| Vor der Konsumgesellschaft. Pessimistische
Zukunftserwartungen, gesellschaftliche Leitbilder und regionale Evidenz
1918-1960
In der populären Erinnerung existieren klare Vorstellungen
darüber, welche Zukunftserwartungen den politischen Entscheidungen
nach 1945 in der Bundesrepublik eine eindeutige Richtung verliehen. In
seinen 1996 publizierten autobiographischen Skizzen schreibt der Schriftsteller
Hellmuth Karasek:
"Da die Deutschen das Jahr 1945 als 'Zusammenbruch'
erlebten (und nicht das Jahr '33), das Kriegsende als 'Stunde Null', konnte
es eigentlich nur bergauf gehen. ... Gründerstimmung, Gründeroptimismus
lag in der Luft. Man sah das Ziel und konnte deshalb den Weg übersehen."
Dem "Übervater Adenauer", so Karasek weiter, habe "Ludwig Erhard zur
Seite [gestanden], der uns den Konsum als höchste Moral empfahl: Die
D-Mark muß rollen ..."
Selbst im Urteil vieler Historiker berühren sich die
fünfziger Jahre in diesem Punkt mit den Jahrzehnten vor dem Ersten
Weltkrieg. Beide Epochen gelten nicht nur als wirtschaftliche Gründerzeiten
und Orte dramatischen Wandels, sondern auch als Epochen deutscher Geschichte,
in denen ein robuster Zukunftsoptimismus nahezu alle Bereiche des gesellschaftlichen
Lebens durchdrang. Bei der Erklärung dieser Einstellung lassen sich
in der Literatur zwei Stränge - einer mehr auf exogene und ein anderer
stärker auf endogene Faktoren gerichteter - unterscheiden.
1. Der exogene Strang fällt weitgehend mit der sogenannten
Amerikanisierungsthese zusammen. Damit ist gemeint (a) der bewußt
geplante und mit äußerer Macht abgestützte "erzieherische"
Einfluß der amerikanischen Besatzungsmacht auf Orientierungen und
Vorstellungen der deutschen Bevölkerung wie auch (b) eine indirekt-ungeplante
Amerikanisierung aufgrund der, wie es die amerikanische Historikerin Victoria
de Grazia einprägsam formuliert hat, "carrying power" amerikanischer
Kultur.
2. Daneben steht ergänzend eine Erklärung, die
auf die endogenen Ursprünge der Aufbaumentalität verweist. Sie
liefert gleichsam den psychologischen Resonanzboden der Amerikanisierung
nach. Am häufigsten wird hierfür die psychologische Situation
der Zusammenbruchsgesellschaft bemüht. Zerstörung und Niederlage
im Mai 1945 hätten bei großen Teilen der Bevölkerung eine
Art Katharsis gewirkt. Man krempelte - wie es immer wieder gebrauchten
Wendungen heißt - die Ärmel hoch, richtete den "Blick nach
vorn" und entwickelte darüber jenen robusten hemdsärmeligen
Optimismus, der als der Kern der "Wiederaufbaumentalität" gilt.
Ist dies eine angemessene Charakterisierung jener Zukunftserwartungen,
die die Mehrheit der Bevölkerung und die politischen und wirtschaftlichen
Eliten in den ersten Nachkriegsjahren tatsächlich hegten? Hat der
Glaube, in einem "Wirtschaftswunderland" zu leben, wie man ihn in den sechziger
Jahren an vielen Stellen antrifft, seine Ursprünge in dieser frühen
Aufbaumentalität oder werden damit Brüche, Wandlungen, nachhaltige
Veränderungen unterschätzt?
Eine solche Problemstellung führt unmittelbar zur
weitergehenden Frage, wie sich die Zukunftsvorstellungen in der deutschen
Gesellschaft des 20. Jahrhunderts überhaupt langfristig entwickelten?
Von welchen Faktoren waren sie abhängig? Gab es Gemeinsamkeiten zwischen
verschiedenen Gruppen oder plante etwa jede Gruppe ihre eigene Zukunft?
Eine Ausgangshypothese der geplanten Studie lautet, dass
es neben jenem Strang von Erwartungen, der bereits im ausgehenden Kaiserreich
in den Vereinigten Staaten von Amerika das Land der Zukunft sah und dies
mit einer optimistischen Sicht zumal der wirtschaftlichen Zukunft verband,
eine mindestens ebenso verbreitete skeptische Sicht der weiteren Zukunft
gab. Diese skeptische Sichtweise fand in der Zwischenkriegszeit ihren Bezugspunkt
in der vieldiskutierten "Theorie vom Ende des Exportindustrialismus". Ihre
soziale Basis war außerordentlich breit und reichte weit bis ins
Lager der Sozialdemokratie und des Liberalismus hinein. Angesichts ausgesprochener
Skepsis, ob es möglich sein werde, hohe Wachstumsraten der Wirtschaft
und niedrige Arbeitslosigkeit in Europa dauerhaft herbeizuführen,
setzen viele der demokratischen, nicht-aggressiven Träger skeptischer
Zukunftserwartungen auf innere "Landnahme": sprich "Auflockerung" der Großstädte,
Landaussiedlung, Ausbau der Selbstversorgung und der Gartenwirtschaft etc.
Diese Vorstellungen erhielten sich bei erheblichen Teilen der deutschen
Elite über den Zweiten Weltkrieg hinweg. Hierzu zählen u.a. einige
jener prominenten Ökonomen, die bis heute als Gründerväter
und Vordenker der "sozialen Marktwirtschaft" gelten. "Mut zur Armut" lautete
so etwa die programmatische Rezeptur für den Wiederaufbau, auf die
sich bei allen Unterschieden in der Generationszugehörigkeit, persönlichem
Temperament und ideologischem Standort der bedeutendste Kreis marktwirtschaftlich
orientierter Nationalökonomen innerhalb Deutschlands vor 1945 einigen
konnte..
Die Gruppe derjenigen, die in den deutschen Führungsschichten
zwischen Stalingrad und Währungsreform skeptisch über die Zukunft
des industriellen Kapitalismus und sein wohlstandsteigerndes Potential
dachten, war groß. Sie dürfte bei einigen wenigen, nicht wirklich
zentralen Auffassungsunterschieden die Mehrheit im Lager der bürgerlichen
Nationalökonomie in Deutschland, viele Politiker, Sozialreformer,
Raumplaner und Sozialwissenschaftler umfaßt haben. Diese Erwartungen
fanden ihren Niederschlag in Plänen zu einer Dezentralisierung von
Wohnen, Leben und Arbeiten auf ländlichen Flächen bzw. für
einen grundlegenden Neuaufbau der Städte. Als jedoch unter dem Druck,
den Wiederaufbau kurzfristig zu improvisieren, die vorhandene städtische
Wohnsubstanz, so zerstört sie auch war, wieder an Bedeutung gewann,
rückten diese radikalen Stadtreformkonzepte schnell an den Rand. Vor
allem der Hinweis auf die unzerstörten unterirdischen Versorgungseinrichtungen,
die sogenannte "zweite Stadt unter Erde", und natürlich - im Hintergrund,
aber dafür um so wichtiger - die Eigentumsrechte spielten in diesen
Debatten eine zentrale Rolle. Daß die Stadt in ihrer traditionellen
Form - zumindest in ihren Kernstrukturen - bestehen bleiben würde,
war von diesem Zeitpunkt ab ein Faktum, auf das sich alle Reformplanungen
einstellten. Mit dieser Grundentscheidung war das Ideal des krisenresistenten
Wohnens in seiner idealen Gestalt als Eigenheim mit bewirtschaftungsfähiger
Landzulage aber nicht ad acta gelegt. Im Bergarbeiterwohnungsbau, der bei
der konzeptionellen Entwicklung des Wiederaufbaus eine Schlüsselrolle
spielte, setzte sich diese Wohnform gegen den Widerstand der Alliierten,
die auf einer kostengünstigeren Lösung beharrten, durch.
Befragungen aus den frühen 1950er Jahren belegen,
dass das Einzelhaus mit Wirtschaftsfläche tatsächlich breiter
Zustimmung in der Bevölkerung begegnete. Auch die Idee des Siedlungsbaus
erlebte eine kurzfristige Konjunktur. Hinzuweisen wäre im übrigen
auch auf das Wiederaufleben der Kleingartenbewegung, deren organisierter
Teil rd. eine Million Mitglieder umfaßte. Ein bleibendes Resultat
hinterließ der Pessimismus jedoch gerade in einem Bereich, der oft
als der Ausweis der früh entstandenen Konsummentalität überhaupt
gedeutet wird, nämlich der Entscheidung der Bundesregierung frühzeitig
auf den Eigenheimbau zu setzen. Die im Jahre 1953 erfolgende Novellierung
des Ersten Wohnungsbaugesetzes lag genau im historischen Schnittpunkt defensiv-pessimistischer
Perspektiven, eines langsam Konturen gewinnenden Zukunftsvertrauens und
darauf beruhender hoher Konsumerwartungen, deren Einlösung dauerhaftes
Wachstum voraussetzte. Dieser Schritt war zu diesem Zeitpunkt höchst
umstritten, denn schließlich fehlten noch Millionen von Wohnungen
in den Städten. Unter diesen Bedingungen verlieh der pessimistische
Kontext, aus dem das Konzept stammte, seine assoziative Verbindung mit
Fleiß, Sparsamkeit und Konsumaskese, ihm jene politisch-moralische
Legitimation, die man ihm angesichts der allgemeinen Wohnungsnot mit guten
Gründen absprechen konnte.
|