"Konsum" und "Konsumgesellschaft" in historischer Perspektive
Vorschläge zu Definition und Verwendung
Projektbeschreibung: "Von der Nahrung zum Überfluss."
Sammelband zur Geschichte der Konsumgesellschaft/ Paderborn (Schöningh-Verlag) 2002
Vorbemerkung
Es fällt nicht schwer, die wissenschaftliche Neugier an Gestalt und
Geschichte der Konsumgesellschaft mit eindrucksvollen Zahlen über
Ausbreitung und Gewicht dieser Formation in der Gegenwart zu begründen.
Um die Wende zum dritten Jahrtausend sind konsumgesellschaftliche Strukturen
nicht nur in den europäischen Staaten, sondern rund um Erdball allgegenwärtig.
Ungleich schwerer fällt es, plausibel zu machen, warum sich die moderne
Geschichtswissenschaft, zumal jedoch die deutsche, lange Zeit so schwer
mit diesem Gegenstand getan hat. Daß es in der Forschungslandschaft
überhaupt seit etwa anderthalb Jahrzehnten neue Bewegung gibt, ist,
rückblickend gesehen, in erster Linie ein Verdienst englischer und
amerikanischer, mit Abstrichen auch französischer Frühneuzeit-Historiker.
Natürlich ist auch dieser neue Zweig der Forschung nicht die Erfindung
weniger ingeniöser Individuen. Gleichwohl existiert eine Veröffentlichung,
die mehr als andere beanspruchen kann, die neuere Forschung angeregt zu
haben. Es ist der im Jahre 1982 erschienene Band "Die Geburt einer Konsumgesellschaft:
die Kommerzialisierung Englands im 18. Jahrhundert" mit Beiträgen
von Neil McKendrick, John Brewer und J.H. Plumb. Dort findet sich erstmals
die seitdem vielzitierte These, das England der Tudorzeit sei der welthistorische
Durchbruchsort der Konsumgesellschaft, einer neuartigen sozialen Formation,
die das Gesicht der Moderne ebenso nachhaltig bestimmt wie die Französische
und die Industrielle Revolution.
Diese
provokante Deutung, die in offenem Widerspruch zu anderen Interpretationen
stand und steht, regte nicht nur eine Fülle von Folgeuntersuchungen
für England an. In konzentrischen Kreisen entfernte sich das Forschungsinteresse
immer weiter vom ursprünglichen Ausgangspunkt und wandte sich zunehmend
allgemeinen Fragen nach den Wurzeln, Etappen und Folgen der modernen
Konsumgesellschaft zu. An dieser lebhaften Debatte beteiligten sich Zeit-
und Frühneuzeit-Historiker ebenso wie historisch arbeitende Soziologen,
Ethnologen, Kunst- und Literaturhistoriker. Erst im Verlauf der neunziger
Jahren des vorigen Jahrhunderts nahmen einzelne deutsche Historiker diese
Anregungen auf und entwickelten einen eigenen, noch relativ unscheinbaren
Schwerpunkt in der hiesigen Forschungslandschaft. Nach wie vor ist jedoch
der Vorsprung der angloamerikanischer Historiker bei der Erforschung der
Konsumgesellschaft und ihrer Geschichte beträchtlich und angesichts
der fortgesetzt hohen Produktivität auch kaum dabei, schon abzuschmelzen.
Zugriffe
im Vergleich
Betrachtet man den rasch
expandierenden Forschungszweig nun aus der Nähe, drängen sich
folgende Beobachtungen auf. Da ist zunächst einmal die auffällig
große Zahl neuerer Arbeiten zu diesem Gegenstand überhaupt.
Was sich auf diesem Feld seit den achtziger Jahre entwickelt hat, ist bereits
jetzt kaum noch überschaubar. Dabei handelt es sich - zweitens -,
wie angedeutet, schon längst nicht mehr nur um eine Vertiefung des
ursprünglichen Anstoßes, sondern zunehmend um eine Erweiterung
des Fokus. In diesem Kontext meint Konsum sehr viel mehr als nur den Verzehr
von Lebensmitteln oder die Verwendung von Gütern des täglichen
Bedarfs durch den "Endverbraucher". Der Begriff steht vielmehr für
ein weites Feld von Prozessen und Strukturen, von Personen und ihren Handlungen,
ja letztlich für eine umfassende Perspektive zur Analyse und Erklärung
der modernen Gesellschaft überhaupt.
Unter dem weiten Dach des
"Konsums" geht es um die Produktvität der Landwirtschaft und der Konsumgüterindustrie,
um die Geschichte des Handels und des Dienstleistungssektors insgesamt;
um einzelne Erscheinungen wie das Aufkommen von Schaufenstern und - beispielsweise
- auch der Bürgersteige als den Laufstegen der Konsumwelt, aber auch
um das historisch wandelbare Verständnis von Genuß und Glück.
Es geht um die Geschichte der vielen einzelnen Produkte, ihre Herstellung
resp. Entdeckung, den langen Weg von den Auslagen der Geschäfte in
den Besitz einzelner Individuen oder Gruppen bis zu ihrer Formverwandlung
in ein neuartiges allgemeines Abfallproblem. In den Blick rücken die
Formung des Geschmacks durch frühneuzeitliche Höfe, familiäre
Sozialisation, staatliche Einrichtungen, moderne Kunstbewegungen, Museen,
Weltausstellungen u.v.a.m. Besondere Aufmerksamkeit finden das Aufkommen
von Markenartikeln, die Entstehung der Werbung, die Wissenschaft des Marketing,
überhaupt die Steuerung von Konsumentenwünschen durch die Anbieter
von Waren und Dienstleistungen. Komplementär zur Betrachtung der Anbieterseite
befassen sich andere Studien mit der Ausdifferenzierung der Bedürfnisstruktur,
der Verfeinerung der Wahrnehmung durch geschärfte, ausgebildete Sinne
bei den Konsumenten oder mit der Entwicklung der Tischsitten und Moden,
mit der Beziehung von Alltag und Fest, und zunehmend auch mit der Konstruktion
individueller und kollektiver Identitäten mit Hilfe käuflicher
Güter. Vor allem bei amerikanischen Forschern bildet die Frage nach
Einstellung und Umgang der Menschen mit der Welt der Waren einen der Hauptschwerpunkte.
Natürlich gehören
zur Geschichte des Konsums nicht nur Fortschritte und Erweiterungen, sondern
auch Einschränkungen ökonomischer, sozialer, rechtlicher und
normativer Art: die Höhe der Einkommen, ihre Unberechenbarkeit bei
großen Teilen der Lohnarbeiterschaft, das ausgeprägte Spannungsverhältnis
von Sparen und Ausgeben, der Ratenkredit wie das Anschreibenlassen oder
das Haushaltsbuch, frühneuzeitliche Konsumregulative ebenso wie die
Verbrauchssteuerung in Kriegen oder die Geschichte der Lebensmittelzölle
und der Verbrauchssteuern, Reinheitsgebote, moderner Verbraucherschutz
und natürlich die religiös, politisch oder sonstwie motivierte
Zensur. Immer wieder geht es jedoch auch um die konstitutiven Schranken
des Genusses, die Gleichzeitigkeit von Lust und Frust, die Vergeblichkeit
allen Bemühens, über den Gütererwerb dauerhaftes Glück
zu erreichen.
Müßig zu betonen,
dass die Geschichte des Konsums in enger Wechselbeziehung zur Ausbildung
von Geschlechtscharakteren wie zur Geschichte der Geschlechterbeziehungen
insgesamt steht. Wie übermächtig die Anziehungskraft der Welt
der Güter und Dienstleistungen sein kann, illustrieren Studien zur
Geschichte des Ladendiebstahls, der Trunk- und Drogensucht, der Verschuldung
und der sozialen Bewegungen zu ihrer Eindämmung. Vom Konsum her, scheint
es, lassen sich zentrale Vorgänge bei der Modernisierung der Sozialstruktur
wie die Auflösung scharf voneinander abgehobener sozialer Klassen,
der Trend zur Pluralisierung der Lebensstile und zur oft behaupteten Individualisierung
besser verstehen. Der Konsum, das illustrieren Studien zur Entwicklung
des Handels und der Kolonialwaren, verbindet Fernes und Nahes, Dorf, Region
und Weltmarkt. So erst wird bewußt, wie nachhaltig die Wirtschafts-
und Sozialstruktur vieler nicht-europäischer Länder spätestens
seit dem Zeitalter der "Entdeckungen" von Konsumoptionen des europäischen
Marktes her bestimmt wird. Der Stellenwert des privaten Konsums im Verhältnis
zum Umfang der Staatstätigkeit schließlich, Präferenzen
bei der Wahl zwischen Zeit und Geld, die sich in Arbeitszeit- und Urlaubsregelungen
niederschlagen, dienen als Parameter zur vergleichenden Beschreibung ganzer
Gesellschaften.
Das dritte Merkmal der neueren
angloamerikanischen Forschung ist ihre enorme zeitliche Spannweite. Nicht
zuletzt die These vom Durchbruch der Konsumrevolution im 18. Jahrhundert
hat wesentlich dazu beigetragen, der weiteren Forschung von vornherein
genügend historische Tiefenschärfe zu verleihen. Unter dem Aspekt
der Konsumgesellschaft betrachten englische Historiker inzwischen ebenso
das Nordamerika der Kolonialzeit, die Niederlande im 17. Jahrhundert, das
Italien der Renaissance wie auch die englische Gesellschaft der Gegenwart.
Schließlich fällt
- viertens - besonders an der amerikanischen Forschung der kritische Zugriff
fast aller neueren Arbeiten auf das Thema auf. Es ist kein Zufall, wenn
die Herausgeber eines jüngst erschienenen Readers zur "Consumer Society"
den Altmeister der Konsumkritik, den Ökonomen John Kenneth Galbraith,
zu einem Vorwort einladen. Viele amerikanische Historiker identifizieren
den Fortschritt der Konsumgesellschaft mit dem Vordringen materialistischer
Werte und der Ausprägung eines spezifischen, durch und durch kommerzialisierten
"American way of life" im 20. Jahrhundert. Politisch steht hinter dieser
Kritik neben dem allgemeinen Unbehagen am ungebremsten Fortschritt des
Kommerzes vor allem die Kritik am einseitigen Vorrang des privaten Sektors
vor öffentlichen Einrichtungen, an der Verdrängung der auf die
Öffentlichkeit bezogenen Tugenden des amerikanischen Bürgers
und zunehmend - wenn auch immer noch weniger als in Europa - die Sorge
um die Zukunft der natürlichen Umwelt. Thorstein Veblens "Theorie
der feinen Leute", Adornos und Horkheimers "Dialektik der Aufklärung"
und eben John Kenneth Galbraiths 1958 erstmals erschienene "Gesellschaft
im Überfluß" bilden die zentralen Referenzen dieser Position.
Im Vergleich zu den genannten
älteren Deutungen wirkt diese kritische Perspektive jedoch erheblich
modifiziert und bis zu einem gewissen Grade auch moderiert. Erscheinen
bei Galbraith und anderen Autoren der späten fünfziger Jahre
die Konsumenten gelegentlich als bloße Marionetten an den Fäden
geschickter Manipulateure in den Marketingabteilungen der großen
Konzerne, nimmt die neuere Forschung die Menschen, die Waren und Dienstleistungen
nutzen und verbrauchen, als mitgestaltende Akteure der historischen und
aktuellen Entwicklung ungleich ernster. Dies hat ein einfache methodische
Prämisse: Dass Konsumgüter ein wesentlicher Bestandteil bei der
Konstruktion und Repräsentation von Identität in modernen Gesellschaften
darstellen, kann geradezu als erster Glaubensartikel der modernen Konsumforschung
gelten. Grundeinsichten der neueren kulturgeschichtlichen Debatte prägen
unverkennbar auch den Aufbruch dieses Forschungszweigs.
Die Intensität der Debatte,
die Vielzahl laufender Arbeiten, eine eindrucksvolle thematische Breite
bei gleichzeitiger epochenübergreifender Ausrichtung, die Reflexivität
hinsichtlich ihrer methodischen und normativen Prämissen, nicht zuletzt
auch die verbreitete systematisch-kritische, akteurszentrierte Perspektive
deuten an, dass die "Konsumgesellschaft" in England Frankreich und den
USA dabei ist, die Qualität eines neuen geschichtswissenschaftlichen
Paradigmas zu gewinnen. Davon ist die Forschung hierzulande trotz einer
Reihe wichtiger Veröffentlichungen noch weit entfernt. Nicht nur,
dass die Zahl einschlägiger Untersuchungen wesentlich geringer ist.
Nach wie vor konzentrieren sich auch jüngere Untersuchungen zur Konsumgeschichte
auf ein relativ enges Themenspektrum. Dieses Vorgehen begrenzt die mobilisierende
Wirkung und Ausstrahlungskraft dieser Arbeiten auf angrenzende Forschungsgebiete.
Zu den auffälligen und
bedeutsamen Unterschieden gehört ferner, daß die Konsumgesellschaft
in Deutschland anders als in England im allgemeinen Zeitbewußtsein
wie auch in großen Teilen der Geschichtswissenschaft weniger als
eine Struktur der "longue durée", denn als eine Erscheinung der
Jahre nach 1945, resp. sogar erst der späten 1950er Jahre wahrgenommen
wird. So hat die englische Debatte in der deutsch-sprachigen Frühneuzeit-Forschung
kaum Resonanz gefunden.
Ursachen
der Verspätung
Die Motive für die unübersehbare
Zurückhaltung deutscher Historiker gegenüber der Welt des Konsums
können nicht allein, wohl nicht einmal überwiegend, in Besonderheiten
der deutschen Gesellschaft resp. der Geschichtswissenschaft gesucht werden.
Auch die neuere angelsächsische Forschung wirkt, gemessen an ihren
eigenen Periodisierungsvorschlägen, als ausgesprochener Spätankömmling.
Auch wenn es aus grundsätzlichen Überlegungen heraus immer schwierig
ist, die Abwesenheit von Entwicklungen überzeugend zu erklären,
scheint der Versuch doch verlockend, weil sich vermutlich nur auf diesem
Wege lange Zeit wirksame Blockaden erkennen und überwinden lassen.
Konsum, schrieb ein französischer
Autor zu dieser Frage Anfang der 1960er Jahre, sei in vielen Kulturen eng
mit der Verletzung grundlegender Normen assoziiert. Mit seiner Thematisierung
berühre der Wissenschaftler gleichsam ein Tabu. In der Tat sind kritische
Haltungen gegenüber dem Konsum in vielen historischen Gesellschaften
nachweisbar. Wo Gruppen oder Gesellschaften die Endlichkeit verfügbarer
Ressourcen vor Augen steht und die Interessenten im Horizont eines Nullsummenspiel
agieren, erscheint Konsum häufig in ungünstigem Licht. Dem Konsumierenden
wird unterstellt, daß er knappe Reserven vorzeitig verbrauche resp.
einem sinnvollen Zweck entziehe. Solche Kritik kann das auszutarierende
familiäre Budget im Auge haben, den Staatshaushalt, die als endlich
begriffenen Produktivkräfte einer Volkswirtschaft oder die im nationalen
oder Weltmaßstab vorhandenen und nicht vermehrbaren Rohstoffe. Häufig
bezieht diese Kritik ihre Überzeugungskraft aus antizipierten Krisen.
Der prognostizierte Fortschritt des Konsums steht für das Abschneiden
von Entwicklungsmöglichkeiten der Familie, einer Gruppe, eines Staates,
der Weltgesellschaft überhaupt.
Doch trägt die Erklärungskraft
dieses Arguments weniger weit, als es den Anschein hat. Aus historischer
Sicht ist darauf hinzuweisen, daß skeptische Einstellungen gegenüber
dem Konsum keinesfalls zu jeder Zeit vorherrschten. Es gehört zu den
wichtigen Anzeichen für die Entfaltung konsumgesellschaftlicher Strukturen
im England des 18. Jahrhunderts, daß in der damaligen Öffentlichkeit
Stimmen an Resonanz gewannen, die explizit die Vorzüge einer Ausweitung
des Konsums betonten. Von einem vorgeblichen Laster, hinter dem sich in
Wahrheit eine Tugend verberge, sprach etwa Bernard de Mandéville
in einer berühmt gewordenen Schrift zu seinen Landsleuten. Eine nachdrückliche
Bejahung von Konsum gehört zu den zentralen Aussagen der modernen,
wachstumsorientierten Wirtschaftswissenschaft. Gleiches gilt etwa für
die Vision des "Fordismus", die bekanntlich in der Zwischenkriegszeit und
den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg in vielen Industrieländern auf
große Resonanz stieß. Und natürlich charakterisiert eine
positive Einstellung zum Konsum mehr als alles andere den zeitgenössischen
Neoliberalismus. Ohne Konsum, argumentieren neoliberale Denker, gäbe
es keinen wirtschaftlichen Fortschritt und keine soziale und politische
Stabilität. Konsum reiße die Schranken nationaler Borniertheit
ein, schneide überständige Zöpfe ab, entfessele Energien
für eine modernere, offenere Gesellschaft und eröffne die Perspektive,
über eine Erfüllung aller Konsumwünsche die Welt dauerhaft
zu befrieden. Die demokratischen Revolutionen in den Ländern Osteuropas
Anfang der 1990er Jahre kamen für diese Auffassung gerade Recht, um
zu belegen, daß Konsum nicht nur zu höherer Produktivität
ansporne, sondern ermuntere, drückende politische Verhältnisse
abzuschütteln. In letzter Instanz ist die akteursorientierte Perspektive
der neueren Konsumgeschichtsschreibung selbst ein Beleg für eine geänderte,
positivere Einstellung gegenüber diesem Gegenstand in der zeitgenössischen
Gesellschaft.
In summa erscheint die Assoziation
von Konsum und Schuld als ein historisch variabales Phänomen, das
seinerseits genauer zu betrachten ist, um den erwähnten Blockaden
auf die Spur zu kommen. In diesem Zusammenhang erscheint die Beobachtung
bedeutungsvoll, daß Konsum keineswegs nur als Verschwendung, sondern
häufig als Bedrohung und Zerstörung überlieferter Ordnung
und Werthaltungen wahrgenommen wird. Diese Status quo orientierte Kritik
wird typischerweise von Vertretern aus den oberen Rängen der sozialen
Hierarchie, von den Führern sozialer Bewegungen respektive den Senioren
im Zusammenhang mit Generationskonflikten formuliert. Wichtige Varianten
dieser Kritik findet man in den heftigen Kontroversen um national-kulturelle
Leitbilder, die im 20. Jahrhundert unter Überschriften wie ‘Kampf
dem Amerikanismus' bzw. ‘Wider den westlichen Lebensstil" ausgetragen wurden.
Der Verdacht liegt nahe,
dass an der Wurzel der Nichtthematisierung des Konsums neben anderen Motiven
möglicherweise auch die Affinität der Geschichtswissenschaft
und ihrer Träger zu nationalen Identitätskonstruktionen wie auch
- als zweiter ebenso wichtiger Umstand - das unreflektiert antikonsumistisch-bildungsbürgerliche
Selbstverständnis ihrer Träger stehen. Fragt man an dieser Stelle
weiter, stößt man auf den grundlegenden Sachverhalt, dass sich
soziale Ordnungen fast immer in exklusiv gestalteten Konsummustern abbilden
und von dorther gestützt und eingelebt werden. Insignien der Macht
und des Ranges, deren profane Herkunftsquellen den Zeitgenossen nicht mehr
gegenwärtig sind, sehen sich durch Nachahmung und Vervielfältigung
ihres exklusiven Verweischarakters beraubt und eben dies wird von ihren
Trägern als Bedrohung der Ordnung selbst empfunden.
Neben diesen sehr allgemeinen
Motiven existieren zweifellos noch andere, konkrete Faktoren, die die Verspätung
der Konsumgeschichtsschreibung mit erklären. Eine wissenschaftsgeschichtliche
Ursache dürfte darin liegen, dass sich die neuere Sozialgeschichte
in wichtigen Bereichen aus der Geschichtsschreibung der Arbeiterbewegung
heraus entwickelt hat. Als die Themenfelder, die die Sozialhistoriker bearbeiteten,
im Verlauf der siebziger Jahren breiter wurden, blieben die Produktionsverhältnisse,
die Arbeitsbedingungen, der technische Wandel am Arbeitsplatz, betriebsbezogene
Protestformen, überhaupt der Zusammenprall von Produzenteninteressen
weiterhin Leitthemen. Auch die Wirtschaftsgeschichte lieferte in dieser
Hinsicht keine Denkanstöße. Sowohl in der marxistischen wie
in der neoklassischen Theorietradition spielt der Konsum keine prominente
Rolle. Nicht unterschätzen sollte man schließlich, dass die
drückenden Einkommensverhältnisse der Arbeitnehmer einen wesentlichen
Motivhintergrund der Arbeitersozialgeschichtsschreibung bildeten. Bei diesem
Ausgangspunkt machte es wenig Sinn, nach wie immer gearteten Gestaltungsspielräumen
auf dem Gütermarkt zu fragen.
Natürlich trugen auch
all die Traditionen, die offenen oder unterschwelligen Motivationen, die
den Rückstand der Frauengeschichte erklären, ihren Teil dazu
bei, das Interesse an der Geschichte des Konsums gering zu halten. Die
im öffentlichen Raum ausgetragenen Kämpfe männlicher Produzenten
interessierten ungleich mehr als die nur schwer sichtbar zu machenden Versuche
weiblicher Konsumenten, mit dem verfügbaren Einkommen das Auskommen
der Familie praktisch zu gestalten. Gegenüber der imposanten Fabrikfassade
wirkt der unscheinbare Kramladen als Arena per se als Nebenschauplatz im
Ensemble proletarischer Lebensverhältnisse.
Dabei ist die Annahme, dass
niedriges Einkommen einen bestimmten Lebensstil inhaltlich präformiert
oder gar alternativlos macht, durch die Spezialforschung im Grunde längst
widerlegt. Budgetuntersuchungen haben gezeigt, welches Maß an Varianz
in den Verbrauchspräferenzen es schon in Weimar respektive im Kaiserreich
gab. Und wie sollte man den entschiedenen und erfolgreich geführten
Kampf gegen das "Truckwesen" erklären, wenn nicht auch damit, dass
gerade die junge Schicht der Fabrikarbeiterschaft die im Prinzip unlimitierte
Freiheit, die ihr die Geldform der Einkommen auf den Gütermärkten
eröffnete, zu schätzen und zu verteidigen wußte.
"Handel ist Wandel" heißt
es gelegentlich hilflos-resigniert in den Kolumnen der einschlägigen
Wirtschaftspresse, wenn es darum geht, einem breiteren Publikum die Ursachen
für den Niedergang einzelner Konsumgüterbranchen bzw. ihrer Vertriebsunternehmen
konkret zu benennen. In dieser Allerweltsformel scheint auf, wie schwierig
es häufig ist, nachvollziehbare Gründe für die heftigen
Schwankungen der Nachfrage und den rasanten Wandel des Geschmacks zu benennen.
Weil der vorgebliche Kern der modernen Konsumgesellschaft, die rasch wechselnden
Optionen einer geschmacksgesteuerten Nachfrage, so irrational wirkt, ist
die Neigung groß, das Phänomen insgesamt als mit wissenschaftlichen
Methoden nicht bearbeitbar zu betrachten. In der Tat wirft die geringe
Halbwertzeit vieler Konsumoptionen im Zeitalter der Massenproduktion methodische
wie auch Quellenprobleme auf. Nicht zufällig ist die Aktenüberlieferung
großer Produktionsbetriebe in der Regel ungleich weniger gestört
als die von Handels- und Dienstleistungsunternehmen.
Doch selbst diese ernstzunehmende
praktische Schwierigkeit existiert so nicht überall, sondern ist in
dieser Zuspitzung ein durch besondere historische Umstände bedingtes
deutsches Sonderphänomen. Die relative Verspätung, mit der sich
großbetriebliche Strukturen hierzulande durchsetzten, die Verfolgungspraxis
des Nationalsozialismus, insbesondere die Folgen seiner Arisierungspolitik
und die Auswirkungen des Krieges haben gerade im Bereich des Handels viele
wichtige Unternehmensarchive zerstört. Dass das verfügbare Quellenmaterial
dennoch ausreicht, um umfassende Darstellungen der Handelsgeschichte zu
schreiben, belegen einige grundlegende Untersuchungen aus den letzten Jahren.
Die Annahme, die Flüchtigkeit
vieler Konsumerfahrungen in der Moderne mache die Konsumgesellschaft selbst
zur nicht-thematisierbaren Chimäre, beruht letztlich auf einem Denkfehler.
Der historische Zustand einer rasend schnell revolvierenden Warenwelt und
darauf ausgerichteter Normen und Verhaltensweisen setzt nicht nur einzelne
Strukturen, sondern ein komplexes System im Hintergrund voraus, ein Produkt
langer historischer Entwicklung.
Der imposante Kenntnisstand
über Struktur und Entwicklung der Konsumgesellschaft in den USA und
England ist freilich nicht nur das Ergebnis aktueller Forschung. Letztlich
zehrt die neuere Konsumgeschichtsschreibung ganz wesentlich davon, dass
es ihr gelang und weiterhin gelingt, an ältere Wissensbestände
anzuknüpfen und sie produktiv einzubinden. Nur so erklären sich
Breite und Geschwindigkeit des Aufholprozesses. Es steht außer Frage,
dass es solche umfangreichen Wissensbestände auch in Deutschland gibt:
das Desinteresse an der Handelsfunktion charakterisiert die moderne, neoklassisch
inspirierte Wirtschaftsgeschichtsschreibung sehr viel mehr als die Historische
Schule der Nationalökonomie. Im Zusammenhang mit der Erforschung sozialer
Ungleichheit sind nicht nur viele materialreiche Arbeiten über das
Einkommen von Arbeitnehmern in verschiedenen Perioden, sondern auch über
Haushaltsbudgets u.v.a.m. entstanden. Angesichts der Breite und Qualität
des diesbezüglichen Kenntnisstandes sind die Voraussetzungen für
einen Nachholprozeß auch hierzulande exzellent.
Konsum
als Wahl und Wahlbewußtsein
Die vorstehenden Ausführungen
verdeutlichen, dass man bei einer Thematisierung von Konsum angesichts
der Ubiquität des Begriffes und der vielen unterschiedlichen Kontexte
seiner Verwendung nicht von einem gemeinsamen Vorverständnis ausgehen
kann. Aus diesem Grund werden im folgenden einige Vorschläge zur Begriffsverwendung
und Abgrenzung gemacht.
Vorweg eine grundsätzliche
Bemerkung. Viele Probleme beim Umgang mit theoretischen Konzepten in der
Praxis historischen Arbeitens haben ihren Ursprung darin, dass die vorgeschlagenen
Definitionen als Gattungsbegriffe verstanden werden, denen ein Phänomen
gleichsam mit "Haut und Haaren" zugerechnet werden kann. Tatsächlich
erweist es sich oft als wesentlich fruchtbarer, Definitionen als Tendenzbegriffe
zu verstehen, die sich auf einzelne Seiten eines historischen Phänomens
beziehen und in ihrer idealtypischen Reinheit in der Realität so nicht
auffindbar sind. In diesem Sinne etwa geht kein Gegenstand darin auf, Konsumgut
zu sein, ebensowenig wie eine Person nur Konsument und eine bestimmte Gesellschaft
nur Konsumgesellschaft sind. Sachen, Personen, Handlungen können nahezu
ausschließlich oder auch nur sehr eingeschränkt zu Konsumgütern
werden. Sie können dabei äußerlich intakt und unberührt
bleiben, im Prozeß des Konsumierens einem radikalen Formwandel unterliegen
bzw. weitgehend "verbraucht" werden. Wirklichkeit und Begriff sind zweierlei.
Eine verbreitete, auf den
ersten Blick plausible Definition von Konsum lautet: Konsum ist Auswahl,
Erwerb, Besitz und Verwendung (inkl. Inanspruchnahme) von Gütern wie
auch Dienstleistungen zu privaten Zwecken. Diese Definition erscheint breit
genug, um viele der genannten Erscheinungen zu erfassen. Unter dem Aspekt
historischer Entwicklung scheint sie allerdings wenig fruchtbar, weil sie
offensichtlich statisch ist. Der Konsumforscher Gerhard Scherhorn, von
dem sie stammt, hat an der entsprechenden Stelle seines Artikels ergänzend
vorgeschlagen, von "Marktentnahme" als weiterem wichtigen Kriterium für
Konsum zu sprechen. Auch wenn Scherhorn dies wohl nicht im Sinne hatte,
bietet diese Ergänzung doch einen Anknüpfungspunkt zur Historisierung
der Definition. Markt ist keine überzeitliche Kategorie, sondern eine
historisch gewordene Institution, die sich schrittweise durchsetzte, mit
anderen Steuerungsformen mischte und, wie aktuelle Debatten zeigen, mancherorts
ihre Zukunft noch vor sich hat.
Allerdings deckt auch der
Hinweis auf den Markt und sein Hauptmedium, das Geld, nicht alle Phänomene
ab, die für eine moderne Konsumgesellschaft und ihre Dynamik verantwortlich
erscheinen. Eine wichtiger Teil der Voraussetzungen konsumgesellschaftlicher
Entwicklung liegt nicht in objektiven Strukturen, sondern in Veränderungen
grundlegender Muster der Wahrnehmung. Im Übergang zur Moderne erwerben
immer mehr Menschen die Fähigkeit, die sie umgebende Welt zu "verfremden",
sich von ihr zu distanzieren, um sie - respektive einzelne Ausschnitte
- in "Objekte" zur Befriedigung materieller, emotionaler und ästhetischer
Bedürfnisse zu verwandeln. Der Erwerb dieser Fähigkeit ist an
vielerlei Voraussetzungen materieller, zeitlicher und normativer Art geknüpft.
Die Fähigkeit zur Ästhetisierung der Umgebung setzt in weitestem
Sinne etwa eine Entlastung von anderen drängenden Bedürfnissen,
aber auch ein Bewußtsein der Nichtzugehörigkeit zur Sphäre
des Konsumierten voraus. Man kann darin das mentale Komplement zum Prozeß
struktureller Differenzierung im Übergang zur Moderne sehen.
"Konsum" besäße
nach diesem Definitionsvorschlag eine objektive und eine subjektive Dimension.
Beide müssen sich nicht in Deckung befinden, ähnlich wie es gewöhnlich
eine Differenz zwischen einer Klasse "an sich" und "für sich" gibt.
Merkmal von Konsum in einem modernen Sinne - im Sinne dieses Telos soll
der Begriff an dieser Stelle verstanden werden - ist von der objektiven
Seite her die Vermittlung über den Markt. Das impliziert auch, dass
ein Konsumgut in der Regel nicht durch den Konsumenten selbst produziert
- im Grenzfall: in keiner seiner Komponenten - , sondern über ein
abstraktes Tauschmedium (zumeist Geld) angeeignet wird. Es ist dieser Mechanismus,
der dafür sorgt, dass das erworbene Gut am Ende vollständig austauschbar
erscheint.
Zu einem Konsumobjekt wird
eine Dienstleistung bzw. ein materielles/ immaterielles Objekt jedoch vollständig
erst durch die Haltung, mit der es "verzehrt" wird. Diese Haltung soll
hier als "konsumistisch" bezeichnet werden. Von ihrer Entstehung her ist
sie keineswegs eine einfache Funktion ökonomischer Prozesse und Strukturen.
So ist es auch nicht immer notwendig, dass das entsprechende Objekt, auf
das sich eine konsumistische Haltung bezieht, von Menschen hergestellt
und/oder über den Markt vermittelt wird. Dem modernen Menschen eignet
grundsätzlich die Fähigkeit an, auch die unbelebte Natur, ja
selbst den Anblick anderer Menschen in ein Objekt seines Genusses zu verwandeln.
Diese subjektive Haltung
enthält unterschiedliche, zum Teil gegensätzliche Elemente, an
deren Widersprüchen sich intensive Kontroversen festgemacht haben.
So hat man darauf hingewiesen, dass Konsum keineswegs nur ein passiver
Vorgang ist, und zwar nicht nur deshalb, weil reiner Konsum ohne Reste
aktiver Zubereitung einen seltenen Grenzfall darstellt. Auch in einer konsumistischen
Haltung treffen aktiv gestaltende und passiv empfangende Elemente aufeinander.
Um das Gesagte an einem Beispiel
zu erläutern: Als Konsument von Sehenswürdigkeiten verwandelt
der einzelne Tourist Objekte aktiv, durch Ausblenden und Selektieren, in
spezifische Konsumgüter. So blendet er etwa den störenden Autolärm
vor dem Kolosseum in Rom aus, um den Anblick zu genießen. Gleichzeitig
fügt er für den Genuss Elemente hinzu, die es ihm ermöglichen
- mit Unterstützung bezahlter Dienstleister wie der Reiseführer
vor Ort, vorgängiger Lektüre etc. -, in der Ruine das beeindruckende
Wirken römischer Baumeister zu erblicken. So disponiert, läßt
er den Anblick "auf sich wirken". Erst durch eine beträchtliche Eigenleistung
verwandelt sich der zerstörte Bau in ein herausragendes Objekt vorübergehenden
Genusses. In einer "konsumistischen" Haltung überlagern sich mithin
bewusst-steuernde Elemente mit einem Sich-Versenken und passiven Sich-Einlassen
auf das zu konsumierende Objekt. Im übrigen sind Auswahl und Gestaltung
der Reise immer zugleich auch Ausweis und Demonstration nach außen,
Konstruktion eigener Identität in und für die jeweilige soziale
Umgebung.
Was hier am Beispiel ästhetischen
Genusses ausgeführt wurde, läßt sich auf nahezu jede andere
Konsumhandlung und -situation übertragen. Man könnte, in Analogie
zu theoriegeleiteten Deutungen von Wirklichkeit, auch von "Isolieren" und
"Generalisieren" als Bedingung genießerischen Konsums sprechen. Konstitutiv
für eine konsumistische Haltung in Abgrenzung zu anderen Einstellungen
gegenüber Personen und Gegenständen, erscheint, dass das Objekt
der Bedürfnisbefriedigung - so sehr es im Moment des Genusses auch
der Tendenz nach absolut gesetzt wird - vor und nach dem zeitlich begrenzten
Akt des Konsums, genauer: nach der Abschwächung der primären
Sinneseindrücke und der vorübergehenden emotionalen Mobilisierung,
als grundsätzlich austauschbar begriffen und behandelt wird - entsprechend
dem Motto: ‘Und was machen wir als nächstes?'
Dies dürfte die entscheidende
Differenz zwischen vormodernen Formen des Genusses, die auch schon Kenntnisse
und aktive Zutaten voraussetzten, und einer modernen konsumistischen Haltung
ausmachen, wobei viele Abstufungen denkbar sind. Gerade auch ästhetischer
Konsum in der Moderne erscheint in diesem Sinne als Selektion aus einer
breiten Palette möglicher Erlebnisse. Dieses subjektive Wahlbewußtsein
in Analogie zur objektiven Fremdversorgung über einen anonymen Markt
macht, um es noch einmal zu betonen, einen unverzichtbaren Bestandteil
einer konsumistischen Haltung aus. Der Isolierung des Gegenstandes aus
seinen Bezügen korrespondiert die innere Abgrenzung und Herauslösung
des Individuums aus überlieferten Ordnungsvorstellungen und den von
dorther an es gerichteten Verhaltenserwartungen. Der moderne Konsument
begreift sich als ein zwischen verschiedenen Optionen frei "Wählender".
Wesentliche Entscheidungskriterien ergeben sich aus dem - idealiter - zweckrationalen
Vergleich zwischen den Eigenschaften der vor ihm liegenden Angebote. Die
Vorstellung eigener Individualität und nicht hintergehbarer eigener
Interessen als Konsument dienen dabei als letzte subjektive Referenzpunkte.
Die hier vorgeschlagenen
Kriterien erlauben es nicht, eine Haltung eindeutig als "Konsum" oder "Nichtkonsum"
zu klassifizieren. Konsum in diesem Sinne beruht auf Merkmalen, die selten
in reiner Form vorkommen. Was man in der "naturtrüben" Realität
(Nipperdey) auffindet, sind unterschiedliche Mischungsverhältnisse.
Zu diesen Mischungen - das ist eine weitere wichtige Dimension von Konsumgesellschaft
- tragen die Konsumierenden selbst entscheidend bei, indem sie sich bemühen,
den einmal ausgewählten und erworbenen Objekten durch "stilvollen"
Gebrauch die Qualität von austauschbaren, beliebig verfügbaren
Konsumgütern wieder zu nehmen. Die erworbenen Objekte werden, pointiert
ausgedrückt, in Idole einer ‘Religion auf Zeit' zurück verwandelt.
Das heißt, auf Auswahl und Erwerb aus einem breiten Angebot folgen
typischerweise auf Exklusivität und Unverwechselbarkeit gerichtete
Strategien.
Unter den Bedingungen der
Vormoderne geschah dies häufig mittels rechtlicher Sicherungen. So
trachtete der Adel danach, einzelne Güter in gesicherte Zeichen seines
Vorrangs zu verwandeln. Residuen dieser Strategien in der Moderne sind
etwa das Reservieren bestimmter Farben und Formen für hoheitliche
Zwecke. Je weniger es möglich ist, den Erwerb einzelner Gütern
exklusiv für den Eigenbedarf zu reklamieren, desto wichtiger wird
für den Erfolg exklusiver Strategien die Beherrschung von Stilen.
Formal gesehen, sind diese nichts anderes als komplexe Arrangements. So
verlagert sich der Zeichencharakter vom einzelnen Ding auf die Fähigkeit
zur Gestaltung eines konsistenten Ensembles.
Selbstverständlich geht
es bei der Stilisierung nicht allein um das Behaupten auf dem Jahrmarkt
der Eitelkeit. Ein wichtiger, bis zur Ankunft der Wohlstandsgesellschaft
weit verbreiteter Umgangsstil mit Konsumgütern läßt sich
als "Habitus der Knappheit" umschreiben. Der bewußt schonende Umgang
mit erworbenen Gütern, die demonstrative Ablehnung etwa von "Fabrikware"
als nicht dauerhaft haltbar, die Bevorzugung von "Gediegenem" usf., haben
ihre Wurzeln - nicht nur - aber sehr wohl auch in beengten ökonomischen
Verhältnissen. Die damit umschriebene Art des Umgangs wird von denen,
die sie praktizieren, zumeist nicht als von den äußeren Umständen
her erzwungenes Schicksal begriffen und ist es de facto auch nicht. Oft
erscheint sie dem nachträglichen Betrachter, im Gegenteil, als Quelle
stolzen Selbstbewußtseins. Auch in diesem Fall gilt freilich, dass
sich dieser Habitus fast nie auf jedes Bedürfnis bezieht. Knappheitsgestus
und Bereitschaft zur "Verschwendung" paaren sich in der Regel mit unterschiedlichen
Gewichten.
Konsumgesellschaftlicher Fortschritt
als Bündel von Prozessen
Man wird der "naturtrüben"
Realität von Konsumgesellschaft, ihrem langen historischen Werden,
den Vor- und Rückwärtsbewegungen in einzelnen Bereichen, den
Disparitäten zwischen Gruppen, Regionen und ganzen Gesellschaften
in der Forschungspraxis am ehesten gerecht, indem man sie als ein Bündel
von Entwicklungen mit eigener Logik und je spezifischem Tempo faßt.
- Ein wichtiger Fluchtpunkt,
auf den sich dieses Bündel von Entwicklungen beziehen läßt,
ist die Etablierung und Ausbreitung der Figur des selbstbewußten,
mit Geld, Zeit und Information ausgestatteten Käufers und die Durchsetzung
korrespondierender Werte und Institutionen in seinem Umfeld. Zu den typischen,
langfristigen Folgen der Stabilisierung und Einübung der Käuferrolle
gehört, dass die Produktion in den Hintergrund tritt. Sie wird "Hintergrunderfüllung"
(Gehlen). Wenn nicht Gegenbewegungen einsetzen, entlastet das den Konsum
im engeren Sinne von spezifischen Mühen, aber auch vom sicheren Wissen
über Zusammensetzung und Herkunft des Verzehrten und setzt ihn neuen
Risiken aus. Produzent und Konsument treten sich fremd und gleichgültig
gegenüber. Aus konkreten Personen und Einrichtungen werden in der
wechselseitigen Wahrnehmung medienvermittelte, bewußt erschaffene
Bilder. Umgekehrt sieht sich die Berufstätigkeit des Individuums von
zusätzlichen Aufgaben freigesetzt, um fortan im wesentlichen von der
"teilsystemischen Logik" des Produktionssektors her bestimmt zu werden.
Die Beziehung zwischen dieser Tätigkeit und dem Konsum ist für
den Einzelnen zumeist nicht mehr inhaltlich, sondern nur noch quantitativ
bestimmt: als Interesse an einer möglichst großen Summe von
Barmitteln für die Konsumgüterbeschaffung. Für den Konsum
im engeren Sinne bedeutet dies, dass er mehr denn je die Chance erhält,
sich zum reinen Genuß weiter zu entwickeln.
Ausgangspunkt für die
Entfaltung konsumgesellschaftlicher Strukturen unter diesem Fluchtpunkt
ist zunächst
- der Übergang von der
Selbst- zur Fremdversorgung in allen Bereichen der Konsumtion. Der Nationalökonom
Karl Bücher hat dafür die typisierte Stufenfolge von der "Hauswirtschaft"
über die arbeitsteilig organisierte "Stadtwirtschaft" zur "Volkswirtschaft"
(Bücher) entworfen.
Hierbei bleibt u.a. im Auge
zu behalten, welche wichtigen Funktionen auch heute noch die Familie erfüllt.
Auch wäre daran zu erinnern, dass immer wieder genossenschaftliche
Lösungen der unterschiedlichsten Art gesucht wurden und werden, um
Bedürfnisse durch die kollektive Eigenproduktion resp. den gemeinschaftlichen
Ankauf von Gütern und Dienstleistungen zu befriedigen. Die technischen
Möglichkeiten des Internet erlauben es zunehmend, solche Zusammenschlüsse
rein pragmatisch und zweckorientiert als spontane Zusammenschlüsse
zu organisieren. Traditionell geschah dies jedoch häufig im Rahmen
weltanschaulicher Gemeinschaften oder als Anlagerung an andere Zusammenschlüsse.
Aus dieser Verbindung von Konsumtiongemeinschaft und Weltanschauung entwickelten
sich oft bestimmte Konsumstile ("Milieus").
Auch das moderne "Do-it-yourself"
und die damit zusammenhängende rasante Expansion der sog. Heimwerkermärkte
seit dem Zweiten Weltkrieg sind Erscheinungen die Lücken schließen,
welche das traditionelle Reparaturhandwerk hinterließ. Ihr Aufkommen
belegt, dass die Entwicklung nie linear verlief. Grundsätzlich aber
gilt, dass à la longue der Anteil und das Gewicht von "Fremdanbietern"
zugenommen haben. Selbstversorgung auf entwickelten Stufen ist nur in Ausnahmefällen
mit der Selbstversorgung auf früher Stufe vergleichbar, sondern bindet
typischerweise bereits vorhandene Versorgungsleistungen des Marktes kreativ
mit ein.
Schließlich ist - eigentlich
eine Selbstverständlichkeit - nachdrücklich daran zu erinnern,
wie umfassend und differenziert die Bedürfnisse der Konsumierenden
in vormoderner Zeit, ganz zu schweigen vom 19. und beginnenden 20. Jahrhundert
bereits waren. Dieser Hinweis ist deshalb notwendig, weil die aktuell verbreiteten
Vorstellungen von Konsumgesellschaft und dem, was ein Konsumgut ausmacht,
fest mit bestimmten langlebigen Gütern - Auto, Radio- und Fernsehapparat,
Kühlschrank - assoziiert sind. Selbstverständlich sind neben
gekauften Nahrungsmitteln auch Kochgeschirr, Kleidung (Stoffe, Knöpfe,
Bänder, Gürtel etc.), Kamm und Spiegel, Möbel, Bilder, Bücher,
Schuhe usf. Konsumgüter. Der Übergang von mit dem Haus fest verbundenen
Sitz- und Schlafgelegenheiten zu beweglichen Einrichtungsgegenständen,
eben zu Mobiliar, in der Frühen Neuzeit ist als Umwälzung des
Konsums mindestens ebenso bedeutsam wie die Durchsetzung des Radioempfängers
im 20. Jahrhundert.
Zu betonen bleibt ferner,
dass Dienstleistungen eine zentrale Dimension von Konsumgesellschaft sind.
Käufliche Dienstleistungen zur Befriedigung ökonomischer, sozialer,
auf Unterhaltung und Zerstreuung usf. gerichteter Bedürfnisse sind
kein Phänomen des 20. Jahrhunderts, sondern so alt wie der Erwerb
materieller Güter auf Märkten. Dazu rechnen selbstverständlich
nicht nur die in diesem Zusammenhang vielzitierte Prostitution, sondern
die Vorführungen der Gaukler, die Dienste der Bader, Theater- und
Gesangsdarbietungen, der veranstaltete Sport, die Hausschneiderei und -schlachterei
und das organisierte Reisen mit seinen vielen angelagerten Dienstleistungen
(Transport, Beherbergung, Anlage von Wegen, Zurichtung der Natur durch
Entschärfung von Risiken für den Erholung und Zerstreuung suchenden
Fremden etc.).
Für die Verlängerung
der Wege zum Konsumenten und die Erhöhung des Vermittlungsbedarfs
war die Welle der Städtegründungen im Hochmittelalter ein ebenso
wichtiger Schritt wie die Ausbreitung des Handels mit Kolonialwaren im
Zeitalter der Entdeckungen und das rasche Tempo des Urbanisierungsprozesses
in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Allerdings ist der schubweise
erfolgende Prozeß der Urbanisierung nicht direkt mit einem Verschwinden
der Selbstversorgung gleichzusetzen. Nicht nur in der Vormoderne ("Ackerbürgerstädte"),
selbst noch in der Hälfte des 20. Jahrhunderts leistete die Gartenwirtschaft
einen bedeutsamen Beitrag zur Versorgung städtischer Haushalte mit
notwendigen Lebensmitteln.
Dem langfristigen Abbau der
Selbstversorgung in den verschiedenen Dimensionen korrespondieren
- der Übergang
zur Beschaffung von Gütern und Dienstleistungen auf zunehmend anonymen
Märkten.
- unter Benutzung von Geld
als eines universalen, abstrakten, von "allen Besonderungen von Dingen
und Zeitmomenten" (Simmel) freien Tauschmediums.
- unter Einschaltung immer
stärker spezialisierter intermediärer Institutionen (Vom "Kiepenkerl"
über das Warenhaus als "Kathedralen des Konsums" des ausgehenden 19.
Jahrhunderts zum "Power-Shopping" im Internet)
Eine wichtige Etappe markiert
in diesem Zusammenhang die Herausbildung eigenständiger Strukturen
eines systematischen "Marketings" auf empirisch-wissenschaftlicher Grundlage
innerhalb und außerhalb der Unternehmen sowie die Herausbildung der
Schlüsselinstitution jeder modernen Konsumgesellschaft: der stilbildende
und identitätsstiftende "Markenartikel".
Historische Voraussetzungen
für Fortschritt und Ausbreitung dieser Entwicklung sind u.a.
- die formal gesicherte Konsumfreiheit
- als grundsätzliche Freiheit des Kaufens und Verwendens von Gütern
und Dienstleistungen durch die Beseitigung rechtlicher, hoheitlich abgesicherter
Ordnungen und sonstiger Regulative. Die Tragweite dieses Wandels erhellt
in vollem Umfang erst vor dem Hintergrund vormoderner Konsumregulative
wie der Kleider- und Luxusordnungen, der detaillierten Vorschriften zur
Einhegung des kommerziellen Geschehens auf den lokalen Märkten (Gewichts-
und Preiskontrollen, Vorkaufsrechte etc.), die lange Geschichte der Ex-
und Importverbote aus merkantilistischem Geist, die religiös oder
sonstwie (sozial, medizinisch) begründeten Tabus mit den dazu gehörigen
Sanktionen.
- der Wegfall materieller
Einschränkungen des Konsums durch nachhaltige, dauerhafte Produktivitätssteigerungen
auf allen Gebieten ("Massenproduktion", Verbesserung des Transportwesen,
periodische Märkte, Ladengeschäft etc.) mit der Folge, dass die
komparativen Kosten von Produktion inklusive Vermittlung in einer stetig
wachsenden Zahl von Bereichen für die Konsumenten unter den Aufwand
von Selbstversorgung und Vorratshaltung fallen. Die ökonomischen Relationen
in diesem Kalkül verschieben sich nicht allein durch Industrialisierung,
technisch-organisatorischen Fortschritt und die Aushandlung höherer
Einkommen im Konflikt zwischen Kapital und Arbeit, sondern etwa auch durch
eine urbane, respektive suburbane Lebensweise und das Phänomen der
"Moden", welches eine Reaktionsfähigkeit des Produktionsapparates
verlangt, über die in der Regel nur spezialisierte Anbieter verfügen.
- die Entstehung und Ausbreitung
vertraglich geregelter Geldlohnarbeit mit wichtigen Zwischenstufen wie
etwa der Monetarisierung feudaler Lasten etc..
- So wichtig die verschiedenen
ökonomischen Dimensionen im übrigen sind, für sich genommen,
vermögen sie den Übergang zur Konsumgesellschaft nicht zu erklären.
So ist eine weitere wichtige Bedingung der - in einem umfassenden
Sinne zu verstehende - Prozeß der Säkularisierung, mit dem die
Bahn frei wird für eine neue Sinnstiftung, die das Individuum und
seinen Konsum in den Mittelpunkt rückt und die Kommodifizierung individueller
Glücksvorstellungen ermöglicht.
- Ebensowenig wie die Marktwirtschaft
kommt die Konsumgesellschaft ohne "Checks" und "Balances" aus. Dort, wo
Recht käuflich wird, vermag eine auf Rechtssicherheit und Vertrauen
angewiesene Marktwirtschaft nicht zu funktionieren. Eine ähnliche
Aufgabe erfüllt der Verbraucherschutz für die Konsumgesellschaft.
Er ist nicht nur ein durch politischen Widerstand in die Welt gesetztes
Gegenprinzip. Es ist schwer vorstellbar, wie eine auf Massenabsatz beruhende
Massenproduktion ohne gesicherte Randbedingungen aufrecht erhalten werden
könnte. Hierbei spielt die Nichteinsehbarkeit der Produktionsbedingungen,
vor allem aber die eigentümliche Struktur von Vertrauen eine wichtige
Rolle. Die Herstellung von Vertrauen ist außerordentlich aufwendig,
während seine Zerstörung nur geringen Aufwand erfordert und häufig
irreversibel ist.
- Die Chance der Wahl und
das Wahlbewußtsein finden unter den Bedingungen der Moderne eine
Einschränkung vor allem dort, wo längerfristige Sicherheit erstrebt
und diese durch den - sei es auch nur temporären - Eintritt in Solidargemeinschaften
erworben werden kann. Einen eigentümlichen Zwitter stellen in diesem
Zusammenhang jene wählbaren Solidargemeinschaften dar, wie sie private
Versicherungen verkörpern. Bei ihnen wird die Wahlfreiheit durch zeitlich
mehr oder weniger lange Bindungen eingeschränkt - ein typisches Beispiel
für die Überlagerung unterschiedlicher Prinzipien in der Wirklichkeit.
Die eigentliche Einschränkung
konsumgesellschaftlicher Entwicklung verkörpert der parallel erfolgende
Aufstieg des modernen Sozialstaates. Eine Untersuchung der Konsumgesellschaft
und ihres Fortschritts seit dem 19. Jahrhundert kann nicht an der Tatsache
vorbei gehen, dass in Großbritannien etwa der Anteil privater Ausgaben
am Sozialprodukt zwischen 1880 und 1959 um 20 Prozent sank! Die Debatte
um die "Krise des Sozialstaats", die seit den 1970er Jahren in allen entwickelten
Industriegesellschaften geführt wird, hat zu wichtigen Gewichtsverschiebungen
zugunsten der Konsumgesellschaft geführt. Gleichwohl mag der Hinweis
auf den Sozialstaat unterstreichen, wie wichtig es ist, Konsumgesellschaft
als ein Bündel von Prozessen mit je eigener Entwicklungslogik und
-tempo zu begreifen.
Periodisierung
von Konsumgesellschaft
Die Vorzüge, die die
Konzentration auf einzelne Dimensionen einer Konsumgesellschaft als Untersuchungsstrategie
mit sich bringt, liegen u.a. darin, dass epochenübergreifende Wandlungsprozesse
leichter zu thematisieren sind, während das Verwechseln typisierter,
dualistisch konstruierter Begriffe - vormoderner vs. moderner Konsum -
mit der Wirklichkeit schwerer fällt. Derart vereinfachte Vorstellungen
zu korrigieren, gehört, um es noch einmal zu betonen, zu den Hauptabsichten
dieses Bandes. Der offenkundige Nachteil eines solchen Vorgehens besteht
darin, dass es per se keine eindeutigen Parameter liefert, um eindeutige
Epochenschwellen zu bestimmen. Man tut sich, mit anderen Worten, schwer
zu sagen, ab wann genau man denn von einer "Konsumgesellschaft" reden kann.
Nun läßt sich
das Bedürfnis nach einer solchen Begriffsverwendung nicht völlig
ausschalten. Die fortgesetzte Rede von der "Durchsetzung konsumgesellschaftlicher
Strukturen" ist - jedenfalls auf Dauer - schwerfällig, unschön
und unbefriedigend. An irgendeiner Stelle wird der Historiker bei allem
Insistieren auf Schattierungen und ungleichzeitigen Prozessen den Sprung
wagen und eine eindeutige Zuordnung riskieren wollen und müssen.
1. Gesichert erscheint allein,
dass die gegenwärtigen westeuropäischen Gesellschaften wesentliche
Merkmale einer entwickelten Konsumgesellschaft aufweisen. Bei einer Umfrage
dürften die meisten Bürger dieser Gesellschaften in der Gegenwart
wohl die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg als Durchbruchsepoche nennen.
Mit großer Sicherheit wäre dies jedenfalls in der Bundesrepublik
zu erwarten. Hierzulande erscheint der Übergang zu einer Konsumgesellschaft
fest mit der Währungsreform des Jahres 1948 und der Wirtschaftswunderkonjunktur
der 1950er Jahre verknüpft. In Gestalt des ersten Wirtschaftsministers,
Ludwig Erhard, besitzt dieser Durchbruch in der populären Erinnerung
Name und Gesicht. Dank der zeitlichen Nähe zur zweiten Demokratiegründung
hat sich der Anspruch, eine Konsumgesellschaft zu sein, überdies zu
einem zentralen, positiv besetzten Bestandteil des Staatsverständnisses
entwickelt.
2. Andere Historiker und
historisch arbeitende Sozialwissenschaftler, die im Aufkommen der Konsumgesellschaft
eher ein universalgeschichtliches Phänomen sehen, betonen demgegenüber
häufig den Schwellencharakter der Jahrzehnte nach dem Ersten Weltkrieg.
Die Vereinigten Staaten von Amerika während der "goldenen zwanziger
Jahre" erscheinen in dieser Perspektive als erste moderne Konsumgesellschaft
der Geschichte. Die sich dort vollziehenden Umwälzungen, so die Annahme,
strahlten mit gewissen Verzögerungen auf die übrigen entwickelten
Gesellschaften in Asien und Europa aus und setzten als attraktives Vorbild
ähnlich gerichtete Prozesse in Gang.
3. Neben diesen auf das 20.
Jahrhundert bezogenen Vorschlägen finden sich in der Literatur immer
wieder solche, die den Durchbruch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
lokalisieren. Die Konsumgesellschaft erscheint so als eine komplementäre
Erscheinung zur Phase der - je nachdem - "Fabrik-" oder "Hochindustrialisierung".
4. Der gegenwärtig am
weitesten entwickelte Strang der konsumgeschichtlichen Forschung, wie er
durch die erwähnten Studien englischer Frühneuzeit-Historiker
repräsentiert wird, verlegt, wie angedeutet, die große "Konsumrevolution"
dagegen ins 18. Jahrhundert. Ausgehend von den symbiotischen Beziehungen
zwischen Mutterland und Kolonien haben entsprechende Untersuchungen auch
den Konsumstil der nordamerikanischen Haushalte dieser Epoche in den Blick
genommen und im Ergebnis den fortgeschrittenen Grad der Marktintegration
belegt. Auf der Suche nach den Vorläufern und Vorbildern dieser Entwicklung
wiederum ist die Forschung vor allem auf die niederländische Gesellschaft
des 17. Jahrhunderts gestoßen.
In der Summe umfaßt
das Angebot konkurrierender Periodisierungsvorschläge mithin eine
Spanne von zwei, wenn nicht drei Jahrhunderten. Es ist offensichtlich,
dass diese Vorschläge zu weit auseinander liegen, um mit unterschiedlichen
nationalstaatlichen Ausprägungen erklärt werden zu können.
Für die Beschreibung
der westeuropäischen Gesellschaften nach 1945 als "Konsumgesellschaften"
ist, unter methodischem Aspekt, die Annahme zentral, dass innerhalb der
menschlichen Bedürfnisstruktur zwei klar voneinander getrennte, übereinander
geschichtete Lagen in Gestalt des sogenannten Grund- und des Wahl- oder
Luxusbedarfs existieren. Die historische Schwelle zur Konsumgesellschaft
liegt demnach nicht etwa dort, wo für den überwiegenden Teil
der Bevölkerung die Befriedigung der Grundbedürfnisse gesichert
ist, sondern erst da, wo dank hoher Einkommen und standardisierter Massenproduktion
ausreichend Ressourcen zur Befriedigung des Wahlbedarfs zur Verfügung
stehen.
Für eine solche Definition
ließe sich anführen, dass sie zumindest im Prinzip ein Schwellenkriterium
vorgibt, das eindeutige Periodisierungen ermöglicht. Auch lenkt die
Unterscheidung zwischen Grund- und Wahlbedarf die Aufmerksamkeit auf wichtige
historische Debatten um Konsumstandards. In den berühmten Debatten
über die englische Armengesetzgebung zu Beginn des 19. Jahrhunderts,
bei der Abgrenzung von Versicherungs- und Fürsorgeleistungen im 20.
Jahrhundert, überhaupt bei der Einigung über das, was unverlierbare
soziale Bürger- und Menschenrechte ausmacht, in all diesen historischen
Zusammenhängen trug und trägt die bürgerliche Gesellschaft
Auseinandersetzung über das aus, was "Grundbedürfnisse" von weitergehenden
Ansprüchen unterscheidet.
Damit ist jedoch zugleich
eine wesentliche Schwäche dieser Position angesprochen. In der Regel
vermeidet die Geschichtswissenschaft aus gutem Grund Begriffe wie den des
Grundbedarfs und betont statt dessen Plastizität und kulturelle Prägung
von Konsumformen und Anspruchsniveaus. Der "Warenkorb" der Fürsorge
hat seit seiner Erfindung nie aufgehört, Verhandlungsgegenstand zu
sein. Darüber darf die Scheinexaktheit von Kalorienmessungen als Bezugsgröße
seiner Bemessung nicht hinweg täuschen. Ohne das Phänomen
offenen oder verdeckten Hungers bei einzelnen Gruppen und Individuen zu
relativieren, wäre darauf zu verweisen, dass massenhafte Hungerkrisen
im strengen Sinne - von den Ausnahmesituationen der Kriege und Nachkriegszeiten
abgesehen - für große Teile der deutschen Bevölkerung seit
der Mitte des 19. Jahrhunderts ausgestanden waren. M.a.W., wenn man die
Befriedigung der Grundbedürfnisse in einem strengen Sinne zum ausschlaggebenden
Parameter erhebt, gelangt man zu einer deutlich anderen Periodisierung.
Ein anderer wichtiger Einwand
ergibt sich daraus, dass diese Periodisierung weder dem Phänomen der
sozialen Ungleichheit noch dem der Ungleichzeitigkeit in der Entfaltung
allgemeiner Trends gerecht wird. Einzelne Regionen, vor allem aber bestimmte
gesellschaftliche Klassen und Schichten - und natürlich auch Alterskohorten
- genießen die positiven Wirkungen sich entfaltender konsumgesellschaftlicher
Strukturen früher und intensiver als andere. Ähnlich wie in der
Industrialisierungsforschung und der historischen Schichtungsanalyse bilden
solche Unterschiede zentrale Erscheinungen im Prozeß der Entfaltung
der Konsumgesellschaft, die nicht dadurch ausgeblendet werden sollten,
dass man definitorisch die Messlatte zu hoch legt.
Viel spricht im übrigen
dafür, dass die Dynamik konsumgesellschaftlicher Entwicklung in unmittelbarem
Zusammenhang mit solchen, gelegentlich außerordentlich scharfen Spannungen
steht, die aus dem Gefälle von Konsumchancen an verschiedenen Stellen
in der Gesellschaft und zwischen ganzen Gesellschaften resultieren.
Dieser Einwand scheint unmittelbar
jene Positionen zu bestätigen, die den Durchbruch in die amerikanische
Gesellschaft der 1920er Jahre verlegen. Dass viele politische und gesellschaftliche
Prozesse im Europa der Zwischenkriegszeit völlig anders als in den
USA abliefen, wäre kein überzeugendes Gegenargument, solange
man nachweisen könnte, dass das entwickelte amerikanische Vorbild
- wenn auch vielleicht verzögert - in dieser Hinsicht auf die Dauer
starken Einfluß auf andere Weltregionen ausübte. Ein solcher
Nachweis ist in der Tat für einzelne Bereiche geführt worden.
Viele wichtige Entwicklungen, die die Geschichte der europäischen
Konsumgesellschaft nach 1945 charakterisieren, - die Entstehung von Supermärkten,
das so wichtige Prinzip der Selbstbedienung, die Massenproduktion von spezifischen
langlebigen Konsumgütern, die optimistische Vision einer Welt als
Zugewinngemeinschaft - sind mitunter direkt auf amerikanische Einflüsse
zurückzuführen. In anderen Fällen läßt sich zumindest
eine starke Anregung durch dieses Vorbild wahrscheinlich machen.
Gleichwohl bleiben Zweifel,
ob das Prinzip der modernen Konsumgesellschaft erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts
in die Welt gesetzt wurde. So ist das Prinzip der Massenproduktion von
Konsumgütern eben doch wesentlich älter, als es die Debatte um
sog. Fordismus suggeriert. Überhaupt rücken mit dieser Interpretation,
wie bereits angedeutet, bestimmte, sehr spezifische Konsumgüter unter
Vernachlässigung anderer unzulässig in den Vordergrund.
Läuft mithin alles auf
die englische Gesellschaft des 18. Jahrhunderts als Geburtsort der modernen
Konsumgesellschaft hinaus, mit historischen Vorläufern im "Goldenen
Zeitalter" der Niederlande und dem Italien der Renaissancezeit? Noch, so
scheint es, hat die Forschung kein abschließendes Urteil über
diese anregende These gefällt. Die verfügbaren Studien belegen
eindrucksvoll das Ausmaß konsumgesellschaftlicher Modernität
Englands in einzelnen Bereichen - die erstaunliche Bewegungsfreiheit der
Konsumenten aller Schichten aber auch des Handels und seiner Freiheit zur
"Spekulation" selbst mit Gütern des Grundbedarfs, das entwickelte
Mode- und Stilbewußtsein, die Massenproduktion von Gütern des
täglichen Bedarfs, die frappierend weit entwickelte Marketingtechnik
einzelner Unternehmer usf. In welchem quantitativen Verhältnis Tradition
und Wandel jedoch tatsächlich standen, ist immer noch eine ungeklärte,
bislang nicht ernsthaft angegangene Frage. Vielleicht relativiert sich
die Problemstellung auch - jedenfalls, was die englische Gesellschaft angeht,
- mit dem Hinweis, daß die Geburt einer Ära etwas anderes als
der Zustand der Reife oder der der Hegemonie ist. Ob der Konsum jener ausschlaggebende
Faktor war, der den weiteren Modernisierungsprozeß in Gang setzte
und etwa die industrielle Revolution initiierte, ist weiterhin heftig umstritten.
Ohne der Geburtsthese direkt
zu widersprechen, datieren andere englische Historiker, die sich mit der
gesamtgesellschaftlichen Durchsetzung der Konsumgesellschaft beschäftigen,
diesen Vorgang erst auf die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Tatsächlich
hat von allen vertretenen Thesen diejenige, die in der Konsumgesellschaft
eine komplementäre Struktur zur urbanen Industriegesellschaft sieht,
zumindest prima facie, wohl doch die größte Plausibilität.
Die Schnittmengen in den Voraussetzungen - Konsum- und Gewerbefreiheit,
kommerzialisierte Landwirtschaft, Lohnarbeit, Fabrikindustrie, Massenproduktion,
Transportrevolution, Urbanisierung, räumliche Trennung von Wohnen
und Arbeiten etc. - sind umfangreich und sie wiegen schwer. Insofern spricht
viel dafür, von einer solchen Annahme zumindest als Arbeitshypothese
auch für die deutschen Staaten auszugehen. Ob bei den dafür notwendigen
Untersuchungen wirklich ein tiefer Graben, der die Vormoderne des Konsums
von der modernen Konsumgesellschaft trennt, freigelegt oder lediglich eine
längere Periode beschleunigten Wandels sichtbar wird, in der sich
einzelne zentrale Dimensionen rasch veränderten, bleibt abzuwarten.
|