doppelzimmer.
Kurz vor Rosenheim fällt der Entschluss, den Radweg zu verlassen, da er keine
Ortschaften mehr direkt berührt. In Engelskirchen feiern in einer
Neubausiedlung die Anwohner ein Nachbarschaftsfest. "Fahren's zum
Andretter. Das ist die Wirtschaft gleich neben der Kirche.", empfiehlt
ein männlicher Teilnehmer der fröhlichen Runde. Als nach 45 Minuten und
etlichen Nachfragen der "Andretter" in Engelskirchen noch nicht
erreicht ist, dämmert mir, dass mein Ratgeber die Entfernung in BMW-Minuten
kalkuliert haben muss. Der "Andretter" entpuppt sich als ein großes
Freiluftrestaurant, das am lauen Sommerabend voll ausgelastet ist. Im
Eingangsflur zur Küche, wo die Wirtin residiert, herrscht mehr Betrieb als am
Sonntag auf einer bayerischen Landstrasse. Das Personal spurtet herein und
heraus. Auf Zehenspitzen an die Wand gelehnt, trage ich die Quartierfrage
vor. "Da", zeigt die Wirtin auf den Platz neben der Kasse,
"liegt eine Liste und da ist ein Telefon. Damit können sie's versuchen.
Wir haben keine Zimmer." Die Liste füllen "Ober- und
Unterratshausens", "-rieds", "-hams",
"-bichls" und andere nie gehörte Namen in beliebiger Kombination,
wie es scheint. Das erste Auswahlkriterium ist der Preis. Ich versuche es mit
dem ersten Ort. "Ist das in der Nähe?" Die Wirtin schüttelt zwischen
zwei Bestellungen den Kopf. Ich probiere etwas anderes. "Und das?"
"Joa." "Mer san leider schon voll", erfahre ich zwei
Minuten später. Das Spiel beginnt von Neuem. "Ist Altenham in der
Nähe?" "Zwei Weiße bitte für Tisch sechs!" "Noa!"
Das gilt mir. "Und wie ist es mit Fussen?" "Dreimal
Würschtel". "Joa". "Mer vermieten jetzt nicht, erst im
September wieder. Wir bauen nämlich um und alles ist so staubig." Es
sehe meine Felle schwimmen und gehe in die Offensive. Das mache überhaupt
nichts. Zu Hause bauten wir auch gerade um, flunkere ich. Überhaupt gehe es
nur um ein Bett irgendwo in der Ecke. "Aber Frühstück konn i iana net
mochn." Ich jubiliere. "Kein Problem mit dem Frühstück. Ich gehe
gerne in eine Bäckerei." Es folgt eine längere Beschreibung, die mit
lauter unvertrauten Namen gespickt ist.

Die Wirtin hat
damit gerechnet und reicht mir wortlos Zettel und Bleistift. Um die Ecke ist
es nicht, aber bis zum Sonnenuntergang scheint es erreichbar. Was ich
schuldig sei, frage ich in Richtung Küche. "Das geht auf die
Gastlichkeit." Ich leiste meinem BMW-Fahrer stumm Abbitte. So schlecht
war der Tipp nicht. Merke: Auch ein Quartier gibt's bei solchen Touren selten
auf dem silbernen Tablett.
Zurückgerollt auf die Hauptstrasse halte ich noch einmal vor dem Ortsplan.
Jetzt erst dämmert es mir, dass Engelskirchen der Sammelname für viele kleine
Ansiedlungen ist. Kein Wunder, dass das Zentrum nicht zu finden war. Nun
suche ich nach "Fussen" und werde mit Hilfe eines freundlichen
älteren Herrn fündig. Er will mir unbedingt eine Abkürzung durch den Wald
nahe legen. Ich bin froh, dass wenigstens eine Beschreibung sitzt. Keine Experimente,
ermahnt mich eine innere Stimme, und nicht mit dem Kopf wackeln, sonst fällt
noch ein Detail heraus! Zehn Minuten später erklimme ich den beschriebenen
Hügel. 
Der Baukran weist weithin sichtbar den Weg zum Quartier, wo ein paar Katzen,
noch mehr Kälber und der Hofhund den späten Gast willkommen heißen. Aus einem
gepflegten Weizenbier wird heute Abend nichts mehr. Da müsse ich zurück zum
"Andretter", bedauert die Wirtin. Das sei die einzige
Gastwirtschaft in der Nähe. So mache ich's wie die Bauersleut und zieh mir
einmal mehr frühzeitig die Decke über den Kopf. Keine falsche Entscheidung,
denn am nächsten Morgen melden sich lange vor sieben die Kühe.
Der erste Blick nach dem Aufstehen geht zu den Fensterscheiben auf der
Hofseite. Es regnet. Ich lege den Regenumhang bereit und die übrige
Regenkleidung in den Taschen nach oben. Zum Glück steht das Fahrrad trocken
in der offenen Garage. Nachdem die Taschen angebracht sind, geht es den
stufenlosen Hang hinauf. Zum Inn soll ich nach der Beschreibung linksherum
fahren, dann über die Bundesstrasse und in der Ortschaft rechts den Berg
herunter. Nach wenigen hundert Metern reißt die Wolkendecke auf und schon
bald betört strahlendes Blau den staunenden Radwanderer. Wie macht man
solches Wetter? Das Regencape wandert in die Tasche und es geht sommerlich
bekleidet weiter. In Engelskirchen strebt eine Frau mit provozierend großer
Brötchentüte eilenden Schrittes nach Hause zum Frühstückstisch. Sie gibt den
letzten Anstoß für die Suche nach frischen Brötchen. Gleich um die Ecke werde
ich fündig. Als ich nach eine halben Stunde die dritte Runde für meinen
Ecktisch bestelle, drängt es mich, wenigstens kurz zur Erläuterung auf den
Radfahrerhunger hinzuweisen. Das Personal nickt verständnisvoll und ich setze
genussvoll die Kalorienaufnahme fort.
Der Zufall will, dass in der Zwischenzeit das Fahrradgeschäft gegenüber seine
Pforten öffnet. Zwar erhalte ich dort nicht die erhoffte Radwanderkarte,
dafür aber den Rat, nach München dem Mangfallradweg zu folgen. Ich gestehe
bereitwillig meine Ignoranz und erfahre, dass es sich um einen Nebenfluss des
Inns handelt. Bislang habe ich mich auf meiner Tour ohne festes Ziel treiben
lassen. Nun stehen ein paar Vorbereitungen an. Die erste besteht darin, in
München ein Zimmer zu buchen. Es klappt auf Anhieb. Etwas länger dauert es,
im Rosenheimer Bahnhof einen Radfahrstellplatz von München nach Münster am
Sonntag zu bekommen. Irgendwann ist auch das geschafft. Zuguterletzt treibe
ich in der Bahnhofsbuchhandlung einen Plan des ADFC-Bayern für den Rest der
Strecke auf. Sicher ist sicher. Den Mangfall in Rosenheim zu finden, bereitet
dagegen keine Probleme. Der Blick auf die Karte bestätigt, dass man mit
diesem Radwanderweg, was die Grobrichtung München angeht, gut aufgehoben ist.
Der Mangfall - abgeleitet übrigens von der "Mannigfaltige" - trägt
einen ganz anderen Charakter als der Inn in seinem Oberlauf. Er ist über
weite Strecken flach, wegen des Untergrunds bräunlich schimmernd, dabei aber
klar und fließt alle hundert Meter über kleine Treppenstufen
("Sohlrampen"), die man für den Fischaufstieg angelegt hat. Auch hier
herrscht wenig Verkehr. Vereinzelte Jogger, wenige Radfahrer und ein paar
Fußgänger bewegen sich auf dem Weg. Der erste Orientierungspunkt von
Rosenheim aus heißt Bad Aibling. Auch danach geht es lange Zeit unmittelbar
am Fluss entlang. Allein der Untergrund ist gemessen am komfortablen
Innradweg grob und mitunter eine arge Rüttelstrecke.
Als der Weg den Fluss verlässt, verfahre ich mich prompt. Die Karte legt
nahe, geradeaus zu fahren, das Radwegschild weist nach rechts. Rechts stellt
sich als falsch heraus. Um nicht den gleichen Weg zweimal zu fahren, versuche
ich, auf den ursprünglichen Kurs nach grober Himmelsrichtung zurückzukehren
und finde ich mich bald auf einer Berg- und Talfahrt durchs bayerische
Hinterland wieder. Immerhin
ist die Landschaft abwechselungsreicher als das letzte Stück an der
Bahnstrecke. Sporadisch bevölkern Freizeitradler aus München die Wege. Sie
nutzen die Möglichkeit, mit der S-Bahn hinauszufahren, um im Umland
einzukehren. Ab Aying leistet die Karte wieder gute Dienste. Die Fahrt geht
weiter auf wenig befahrenen Landstrassen und endet auf dem Isar-Inn-Rundweg,
der streckenweise durch dichte Forste führt. Das
Schild Landkreis München zeigt die Nähe der Landeshauptstadt an und
schließlich ist die Stadtgrenze erreicht. Im Prinzip heißt es jetzt nur noch
geradeaus fahren, dann sollte irgendwann das Deutsche Museum an der Isar
auftauchen. Langsam steigt die Ungeduld. Das erste Mal seit Beginn der Reise gibt
es ein konkretes Ziel - ein bisschen ist es wie mit dem auslaufenden Wasser
in der Badewanne. Erst sinkt der Pegel kaum merklich, um zum Schluss in einem
Strudel zu enden. Aber München zieht sich. Ausgerechnet hier erweist sich der
Kompass am Lenker als nützlich. Er zeigt an, dass die vermeintlich gerade
Strasse die Himmelsrichtung langsam ändert und meinen Weg unversehens auf
einen Südkurs umpolt. Da wollen wir nicht mehr hin, jedenfalls diesmal nicht.
Alles hat ein Ende. So auch der Münchener Stadtrand und schließlich gibt das
Häusermeer den Blick auf die Isarbrücke frei. Was für ein Gefühl! Da passt
es, dass mich die Münchener Pensionswirtin grantig wie schon seit zwanzig
Jahren empfängt. Es hält den leichten Anflug von Sentimentalität, die sich am
Ende der Reise ungebeten einstellen will, in den angemessenen Grenzen.

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