Michael Prinz, PD Dr.
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Michael Prinz, Vor der Konsumgesellschaft. Pessimistische Zukunftserwartungen, gesellschaftliche Leitbilder und regionale Evidenz 1918-1960. Projektbeschreibung [Online], Januar 2002 [zitiert am .....], verfügbar unter: "http://www..." 
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Vor der Konsumgesellschaft. Pessimistische Zukunftserwartungen, gesellschaftliche Leitbilder und regionale Evidenz 1918-1960

In der populären Erinnerung existieren klare Vorstellungen darüber, welche Zukunftserwartungen den politischen Entscheidungen nach 1945 in der Bundesrepublik eine eindeutige Richtung verliehen. In seinen 1996 publizierten autobiographischen Skizzen schreibt der Schriftsteller Hellmuth Karasek: 

"Da die Deutschen das Jahr 1945 als 'Zusammenbruch' erlebten (und nicht das Jahr '33), das Kriegsende als 'Stunde Null', konnte es eigentlich nur bergauf gehen. ... Gründerstimmung, Gründeroptimismus lag in der Luft. Man sah das Ziel und konnte deshalb den Weg übersehen." Dem "Übervater Adenauer", so Karasek weiter, habe "Ludwig Erhard zur Seite [gestanden], der uns den Konsum als höchste Moral empfahl: Die D-Mark muß rollen ..." 
Selbst im Urteil vieler Historiker berühren sich die fünfziger Jahre in diesem Punkt mit den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg. Beide Epochen gelten nicht nur als wirtschaftliche Gründerzeiten und Orte dramatischen Wandels, sondern auch als Epochen deutscher Geschichte, in denen ein robuster Zukunftsoptimismus nahezu alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens durchdrang. Bei der Erklärung dieser Einstellung lassen sich in der Literatur zwei Stränge - einer mehr auf exogene und ein anderer stärker auf endogene Faktoren gerichteter - unterscheiden. 

1. Der exogene Strang fällt weitgehend mit der sogenannten Amerikanisierungsthese zusammen. Damit ist gemeint (a) der bewußt geplante und mit äußerer Macht abgestützte "erzieherische" Einfluß der amerikanischen Besatzungsmacht auf Orientierungen und Vorstellungen der deutschen Bevölkerung wie auch (b) eine indirekt-ungeplante Amerikanisierung aufgrund der, wie es die amerikanische Historikerin Victoria de Grazia einprägsam formuliert hat, "carrying power" amerikanischer Kultur. 

2. Daneben steht ergänzend eine Erklärung, die auf die endogenen Ursprünge der Aufbaumentalität verweist. Sie liefert gleichsam den psychologischen Resonanzboden der Amerikanisierung nach. Am häufigsten wird hierfür die psychologische Situation der Zusammenbruchsgesellschaft bemüht. Zerstörung und Niederlage im Mai 1945 hätten bei großen Teilen der Bevölkerung eine Art Katharsis gewirkt. Man krempelte - wie es immer wieder gebrauchten Wendungen heißt - die Ärmel hoch, richtete den "Blick nach vorn" und entwickelte darüber jenen robusten hemdsärmeligen Optimismus, der als der Kern der "Wiederaufbaumentalität" gilt. 

Ist dies eine angemessene Charakterisierung jener Zukunftserwartungen, die die Mehrheit der Bevölkerung und die politischen und wirtschaftlichen Eliten in den ersten Nachkriegsjahren tatsächlich hegten? Hat der Glaube, in einem "Wirtschaftswunderland" zu leben, wie man ihn in den sechziger Jahren an vielen Stellen antrifft, seine Ursprünge in dieser frühen Aufbaumentalität oder werden damit Brüche, Wandlungen, nachhaltige Veränderungen unterschätzt? 

Eine solche Problemstellung führt unmittelbar zur weitergehenden Frage, wie sich die Zukunftsvorstellungen in der deutschen Gesellschaft des 20. Jahrhunderts überhaupt langfristig entwickelten? Von welchen Faktoren waren sie abhängig? Gab es Gemeinsamkeiten zwischen verschiedenen Gruppen oder plante etwa jede Gruppe ihre eigene Zukunft? 

Eine Ausgangshypothese der geplanten Studie lautet, dass es neben jenem Strang von Erwartungen, der bereits im ausgehenden Kaiserreich in den Vereinigten Staaten von Amerika das Land der Zukunft sah und dies mit einer optimistischen Sicht zumal der wirtschaftlichen Zukunft verband, eine mindestens ebenso verbreitete skeptische Sicht der weiteren Zukunft gab. Diese skeptische Sichtweise fand in der Zwischenkriegszeit ihren Bezugspunkt in der vieldiskutierten "Theorie vom Ende des Exportindustrialismus". Ihre soziale Basis war außerordentlich breit und reichte weit bis ins Lager der Sozialdemokratie und des Liberalismus hinein. Angesichts ausgesprochener Skepsis, ob es möglich sein werde, hohe Wachstumsraten der Wirtschaft und niedrige Arbeitslosigkeit in Europa dauerhaft herbeizuführen, setzen viele der demokratischen, nicht-aggressiven Träger skeptischer Zukunftserwartungen auf innere "Landnahme": sprich "Auflockerung" der Großstädte, Landaussiedlung, Ausbau der Selbstversorgung und der Gartenwirtschaft etc. Diese Vorstellungen erhielten sich bei erheblichen Teilen der deutschen Elite über den Zweiten Weltkrieg hinweg. Hierzu zählen u.a. einige jener prominenten Ökonomen, die bis heute als Gründerväter und Vordenker der "sozialen Marktwirtschaft" gelten. "Mut zur Armut" lautete so etwa die programmatische Rezeptur für den Wiederaufbau, auf die sich bei allen Unterschieden in der Generationszugehörigkeit, persönlichem Temperament und ideologischem Standort der bedeutendste Kreis marktwirtschaftlich orientierter Nationalökonomen innerhalb Deutschlands vor 1945 einigen konnte.. 

Die Gruppe derjenigen, die in den deutschen Führungsschichten zwischen Stalingrad und Währungsreform skeptisch über die Zukunft des industriellen Kapitalismus und sein wohlstandsteigerndes Potential dachten, war groß. Sie dürfte bei einigen wenigen, nicht wirklich zentralen Auffassungsunterschieden die Mehrheit im Lager der bürgerlichen Nationalökonomie in Deutschland, viele Politiker, Sozialreformer, Raumplaner und Sozialwissenschaftler umfaßt haben. Diese Erwartungen fanden ihren Niederschlag in Plänen zu einer Dezentralisierung von Wohnen, Leben und Arbeiten auf ländlichen Flächen bzw. für einen grundlegenden Neuaufbau der Städte. Als jedoch unter dem Druck, den Wiederaufbau kurzfristig zu improvisieren, die vorhandene städtische Wohnsubstanz, so zerstört sie auch war, wieder an Bedeutung gewann, rückten diese radikalen Stadtreformkonzepte schnell an den Rand. Vor allem der Hinweis auf die unzerstörten unterirdischen Versorgungseinrichtungen, die sogenannte "zweite Stadt unter Erde", und natürlich - im Hintergrund, aber dafür um so wichtiger - die Eigentumsrechte spielten in diesen Debatten eine zentrale Rolle. Daß die Stadt in ihrer traditionellen Form - zumindest in ihren Kernstrukturen - bestehen bleiben würde, war von diesem Zeitpunkt ab ein Faktum, auf das sich alle Reformplanungen einstellten. Mit dieser Grundentscheidung war das Ideal des krisenresistenten Wohnens in seiner idealen Gestalt als Eigenheim mit bewirtschaftungsfähiger Landzulage aber nicht ad acta gelegt. Im Bergarbeiterwohnungsbau, der bei der konzeptionellen Entwicklung des Wiederaufbaus eine Schlüsselrolle spielte, setzte sich diese Wohnform gegen den Widerstand der Alliierten, die auf einer kostengünstigeren Lösung beharrten, durch. 

Befragungen aus den frühen 1950er Jahren belegen, dass das Einzelhaus mit Wirtschaftsfläche tatsächlich breiter Zustimmung in der Bevölkerung begegnete. Auch die Idee des Siedlungsbaus erlebte eine kurzfristige Konjunktur. Hinzuweisen wäre im übrigen auch auf das Wiederaufleben der Kleingartenbewegung, deren organisierter Teil rd. eine Million Mitglieder umfaßte. Ein bleibendes Resultat hinterließ der Pessimismus jedoch gerade in einem Bereich, der oft als der Ausweis der früh entstandenen Konsummentalität überhaupt gedeutet wird, nämlich der Entscheidung der Bundesregierung frühzeitig auf den Eigenheimbau zu setzen. Die im Jahre 1953 erfolgende Novellierung des Ersten Wohnungsbaugesetzes lag genau im historischen Schnittpunkt defensiv-pessimistischer Perspektiven, eines langsam Konturen gewinnenden Zukunftsvertrauens und darauf beruhender hoher Konsumerwartungen, deren Einlösung dauerhaftes Wachstum voraussetzte. Dieser Schritt war zu diesem Zeitpunkt höchst umstritten, denn schließlich fehlten noch Millionen von Wohnungen in den Städten. Unter diesen Bedingungen verlieh der pessimistische Kontext, aus dem das Konzept stammte, seine assoziative Verbindung mit Fleiß, Sparsamkeit und Konsumaskese, ihm jene politisch-moralische Legitimation, die man ihm angesichts der allgemeinen Wohnungsnot mit guten Gründen absprechen konnte.